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29 Oktober 2019

Stimmt’s? Künstliche Intelligenz wird es schon richten

Das Internet glaubt, dass Künstliche Intelligenz (KI) ganz von alleine grundliegende Probleme unserer Gesellschaft lösen wird. Diesen Mythos hat sich Christian Katzenbach genauer angesehen.

Zum diesjährigen Internet Governance Forum (IGF) geben Matthias C. Kettemann (HIIG) und Stephan Dreyer (Leibniz Institut für Medienforschung | Hans-Bredow-Institut (HBI)) den Band „Stimmt’s? 50 Internetmythen auf dem Prüfstand” heraus. Auf unserem Blog veröffentlichen wir eine exklusive Auswahl von Beiträgen aus dem Sammelband als Sneak Preview. Diese Mythen wurden von HIIG-ForscherInnen und Assoziierten auf den Prüfstand gestellt.

Der gesamte Band wird schon bald unter www.internetmythen.de erscheinen.


Mythos

Künstliche Intelligenz (KI) ist die wichtigste technologische Entwicklung unserer Zeit. KI wird nicht nur die Art und Weise verändern, wie wir zukünftig leben, kommunizieren, arbeiten und reisen, sondern KI-basierte Lösungen werden auch die grundlegenden Probleme unserer Gesellschaft lösen, von der Erkennung von Krankheiten und Fehlinformationen über Hate Speech im Internet bis hin zu urbaner Mobilität.

Stimmt’s?

Der aktuelle Hype um die KI ist stark mit dem Mythos verbunden, dass die KI von ganz allein zentrale Probleme unserer Gesellschaft lösen wird. 2018 verwendete Facebook-Gründer Marc Zuckerberg in Anhörungen vor dem US-Kongress Sätze wie beispielsweise „KI wird es schon richten“ und „In Zukunft werden wir über eine Technologie verfügen, die diese Probleme angeht“, mehr als ein Dutzend Mal, als es um Fehlinformationen, Hate Speech und Datenschutz ging. In anderen Bereichen versprechen Unternehmen und Technologen, dass KI-gestützte Technologien und Produkte in der Lage sein werden, Krebs im Frühstadium zu diagnostizieren, Steuerbetrugsmuster zu erkennen, Fahrzeuge effizient durch Städte zu führen und unsoziales und kriminelles Verhalten im öffentlichen Raum aufzudecken.

Das Narrativ, dass Technologie soziale Probleme lösen wird, ist ein wiederkehrendes Thema in der Geschichte von Technologie und Gesellschaft. Die „technologische Lösung“ (Rudi Volti) sucht nach gangbaren Lösungen für Probleme sozialer und politischer Natur: Autonome Fahrzeuge könnten (nach bestimmten Kriterien) sicherer durch die Stadt fahren, ohne jedoch weiten Teilen der Bevölkerung urbane Mobilität zu bieten. Filtersoftware wird gegebenenfalls auch besser in der Erkennung von Fehlinformationen und Hate Speech, sie wird sie aber nicht vollkommen beseitigen, und sie wird niemals in der Lage sein, das perfekte (und allgemein akzeptierte) Gleichgewicht zwischen Meinungsfreiheit und Hetze herzustellen. Diese Probleme sind grundsätzlich gesellschaftlicher Natur, sodass es nicht die eine richtige Antwort geben kann, die technologisch umgesetzt werden kann.

Sprüche wie „KI wird es schon richten“ sind auch deshalb irreführend, weil hierdurch die menschliche Arbeit und die gesellschaftlichen Beziehungen, auf denen scheinbar autonom arbeitende Technologien aufbauen, verschleiert werden. KI-basierte Produkte kommen nicht aus dem Nichts, sondern sind vom Menschen gemacht. Typische KI-basierte Geräte und Dienstleistungen wie autonome Fahrzeuge und Bilderkennungslösungen sind Produkte von Unternehmen mit kommerziellen Interessen und normativen Annahmen, die ihrerseits inhärenter Bestandteil der Produkte werden. Darüber hinaus sind KI-Produkte das Ergebnis eines immensen menschlichen Arbeitsaufwands, der von der Entwicklung komplexer mathematischer Modelle bis hin zu alltäglichen Tätigkeiten wie der Bild-für-Bild-Schulung von KI- Bilderkennungssoftware reicht.

Selbst wenn KI-gestützte Dienste und Geräte in Zukunft nach vorgegebenen Kriterieneinwandfrei funktionieren, bleibt der Satz „KI wird es schon richten“ daher immer noch völlig irreführend. Viele dieser Probleme sind grundsätzlich gesellschaftlicher Natur, für die es keine funktionale Lösung geben kann. Die KI-Technologie ist kein autonomer Akteur, sondern wurde von Menschen und der Gesellschaft entwickelt.

Stimmt also nicht!

Zwar kann die KI nicht alles richten, jedoch besteht durchaus die Chance, dass Menschen mithilfe der KI einige Dinge in Ordnung bringen. Die rasante Entwicklung von KI-Technologien bietet vielen Stakeholdern die Möglichkeit, besser auf gesellschaftliche Herausforderungen zu reagieren. Diese Technologien können in vielen gesellschaftlichen Bereichen Innovationen fördern und die Art und Weise verändern, wie wir leben, kommunizieren, arbeiten und reisen – allerdings nicht automatisch zum Wohle der Allgemeinheit.


Quellen

Evgeny Morozov, To save everything, click here: The folly of technological
solutionism (New York: PublicAffairs, 2013)

Julia Powles und Helen Nissenbaum, The Seductive Diversion of ,Solving‘ Bias in Artificial Intelligence, Medium, 8. Dezember 2018, https://medium.com/s/story/the-seductive-diversion-of-solving-bias-in-artificial- intelligence-890df5e5ef53

Dieser Beitrag spiegelt die Meinung der Autorinnen und Autoren und weder notwendigerweise noch ausschließlich die Meinung des Institutes wider. Für mehr Informationen zu den Inhalten dieser Beiträge und den assoziierten Forschungsprojekten kontaktieren Sie bitte info@hiig.de

Christian Katzenbach, Prof. Dr.

Forschungsprojektleiter und assoziierter Forscher: Die Entwicklung der digitalen Gesellschaft

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