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15 Juli 2020| doi: 10.5281/zenodo.3945951

Trotz digitaler Arbeit: Hierarchien bleiben

Anbieter, wie Slack, Trello oder Yam, werben damit die Partizipation von Mitarbeiter*innen in Organisationen zu erhöhen. Ihre Software (sogenannte Enterprise Social Software) schafft unternehmensinterne Kommunikationskanäle, die ähnlich wie Media Plattformen funktionieren. Während Kommunikation dadurch hierarchiearmer werden soll, bleiben die Strukturen im Unternehmen aber oft gleich. Besonders im Bezug auf die Zugangsmöglichkeiten zu Partizipation beobachteten die Expert*innen unserer Studie Diskrepanzen. Dabei steht der Zugang zu Enterprise Social Software in direkter Verbindung mit der Möglichkeit zur Mitbestimmung. 


Marie Müller (Name geändert), Betriebsrätin eines der größten deutschen Technologieunternehmen, und eine der Gesprächspartner*innen im Rahmen unserer Studie, nennt die Idee des Internets der 90er Jahre eine digitale Agora,  “auf der sich alle gleichberechtigt zum Diskurs treffen, und das ganze mal ausverhandeln.” 

Der griechische Begriff der Agora bezeichnet sowohl die Versammlung eines Volkes als auch den Ort dieser Versammlung. Die digitale Agora hingegen bezeichnet eine Utopie – eine, die sicher auch den Entwickler*innen von Enterprise Social Software, wie Slack, Trello oder Yam gefallen würde. Ihre Programme funktionieren als unternehmensinterne Soziale Netzwerke Seiten. Häufig bieten sie auch eine Zusammenführung von Dateimanagement, Wiki- und Mailing-Programmen an. Dabei entsteht eine Kommunikationsinfrastruktur, die eine neue Form der Partizipation ermöglichen soll.

Partizipation bietet dabei nicht nur den Vorteil, dass das Mitwirken an Entscheidungen die Einstellung zu eben diesen Entscheidungen positiv beeinflussen könnte. Mitarbeiter*innen sind auch wichtige Expert*innen und Impulsgeber*innen, die über spezielles Prozess- und Domänenwissen verfügen, das sich außerhalb der beruflichen Praxis kaum erlangen lässt. Die Potenziale von Partizipation in die Praxis zu übersetzen, stellt Unternehmen jedoch häufig vor Herausforderungen. Darum sollen Enterprise Social Networks Hilfe leisten, indem sie Hierarchien abbauen. So könnten sie ein Umfeld für niedrigschwellige Teilhabe geschaffen. Soweit die Utopie.

Mitarbeiter*innen mobilisieren

Ob Menschen sich dazu entschließen, Möglichkeiten zur Mitbestimmung wahrzunehmen, wird einerseits von Mobilisierung und andererseits von den Zugangsmöglichkeiten zur Partizipation beeinflusst. Themen, Werte und Kultur können mobilisierend wirken. Das heißt, wenn ein Thema jemanden besonders anspricht, eine Person Mitbestimmung prinzipiell für wichtig hält oder sie gelernt hat, dass Mitbestimmung allgemeiner Standard ist, erhöht dies die Wahrscheinlichkeit, dass diese Person teilhaben will. Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass dieser Wunsch durch die vorhandenen Zugangsmöglichkeiten entweder bestärkt oder eingeschränkt wird. Mitbestimmung setzt Infrastruktur und Kompetenz voraus, z.B. die Möglichkeit, ein Wahllokal zu erreichen oder das Wissen, wann und wo eine Vollversammlung stattfinden wird. Eine weitere Voraussetzung ist zeitliche Flexibilität, beispielsweise während einer Vollversammlung nicht arbeiten zu müssen. Es sollte außerdem Freiraum für ehrlichen Meinungsaustausch geschaffen werden – denn wenn Teilnehmer*innen sich beobachtet und bewertet fühlen, verhindert dies freie Meinungsäußerungen. 

Ungleiche Zugangsmöglichkeiten

Besonders im Bezug auf die Zugangsmöglichkeiten zu Partizipation beobachteten die Interviewteilnehmer*innen unserer Studie Diskrepanzen im Kontext von betrieblicher Mitbestimmung über Enterprise Social Software. So gibt es beispielsweise Mitarbeiter*innen, die in einem Servicecenter arbeiten, und einen eng getakteten Tagesablauf haben. Ihre Arbeit unterliegt ständiger Kontrolle. Diese Mitarbeiter*innen genießen nicht die Freiheit, ihre Zeit selbst einteilen zu können und entscheiden zu dürfen, ob, wann und wie viel sie partizipieren möchten. Andere Mitarbeiter*innen können hingegen ihre Zeit frei einteilen und werden bei der Ausübung ihrer Tätigkeiten kaum beobachtet. Manche arbeiten im Außendienst und haben während Ihrer Arbeitszeit nicht regelmäßig Zugang zu einem Endgerät, mit dem sie auf eine Enterprise Social Software zugreifen könnten. Wieder andere verbringen ihren gesamten Arbeitstag vor einem Computer. 

Dabei steht der ungestörte und vertrauliche Zugang zu Enterprise Social Software in direkter Verbindung mit den Möglichkeit zur Mitbestimmung. Woraus sich wiederum Unterschiede im Erlangen und Erproben der technischen Kompetenzen ergeben, die nötig sind um effektiv mit der Enterprise Social Software zu arbeiten. Die Kluft zwischen den Mitarbeitenden, die teilnehmen können und denen, die diese Möglichkeit nicht haben, verstärkt sich also immer weiter. 

Hierarchien setzten sich online fort

Sowohl die selbstbestimmte Entscheidung über die Arbeitszeit als auch der Grad der Beobachtung, und die technische Ausstattung stehen in Unternehmen häufig im Zusammenhang mit der hierarchischen Position einer Person. Mitarbeitende auf einer relativ hohen Hierarchiestufe dürfen selbstbestimmter über ihre Zeit entscheiden, werden weniger oft weniger kontrolliert und haben häufig während der Arbeitszeit Zugang zu Geräten, die Partizipation mit Enterprise Social Software möglich machen. Daher haben sie vergleichsweise bessere Möglichkeiten zu Partizipieren. Enterprise Social Software hat also eine starke Tendenz dazu, bereits vorhandene Strukturen zu vertiefen. Darum führt sie leicht zur Ermächtigung der Mächtigen, wenn der Zugänglichkeit der Software bei der Implementierung nicht ausreichend Beachtung geschenkt wird. Es genügt also nicht, auf die alleinige Wirkung einer Enterprise Social Software zu vertrauen. Die digitale Agora will erbaut werden.


Tl;dr

Hierarchische Strukturen in Organisationen spiegeln sich auch in Enterprise Social Networks, diese sind darum nicht uneingeschränkt förderlich für Mitbestimmung in Organisationen sondern haben auch eine Hierarchie verstärkende Komponente.

Dieser Beitrag spiegelt die Meinung der Autor*innen und weder notwendigerweise noch ausschließlich die Meinung des Institutes wider. Für mehr Informationen zu den Inhalten dieser Beiträge und den assoziierten Forschungsprojekten kontaktieren Sie bitte info@hiig.de

Vivien Hard

Ehem. Studentische Mitarbeiterin: Innovation, Entrepreneurship & Gesellschaft

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