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ökologische Nachhaltigkeit im Tech Sektor
18 April 2023

Tech im Dienste der Gesellschaft: Perspektiven der Akteur*innen auf ökologische Nachhaltigkeit

Ökologische Nachhaltigkeit ist komplex – auch, wenn es um digitale Technologien geht. Wie wichtig ist das Thema für die Akteur*innen und welche Maßnahmen ergreifen sie? 2022 führten wir vom AI&Society Lab des HIIG für drei Bundesministerien – das BMAS, BMUV und BMFSFJ – die “Civic Coding” Studie durch, in der wir Potentiale und Anforderungen an die gemeinwohlorientierte Nutzung von KI untersuchten. Im Rahmen dieser qualitativen Befragung fragten wir verschiedene Akteur*innen auch, wie sie mit ökologischer Nachhaltigkeit umgehen.

Nachhaltigkeit – worüber reden wir da?

Die Weltkommission für Umwelt und Entwicklung der Vereinten Nationen beschrieb nachhaltige Entwicklung 1987 im “Brundtland-Bericht” als eine Entwicklung, welche die Bedürfnisse der gegenwärtigen Bevölkerung befriedigt, ohne die Deckung der Bedarfe zukünftiger Bevölkerungen zu beeinträchtigen. Für eine vollständige Bewertung der Nachhaltigkeit einer Entscheidung müssen die drei Dimensionen ökologische, soziale und ökonomische Nachhaltigkeit beachtet werden. Hier konzentriere ich mich jedoch auf ökologische Nachhaltigkeit. Entscheidungen betreffen die ökologische Nachhaltigkeit dann, wenn sie Einfluss auf natürliche Ressourcen und die Einhaltung planetarer Grenzen nehmen. 

In Bezug auf die Digitalisierung bedeutet das oftmals, dass Energieverbrauch und Treibhausgas(THG)-Emissionen durch digitale Technologien quantifiziert werden, um Einsparmechanismen zu erarbeiten. So schätzen Lynn Kaack et.al. die THG-Emissionen des Informations- und Kommunikationstechnik-Sektors  (IKT) auf ca. 1,4% der globalen THG-Emissionen, wovon ein Bruchteil durch KI-Anwendungen verursacht wird. Deren Anteil – ebenso wie die THG-Emissionen des IKT-Sektors insgesamt – könnte in Zukunft ansteigen, beispielsweise aufgrund vermehrter Nutzung. Gleichzeitig kann durch die Effizienzsteigerung von Hardware, die Nutzung regenerativer Energien und die Verwendung von angemessener Software ein Unterschied gemacht werden. Weitere Dimensionen, wie Ökosystemzerstörung oder Ressourcenknappheit, werden sehr viel seltener thematisiert. Insgesamt ist ökologische Nachhaltigkeit für KI und den IKT-Sektor also durchaus relevant.

Was wissen und was tun die befragten Akteur*innen?

Unter den Akteur*innen, die wir zu ökologischer Nachhaltigkeit befragten, befanden sich Vertreter*innen von zehn Projekten, die zum Teil KI als Technologie verwenden, vier Vernetzungsorganisationen, eine Förderorganisation, eine Bildungsorganisation und zwei Akteur*innen aus dem Tech-aktivistischen Bereich. Wir wollten herausfinden, wie wichtig die ökologischen Effekte digitaler Technologien für die Befragten sind, welche Maßnahmen sie ergreifen – und was sie daran hindert, sollten sie das nicht tun. Dabei zeigte sich, dass den ökologischen Effekten digitaler Technologien hohe Relevanz eingeräumt wird: für 13 der 18 Befragten ist das ein wichtiges Thema. Gemessen daran, dass die Debatte um nachhaltige KI noch relativ jung ist, ist das erstaunlich – insbesondere, da es sich bei den Befragten teilweise um zivile Organisationen mit begrenzten Ressourcen handelt.

Die Abbildung zeigt die Zusammensetzung der für die Civic Coding Studie Befragten: zehn Vertreter*innen von konkreten Projekten, vier Vernetzungsorganisationen, eine Förderorganisation, eine Bildungsorganisation, zwei Akteur*innen aus dem Tech-aktivistischen Bereich, zusätzliche zwei Experten wurden nicht zu ökologischer Nachhaltigkeit befragt. Die Vertreter*innen von 13 dieser 18 Organisationen gaben an, dass ökologische Nachhaltigkeit von digitalen Technologien ein wichtiges Thema ist, dargestellt durch die farbigen Felder. Die Vertreter*innen von fünf der 18 Organisationen gaben an, dass ökologische Nachhaltigkeit digitaler Technologien in ihrer Organisation keine große Rolle spielt, dargestellt durch die grau hinterlegten Felder.

Doch ergreift nur ein geringer Teil, nämlich acht der 18 Befragten, Maßnahmen, obwohl das Thema ökologische Nachhaltigkeit als so relevant eingeschätzt wird.

Diese Abbildung zeigt die Akteur*innen, die Maßnahmen ergreifen, um die ökologischen Effekte ihrer Anwendungen zu minimieren bzw. andere Akteur*innen dazu anregen. Dies ist bei den farbigen Feldern der Fall, bei den grauen nicht. Konkrete Maßnahmen ergreifen vier der Projekte, eine der Vernetzungsorganisationen, eine Förderorganisation, eine Bildungsorganisation sowie eine der Organisationen aus dem Tech-aktivistischen Bereich.

Die von den Befragten genannten Maßnahmen reichten von angepassten Funding-Richtlinien, die eine angemessene Modellgröße oder Nachnutzbarkeit inkludieren können, über Bildungsangebote zu ökologischen Auswirkungen von KI-Anwendungen bis hin zur Wahl der Energiequellen.

Diese Abbildung zeigt, welche Maßnahmen von welchen Akteur*innen ergriffen wurden. Teilweise sind die ergriffenen Maßnahmen spezifisch auf das Tätigkeitsfeld der Befragten zurückzuführen und nicht alle Maßnahmen sind für alle Befragten möglich. Auch planten einige, in Zukunft Maßnahmen zu ergreifen. Dennoch stellt sich die Frage: Warum werden konkrete Maßnahmen nur von einem relativ kleinen Teil der Befragten ergriffen?

Gründe für fehlende Maßnahmen

Die Befragten nannten mehrere Hindernisse: zum Einen fehlende Expertise, um einzuschätzen, welche Entscheidungen bedeutsam sind, zum Anderen die von wenigen großen Playern dominierte Tech-landschaft, die durch die Notwendigkeit hoher Rechenleistungen Abhängigkeiten von “gängigen Anbietern” herstelle. Hier könnte aus Vernetzungen der Akteur*innen oder der Sammlung und Weitergabe von Wissen zu konkreten Entscheidungen in Bezug auf KI und ökologische Nachhaltigkeit neues Wissen generiert oder der Zugang zu existierendem Wissen vereinfacht werden. Denn die Befragten ergriffen jeweils nur einzelne Maßnahmen und könnten also von den zusätzlichen Maßnahmen der anderen Befragten lernen.

Fazit

Auch wenn unsere Befragung im Rahmen der Civic Coding Studie nicht repräsentativ ist, so gibt sie doch wichtige Einblicke und ermöglicht es, Folgefragen zu stellen: Lässt sich bestätigen, dass ökologischer Nachhaltigkeit im Feld gemeinwohlorientierter KI und Technologie eine hohe Relevanz zugesprochen wird? Werden tatsächlich wenige Maßnahmen ergriffen? Welche Akteur*innen können welche Maßnahmen ergreifen? Welche Maßnahmen haben welche Effekte? Bestehen Unterschiede bezüglich der Sektoren, Finanzierung oder Größe der Akteur*innen? Und was könnte helfen, um den Akteur*innen das Ergreifen von Maßnahmen zu erleichtern?
Jetzt ist es notwendig, zumindest das schon vorhandene Wissen als konkrete mögliche Maßnahmen und Handlungsperspektiven von der Wissenschaft zu den Akteur*innen zu bringen. Die Erarbeitung von Nachhaltigkeitskriterien für KI oder Transparenz schaffende Maßnahmen wie der Blaue Engel für Rechenzentren können gute Ideen sein. Wichtig ist, dies in Rücksprache mit den Akteur*innen zu tun, um die tatsächliche Nutzbarkeit dieser Angebote zu gewährleisten. Gleichzeitig muss klar sein: Auch wenn aufseiten der befragten Akteur*innen ein hohes Interesse an ökologischer Nachhaltigkeit besteht, muss es ihnen strukturell leichter gemacht werden, bessere Entscheidungen für ökologische Nachhaltigkeit zu treffen, damit relevante Maßnahmen tatsächlich umgesetzt werden.

Irina Kühnlein

Studentische Mitarbeiterin: AI & Society Lab

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