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Die Zukunft der Arbeit? An der Zukunft arbeiten!

24 Juli 2018| doi: 10.5281/zenodo.1346137

Bis 2030 wird die Hälfte aller Arbeitsplätze verschwunden sein. Einfach weg, der künstlichen Intelligenz zum Opfer gefallen, durch Roboter ersetzt. So oder so ähnlich geistert das Schreckgespenst der Automatisierung in jüngerer Zeit durch die Feuilletons, Bestsellerlisten und Weltwirtschaftsforen. Die Automatisierung gefährdet offenbar die Demokratie, die soziale Marktwirtschaft, und schuld an Trump ist sie sowieso.

Die virale Gespenstergeschichte von der „Hälfte aller Jobs” hat eine Studie an der Oxford-Universität ins Spiel gebracht. Zwar basiert die lediglich auf ein paar Experteninterviews, einer Pi-mal-Daumen-Methode also, wie ihre Autoren selbst auch anmerken. Aber um das dystopische Bild einer „jobless future” (Martin Ford) zu zeichnen, taugt sie allemal.

Eine zweite Zahl beflügelt eine ganz andere Art von Fantasien: Nur 13% der arbeitenden Menschen weltweit machen ihre Arbeit engagiert oder gar gerne. Der Rest sitzt vor allem seine Zeit ab und hat innerlich schon lange gekündigt. Obwohl auch diese Zahl auf einer Studie mit nur 1400 Befragten basiert, leuchtet es wohl ein, dass der allergrößte Teil der bezahlten Arbeit auf der Welt eine ziemliche Plackerei ist, deren Sinnhaftigkeit oft alles andere als klar ist.

Wenn Sie diesen Artikel lesen, ist die Wahrscheinlichkeit zwar hoch, dass sie sie einen relativ privilegierten Job haben, der ihnen zumindest ein gelegentliches Flow-Erlebnis bietet oder vielleicht sogar etwas Sinn stiftet. Damit sind Sie aber die globale Ausnahme: Den wenigsten Arbeitenden weltweit geht es so gut wie Ihnen. Und schon seit Anbeginn der Moderne wissen Denker und Utopisten, von Thomas Morus über Marx und Keynes bis Deichkind: Arbeit nervt.

47% der Jobs, von denen nur 13% glücklich machen, fallen also weg? Wer die beiden Zahlen zusammen denkt, kommt schnell auf die Idee: Begrüßen wir doch die Automatisierung, wenn sie uns die ungeliebten Jobs nimmt! Warum nicht Roboter und Algorithmen die Drecksarbeit machen lassen – dann haben wir Zeit, um „morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben und nach dem Essen zu kritisieren“ – das berühmte Marx’sche Diktum, das Richard David Precht gerade neu vermarktet. Mehr Zeit für soziale Beziehungen also, gesellschaftliches Engagement für alle, und jede Menge Flow. „Post-Work” nennen manche solche Visionen, oder gleich „Vollautomatisierten Luxuskommunismus”. Sie gehen von der Erkenntnis aus, dass weder die 40-Stunden-Woche, noch der überbordende Konsum, dessen Zweck sie ja erfüllt, für den Menschen etwas Natürliches, Gesundes oder eine nachhaltige Quelle von Glück darstellt. Von der Vereinbarkeit mit den planetarischen Grenzen des Wirtschaftswachstums ganz zu schweigen.

Die Vision vom Ende der Arbeit rührt also offenbar an eine tiefe Sehnsucht, aber ist sie auch in einer absehbaren Zukunft realisierbar? Bei Paul Mason wird das Paradies einfach durch ein bedingungsloses Grundeinkommen möglich, und bei Precht wird dieses wiederum wird aus einer Finanztransaktionssteuer bezahlt. In den weniger konkreten Versionen der Idee sollen Arbeiter in den Besitz der Roboter gelangen, die sie ersetzen, oder irgendwie gegen den Kapitalismus revoltieren. Andere – wie die Akzelerationismus-Vordenker Nick Srnicek und Alex Williams – analysieren detaillierter, welche Schritte die politische Linke heute gehen müsste, um morgen das Paradies in Griffweite zu rücken. Sie definieren also einen politischen Weg, den die Umsetzung ihrer Vision erfordern würde, und zu ihm gehört auch, mehr Diversität in die Tech-Industrie zu bringen. Allerdings geben sie auch zu, dass es damit noch nicht besonders weit her ist, und dass es zurzeit nicht unbedingt die Linke ist, die im Westen die politischen Debatten beherrscht – ihren Weg zu gehen, erfordert also einen ziemlich langen Atem.

Die Vergangenheit der Zukunft der Arbeit

Die Angst vor der Automatisierung ist allerdings alles andere als neu. Schon im April 1964 befürchtete der Spiegel, dass in Zukunft durch den Einsatz von Robotern massiv Arbeitsplätze wegfallen würden. Von den Maschinenstürmern des 19. Jahrhunderts ganz zu schweigen.

Dabei kam es doch immer anders: Maschinen schufen bislang fast immer mehr neue Jobs, als sie ersetzten. Das liegt daran, dass sie die Produktivität einer Volkswirtschaft insgesamt erhöhen, und damit die Nachfrage nach neuen Produkten wie auch Investitionen in neue Arbeitsplätze ermöglichen.

Als etwa der Computer in den 1980ern die Büros erreichte, verdrängte er die Angestellten nicht von dort – er nahm ihnen vielmehr die repetitiven Aufgaben ab, machte sie so produktiver und schuf damit neue, teils sogar besser bezahlte Stellen. Wahr ist aber auch, dass diese Jobs nicht immer nur höhere Qualifikation und bessere Entlohnung mit sich bringen. Die jüngsten Wellen der Automatisierung lassen anderes vermuten: So wurden in den USA zuletzt vermehrt AkademikerInnen aus den Büros und FacharbeiterInnen aus den Fabriken in schlecht bezahlte Dienstleistungs- und Plattformjobs gedrängt. Und die Maschinen schicken sich mittlerweile an, auch das Handwerk von Anwälten, Ärztinnen und Reporterinnen zu erlernen. Insofern ist die Sorge um jene Jobs, die heute noch westliche Mittelschichten ernähren, nicht unberechtigt.

Der Vergleich mit den gut ausgebildeten WeberInnen des 19. Jahrhunderts, von denen einige zu MaschinenstürmerInnen wurden, nicht völlig von der Hand zu weisen. Denn so gerne diese als Klischee zitiert und als ZukunftsverweigererInnen belächelt werden – sie halten eine wichtige Lehre bereit: Die MaschinenstürmerInnen waren wahrlich nicht gegen den Einsatz von Maschinen. Sie waren nur für die Einhaltung von Arbeitsstandards. Als der dampfbetriebene Webstuhl erfunden war, wurde er nämlich noch lange nicht überall eingesetzt – aber Unternehmer nutzten die Angst der Beschäftigten vor der maschinellen Konkurrenz, um die Löhne zu drücken und die Arbeitsbedingungen zu vernachlässigen.

Außerdem wurden die wenigsten WeberInnen auf längere Sicht arbeitslos, denn gemäß des Produktivitätsparadoxons wurden ja durchaus immer mehr Arbeitskräfte gebraucht. Nur war die neue Arbeit so anspruchslos geworden, dass jeder gerade in die Stadt gezogene Kleinbauer um sie konkurrieren konnte. Deshalb bot sie einen Bruchteil der Bezahlung, die eine Weberin hätte fordern können, als sie noch eine gut ausgebildete Fachkraft war.

“Automation doesn’t replace labor. It displaces it.”

Lily Irani

Was sich aus der Geschichte der MaschinenstürmerInnen lernen lässt, formuliert Lily Irani so: So wenig wie die Dampfmaschine für Massenarbeitslosigkeit gesorgt hat, ersetzt die Digitalisierung menschliche Arbeit. Sie verändert vielmehr deren Bedingungen und verdrängt sie, und zwar schon heute. Das lässt sich am Aufkommen neuer Formen von Arbeit beobachten: Die Digitalisierung braucht Datenhausmeister und Contentmoderatorinnen. Sie zwingt Arbeitnehmende in die Prekarität der Gigworking-Plattformen und der sogenannten „Sharing Economy”. Und letztlich nutzt sie die unbezahlte Arbeit von uns allen, wenn wir den Rohstoff des Plattformkapitalismus abbauen: Unsere Daten.

So wie die industrielle Revolution wird auch die digitale Revolution wohl eher nicht zu anhaltender Massenarbeitslosigkeit führen, aber eben doch zu größeren sozialen Disruptionen, deren Opfer über kurz oder lang politische Maßnahmen fordern werden. Solche Prozesse sind nie einfach nur auf eine neue Technologie, sondern ebenso auf gesellschaftliche und politische Rahmenbedingungen zurückzuführen. Die bisherigen Industriellen Revolutionen gingen mit Wirtschaftskrisen und Weltkriegen einher, aber auch mit der Entwicklung von Sozialstaat und Mitbestimmung. Womit die nächste, Digitale Revolution aufwarten wird, ist die Frage, der wir als InternetforscherInnen uns stellen.

Interessanter als Spekulationen über die Zukunft der Arbeit ist für uns der Blick auf die Arbeitsbedingungen unserer digitalen Gegenwart. Das tun wir nicht ohne einen normativen Anspruch: Auch wir leiten unsere Perspektive aus einer Definition der „Guten Arbeit” ab. Aber wenn es um die Zukunft der Arbeit geht, sollten wir vielleicht auch einmal diejenigen zu Wort kommen lassen, die in Zukunft arbeiten.

Die Zukunft der Arbeit – aus Sicht der zukünftig Arbeitenden

Bei der Langen Nacht der Wissenschaften haben wir deshalb Kindern angeboten, Kostüme und Accessoires für ihre Traumberufe der Zukunft mit uns zu basteln. Und wir haben einiges von ihnen gelernt: Von Alex, der ein intelligentes Rugby-Outfit gebastelt hat, komplett mit Drohnen-Ball und Kamera-Augen am Hinterkopf. Oder von Alma, die Kinderärztin werden möchte und ein Gedankenlese-Stethoskop entwickelt hat, um sich besser in ihre PatientInnen einfühlen zu können. Diese Kinder hatten eine Idee von der Technologie der Zukunft, die in den Utopien und Dystopien der „post-work”-Denker so nicht auftaucht: Technik als Helfer, die wir gezielt einsetzen, um unseren Traumberuf so erfüllen zu können, wie wir es uns wünschen. Vielleicht am deutlichsten wurde uns das im Gespräch mit Metin: Er würde seiner Mama gerne ein Haus bauen. Ihm ist aber klar, dass er das alleine nicht ohne Weiteres können wird. Deshalb hat er einen Roboter gebaut, der für ihn das Anstreichen übernimmt. Er kann sich dann ganz darauf konzentrieren, das Gebäude nach Mamas Geschmack zu planen.

Metin hat verstanden, was Lily Irani meint: Seine Technik ist so entworfen, dass seine Arbeit in eine Richtung verschoben wird, die er sich wünscht. Er ist dadurch nicht etwa arbeitslos geworden, sondern hat den Teil seiner Arbeit an die Maschine delegiert, den er ohnehin nicht machen wollte. Was auch immer unsere Vision von der Zukunft der Arbeit ist, Metins Prinzip könnte unser Leitbild sein: Engagieren wir uns für die Entwicklung von Technologien, die uns die ungeliebte Arbeit erleichtern – und uns Raum geben für die Entfaltung der kreativen Fähigkeiten, die nur uns Menschen eigen sind.

Mehr zum Thema im Dossier: Arbeit im digitalen Zeitalter

Dieser Beitrag spiegelt die Meinung des Autors und weder notwendigerweise noch ausschließlich die Meinung des Institutes wider. Für mehr Informationen zu den Inhalten dieser Beiträge und den assoziierten Forschungsprojekten kontaktieren Sie bitte info@hiig.de

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