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Die Politik hinter der smarten Stadt

01 November 2018

Moderne Städte sind weitgehend auf unsichtbare Infrastrukturen angewiesen. Die vielbeschworenen „Smart Cities“ versprechen, das Urbane zu digitalisieren – aber was passiert, wenn sie scheitern? Wie können wir sicherstellen, dass Städte in der digitalen Gesellschaft öffentliche Räume bleiben? Wie können sie so gestaltet werden, dass sie öffentlichen Nutzen und nicht nur kommerzielle Interessen fördern? Am 24. September setzte Stephen Graham die Vortragsreihe „Making Sense of the Digital Society“ fort. In diesem Artikel blickt Marc Pirogan zurück auf den Vortrag zur Politik der digitalen Infrastruktur in der Stadt.

Zu Beginn seiner Rede betonte Graham die Eigenschaft von Infrastruktur, Natur in Kultur zu transformieren. Sie bringt Ressourcen aus dem Hinterland in die Stadt und hilft dabei den Ausstoß, der in Städten anfällt, wieder heraus zu befördern. Die Infrastrukturnetze von Logistik, Lebensmitteln, Energie, Abfall, Information und so weiter sind oft unsichtbar, doch ohne sie würde das Leben sofort zusammenbrechen.

Infrastruktur ist etwas, worüber oft gesprochen, aber selten präzise beschrieben wird. Aufbauend auf Susan Leigh Star, führte Graham mehrere Charakteristika von Infrastruktur auf, die dabei helfen ein besseres Verständnis von ihr zu erlangen. Infrastruktur vergrößert die räumliche und zeitliche Reichweite und komprimiert so die Kategorien Raum und Zeit. Menschen müssen lernen, Infrastruktur zu benutzen und damit ist diese verbunden mit Handlungskonventionen, weshalb Kultur und soziale Normen eine wichtige Rolle spielen. Des Weiteren verkörpert Infrastruktur Standards, was beispielsweise anhand national unterschiedlicher Standards für Steckdosen sichtbar wird. Außerdem ist sie in die Welt um uns herum eingebettet und wird normalerweise modul- und stückweise gebaut.

Es wird oft vergessen, dass Infrastruktur in verschiedene Aspekte des Lebens eingebettet ist und diese überhaupt erst ermöglicht. Infrastruktur ist transparent in dem Sinne, dass man nicht alle komplexen Prozesse, die sich hinter ihr befinden, verstehen muss, um sie zu nutzen. Deshalb sprechen Wissenschaftler oft vom ‚Blackboxing‘ von Technologien. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, dass Infrastruktur oft erst sichtbar wird, wenn sie kollabiert. Zum Beispiel sind bei einem Bahntunnelbrand in Baltimore 2001 Glasfaserkabel beschädigt worden, was zu fehlendem E-Mail-Zugang in vielen afrikanischen Ländern führte. Diese sich hinter dem Digitalen verbergende Materialität wird oft vergessen.

Im Hinblick auf digitale Infrastruktur hielt Graham fest, dass diese unter anderem auch aus riesigen Serverfarmen besteht, die einen enorm hohen Energieverbrauch aufweisen. Aus diesem Grund werden sie immer weiter in nördliche Regionen des Globus verlegt, wo die riesigen Kühlungssysteme besser funktionieren. Es ist wichtig, sich diese Hinterbühne des Digitalen und „Virtuellen“ bewusst zu machen, weil sie erhebliche Auswirkungen auf die Umwelt hat. Infrastruktur ist deshalb nicht nur ein technisches Thema, sondern zutiefst politisch.

Heutzutage leben wir in einer Gesellschaft, in der digitale Infrastruktur fast alles vermittelt. Im Gegensatz zu früheren Annahmen hat die Digitalisierung den Prozess zunehmender Urbanisierung jedoch nicht aufgehalten. Zwischen den 1960er und 1980er Jahren gingen viele Wissenschaftler davon aus, dass Städte aufgrund der steigenden Kapazität Informationen zu verarbeiten verschwinden würden. Durch diese Raum-Zeit-Kompression würden die Kategorien Raum und Zeit an Bedeutung verlieren. Im Gegenteil dazu argumentierte Graham, dass digitale Medien und Technologien Urbanisierung befördern. Orte sind weiterhin wichtig, vielleicht mehr denn je. Anstatt bestehende Infrastruktur zu ersetzen, wird diese durch die Digitalisierung erneuert. Orte werden reorganisiert und so auch die Städte als Ganze.

Upcoming lecture: Nick Couldry on data colonialism

Im Hinblick auf Städte warf Graham noch einen Blick auf das Konzept der ‚Smart City‘, das in den vergangenen Jahren sehr dominant geworden ist. Dieser futuristische Begriff wird hauptsächlich von Technologiekonzernen, Immobilienentwicklern und Stadtregierungen für Marketingzwecke genutzt. Die Idee der Smart City ist im Grunde genommen eine kybernetische, die impliziert, dass Informationen es erlauben, perfekte Kontrolle über das Leben in einer Stadt zu erlangen. Kybernetische Vorstellungen existieren bereits seit den 1940er Jahren und trotz aller bisherigen Fehlversuche argumentieren die dominanten Akteure, dass nun, mit Hilfe neuer digitaler Technologien, perfekte Kontrolle möglich sein wird.

Technologieunternehmen wie IBM bieten Systeme und Services an, die es Stadtverwaltungen erlauben, separate Aufgabenbereiche zentral und in Echtzeit miteinander zu verknüpfen. Städte versuchen sich hingegen als Innovationsorte zu präsentieren, was ihnen symbolische Macht verleiht und Kapital anzieht. Darüber hinaus werden die futuristischen Vorstellungen der Smart City von technologischem Fortschritt und Effizienz mit einem ökologischen Versprechen verbunden. Graham merkte an, dass in diesen Konzepten oft Menschen und eine soziale Komponente der Stadt fehlen. Deshalb beschrieb er die Smart City als technokratische und elitäre Vision.

Wenn Städte als breite Palette von Software organisiert werden, wird Software zunehmend handlungsmächtig. Die Politik der Stadt wird dann zunehmend durch diejenigen bestimmt, die die Software programmieren. Dies geschieht oft unsichtbar und wird in einer Weise implementiert, der nur schwer durch politische Mobilisierung, Aktivismus und Regulierung entgegengehalten werden kann. Allgegenwärtige Videokameras und softwarebasierte Analyseinstrumente sind nicht an verantwortliche Individuen gebunden und so haben die Programmierer der Software erheblichen Einfluss auf das städtische Leben.

Anstelle der anti-sozialen und technokratischen Logik der Smart City schlug Graham den Ansatz einer sozialen Vision für die Zukunft von Städten vor. Diese Visionen müssen zunächst mit all den sozialen, politischen und ökologischen Problemen von Städten und ihren Bewohnern beginnen. Digitale Technologien und Infrastruktur kann ein Teil der Lösung für die urbanen Probleme sein, sollten aber nicht als allumfassendes Heilmittel betrachtet werden.

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Stephen Graham ist Professor of Cities and Society an der Newcastle University School of Architecture, Planning and Landscape. Er hat einen interdisziplinären Hintergrund in Humangeographie, Urbanism und Techniksoziologie. Seit den frühen 1990er Jahren beschäftigt er sich aus einer kritischen Perspektive wie sich Städte durch einschneidende Veränderungen von Infrastruktur, Mobilität, digitalen Medien, Überwachung, Sicherheit, Militarismus und Vertikalität wandeln. Die Redenreihe Making Sense of the Digital Society wird am 20. November 2018 mit Nick Couldry fortgeführt. Wenn Sie auf dem Laufenden bleiben möchten, können Sie hier unseren Veranstaltungsnewsletter abonnieren.

Dieser Beitrag spiegelt die Meinung des Autors und weder notwendigerweise noch ausschließlich die Meinung des Institutes wider. Für mehr Informationen zu den Inhalten dieser Beiträge und den assoziierten Forschungsprojekten kontaktieren Sie bitte info@hiig.de

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