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Sehen, ohne gesehen zu werden: Die Karte als Medium simulierter Überwachungstechniken

21 April 2020| doi: 10.5281/zenodo.3759407

Ein illuminiertes, 170 Quadratmeter großes Satellitenbild von Berlin erstreckt sich über Boden und Wände des Ausstellungsraums des ehemaligen Stasi-Gefängnisses – es visualisiert das Überwachungsnetz des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), das sich über Jahrzehnte hinweg von Ost- bis nach Westdeutschland ausbreitete. Die Karte entpuppt sich als multimediale Projektionsfläche, die die Infrastruktur des größten geheimen Sicherheitsapparats der Welt im kartografischen Stadtraum der Gegenwart verortet.


Mit iPad und Kopfhörer ausgestattet, bewegen sich die Besuchenden durch den Raum der Ausstellung „Stasi in Berlin: Überwachung und Repression in Ost und West“, die bis Ende Dezember 2020 in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen zu besichtigen ist. Während ihre Füße eine raumgreifende illuminierte Luftaufnahme von Berlin abtasten, konzentriert sich ihr Blick auf das digitale Kartenbild des iPad-Screens in ihren Händen – jedoch nur, um sich wieder davon zu lösen und über die kartografisch abgebildete Infrastruktur des Überwachungssystems der Staatssicherheit der DDR hinweg zu wandern. 

Auf dem gigantischen Satellitenbild eröffnet sich den Besuchenden ein phosphoreszierendes Netz aus konspirativen Wohnungen, Untersuchungshaftanstalten und Dienstobjekten; der Mauerverlauf erscheint als Lichtprojektion auf dem kartografischen Stadtraum der Gegenwart. Ergänzt durch das virtuelle Kartenbild im iPad-Format verdichtet sie sich zu einer multimedialen Projektionsfläche – eine visuelle, interaktive Spurensuche in die Vergangenheit.

Die Karte als hyperreale Verweisstruktur

Das Ausstellungskonzept macht von der raumzeitlichen Dimension des Kartenbildes Gebrauch: Es übersetzt die Systematik des Kontroll- und Sicherheitsapparats der DDR in ein abstraktes Diagramm, indem Orte der Überwachung sowie Zeitzeugen-Berichte dokumentiert und kartografisch verortet werden. Nicht zufällig wurde das Kartenmedium schon immer sowohl in den Dienst der Macht genommen, als auch dazu verwendet, Machtverhältnisse zu analysieren und illustrativ abzubilden.

Baudrillard (1978) hat die Karte – an sich schon Ausdruck von Machtinteressen und Manipulationsmittel, insofern sie unendlich mit Bedeutung besetzt werden kann – paradigmatisch als Verweisstruktur beschrieben, die als Substitut des Realen fungiert. Sie eröffnet einen Raum der Möglichkeiten, der Realitäten konstruieren und Schicksale (vor-) bestimmen kann – einen hyperrealen Simulationsraum. 

Die Karte ist dem Territorium vorgelagert, ja sie bringt es hervor.

(Baudrillard 1978, 8)

Auf ebenjenes eigenaktive, Realitäten generierende Potenzial der Karte konzentriert sich auch Deleuze in seinem Aufsatz „Ein neuer Kartograph“ (1986) in Bezug auf Foucaults „Überwachen und Strafen“ (1975):

Die Analyse und das Bild stimmen zusammen; Mikrophysik der Macht und politische Besetzung des Körpers. Farbige Bilder auf einer feingerasterten Karte.

(Deleuze 1986, 38)

Das kartografische Diagramm zeigt Machtverhältnisse und Überwachungssysteme auf, übersetzt sie in eine zweidimensionale Ebene. Karten, so lässt sich aus Deleuzes’ Text herausfiltern, sind immer auch schon Analysen der Macht.

Sperrbezirk als Schaltstelle der Überwachung

DDR-Stadtpläne der Siebziger und Achtziger Jahre können als eindrückliche Dokumente des manipulierenden Blicks von oben herhalten (Abb. 3, 4). Der 1945 von den Sowjets eingerichtete und 1951 an die DDR-Führung übertragene Sperrbezirk in Hohenschönhausen ist nur einer jener Areale, die gleichsam aus dem kartografischen Stadtraum Berlins ausgeschnitten wurden. Bis 1989 blieb jeder Einblick in sein Inneres verwehrt, sei es nun über die Karte oder von der Straße aus.

Hinter den Schutzmauern der hermetisch von der Außenwelt abgeschlossenen Zone (Abb. 5, 6) wurde intensiv am technischen Ausbau eines materiellen Überwachungsnetzes von der DDR bis in die BRD gearbeitet (die Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung bezeichnete sie als „Zentralstelle kommunistischer Repression und Überwachung“ – vgl. Begrenzt offener Realisierungswettbewerb für Architekten, Berlin 2008). Seit 1955 waren im Sonderlager X, das später in die Abteilungen K (Entwicklung operativ-technischer Mittel) und L (Beschaffung operativ-technischer Mittel) überging, Dutzende Strafgefangene – Wissenschaftler*innen, Ingenieur*innen, Fernmeldetechniker*innen – angehalten, diverse Geheimdienstutensilien, Spezialtonbandgeräte oder auch Minikameras zu produzieren (vgl. Erler 2003, 99). 1960 schlossen sich diese Vorgängerabteilungen zum Operativ-Technischen Sektor (OTS) zusammen, der die Entwicklung und Wartung technischer Geräte, die „zur Bespitzelung und zur Spionage“ dienten, koordinierte. 

„Dazu gehörten spezielle Abhör-, Foto-, Kontroll-, Such-, Sicherungs- und Beobachtungstechnik, die Nachschlüsselfertigung sowie Tarnvorrichtungen für die Personenüberwachung“, schreibt der Historiker Peter Erler in seiner Studie zum materiellen Ausbau des Geheimdienstes (vgl. Erler 2004, 128). Dieser sei mit einer stetigen Professionalisierung der Überwachungstechnik einhergegangen: Mitarbeiterzahlen wurden aufgestockt, Dienstobjekte modernisiert oder erneuert, der Stadtraum zunehmend mit getarnten Kontrollinstanzen und Überwachungsapparaten durchsetzt.

Panoptischer Blick: Sehen, ohne gesehen zu werden

Die systematische Organisation des Sperrbezirks evoziert in seinem abgeschlossenen Verhältnis zum Stadtraum jene zentralistische Raumanordnung (Abb. 7), welche dem/der Aufseher*in im Wachturm des Panopticons – jenem Gefängnismodell aus dem 18. Jahrhundert, das Michel Foucault zur Analyse flächendeckender Überwachung herangezogen hat – den totalen, ungestörten Überblick auf bzw. Einblickin die ringförmig um ihn herum gelegenen Raum- und Körpersegmente gewährt.

In den kartografischen Abbildungen von Hohenschönhausen manifestiert sich damit eine physische Segmentierung des (Stadt-) Raums, die laut Foucault die modernen Disziplinargesellschaften überhaupt charakterisiert. Das Panopticon diente ihm dabei als architektonisch-optisches Modell, um die Funktion der institutionalisierten, flächendeckenden Überwachung zu beschreiben. Dieses räumliche Kräfteverhältnis, diese netzartige Funktion wird anhand des Kartenmediums in ein Diagramm übertragen – in eine abstrakte Maschine (vgl. Deleuze 1986, 64):

[Es] funktioniert niemals so, daß es eine präexistierende Welt abbildet; es produziert einen neuen Typus von Realität, ein neues Modell von Wahrheit. Weder ist es Subjekt der Geschichte, noch überragt es die Geschichte. […] Es fügt der Geschichte ein Werden hinzu.

(Deleuze 1986, 54)

Digitale Kartenbilder: Trend zur virtuellen Raumerkundung

Das die Raumzeit überwindende Potenzial der Karte wird von digitalen Überwachungspraktiken aufgegriffen und perfektioniert. Während der geheime Sicherheitsapparat der DDR, ein längst veraltetes Überwachungsmodell, noch auf materielle Infrastrukturen zurückzuführen war, lösen sich digitale Überwachungstechnologien des 21. Jahrhunderts – so scheint es zumindest – in einem ephemeren Raum ohne Peripherie und Zentrum auf: binäre Raumordnungen weichen einer fluiden, datenbasierten Vermessung des Raumes und der Körper.

Die interaktive Berlin-Karte in den Ausstellungsräumen der Gedenkstätte Hohenschönhausen präsentiert sich als anschauliche Illustration und Dokumentation der systematisierten Stasi-Überwachung (Abb. 8-10). Gleichzeitig weist das Ausstellungskonzept auf die Grenzen überschreitende Tendenz digitaler, simulierender Überwachungspraktiken hin und reiht sich ein in den Trend neuer Mapping-Methoden, der sich im Zuge des spatial turns und dem damit einhergehenden neuen Raumverständnis etabliert hat.

Die Ausstellung profitiert auch von der in Hohenschönhausen konzentrierten Präsenz von DDR-Geschichte, insofern sie unmittelbar im Kern des ehemaligen Sperrgebiets verortet ist. Das digitale, aktiv begehbare Kartenbild entpuppt sich als zeitgemäßes, kritisches Vermittlungsmedium eines düsteren Kapitels deutscher Geschichte – und sensibilisiert noch dazu für die rasante Entwicklung von analogen hin zu digitalen Überwachungstechnologien, die seit der Friedlichen Revolution 1989 stattgefunden hat.


Elisabeth Bauer (*1994), geboren in Mönchengladbach, hat Slawistik sowie Kunst- und Bildgeschichte in Berlin sowie in St. Petersburg studiert; aktuell arbeitet sie an einer kultursemiotischen Studie über Park Zarjad’e in Moskau. Interessenfelder: Kultur der russischen Avantgarde, Geschichte des Sehens, Strategien visueller Raumwahrnehmung. Sporadische Textbeiträge zur Kultur (-politik) Osteuropas u.a. in der taz, im Onlinejournal ostpol (n-ost), im Literaturjournal des Instituts für Slawistik novinki.

Dieser Beitrag spiegelt die Meinung der Autorinnen und Autoren und weder notwendigerweise noch ausschließlich die Meinung des Institutes wider. Für mehr Informationen zu den Inhalten dieser Beiträge und den assoziierten Forschungsprojekten kontaktieren Sie bitte info@hiig.de

Elisabeth Bauer

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