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Das Foto zeigt einen einen Campus von oben, um zu zeigen welche unterschiedlichen Wege es für Resilienz an Hochschulen gibt.

Digital by design, not by default: Resilienz an Hochschulen

Wie gehen Hochschulen damit um, wenn ein Cyberangriff die IT-Systeme einer Universität lahmlegt oder eine Pandemie Tausende von Studierenden über Nacht dazu zwingt, auf Online-Unterricht umzusteigen? Und was lernen sie daraus? Anhand einer Fallstudie aus vier Ländern untersucht dieser Artikel zwei auffallend unterschiedliche Ansätze zur Resilienz an Hochschulen: Der eine basiert auf digitaler Flexibilität, der andere auf der Stärke analoger Traditionen. Die Ergebnisse stellen die Annahme in Frage, dass Digitalisierung immer die einzige Lösung ist.

Ob pandemiebedingte Krisen, Cyberangriffe oder andere Störungen – Hochschulen sehen sich immer wieder mit Ausnahmesituationen konfrontiert, in denen etablierte Abläufe plötzlich zusammenbrechen. Lehrpläne müssen kurzfristig angepasst, Bewertungsverfahren neu organisiert und Prüfungsabläufe umgestaltet werden. Entscheidungen müssen unter Unsicherheit getroffen, digitale Lösungen etabliert und Arbeitsabläufe stabil gehalten werden.

Das sind keine hypothetischen Szenarien. Die COVID-19-Pandemie hat gezeigt, wie schnell etablierte Lehrformate und -praktiken wegfallen können und wie entscheidend Flexibilität und Agilität für die Hochschulbildung sind. In einer solchen Krise spielten kreative Lösungen und Ideen eine wichtigere Rolle als je zuvor. Die Bewältigung von Krisen erfordert die Fähigkeit, Ressourcen unter Zeit- und Ressourcenbeschränkungen neu zu verteilen, um gemeinsam Lernerfahrungen zu sammeln und bestehende Lehrstrukturen zu überdenken. Dabei geht  man über die individuelle Erfahrung hinaus. Was unterscheidet also Einrichtungen, die diese Momente gut meistern, von denen, die sie lediglich überstehen?

Wenn Routinen zusammenbrechen: Zwei Fähigkeiten, die den Unterschied machen

Die Antwort liegt unseren Forschungsergebnissen zufolge in zwei eng miteinander verbundenen Fähigkeiten: Resilienz und Kreativität (Navigating Crisis. The Learn-and-Do Kit, 2026).1

Die zentrale Erkenntnis aus unserer Forschung lautet: Es gibt keine einheitliche Formel dafür, wie sich Resilienz und Kreativität in der Praxis auswirken. Hochschuleinrichtungen können auf völlig unterschiedliche Stärken zurückgreifen, um resilient zu sein. 

Resilienz durch und gegenüber digitalen Technologien

In unserer Forschung zeigte sich dieses Prinzip der „keinen einheitlichen Formel“ am deutlichsten daran, wie unterschiedlich die Einrichtungen an die  Frage heran gingen, welche Rolle digitale Technologien in ihrer Lehre und beim Lernen einnehmen. Sollten Universitäten sie voll und ganz annehmen, sich ihr selektiv widersetzen oder ihren eigenen Weg irgendwo dazwischen finden? Die Antwort hängt, wie wir feststellen, weit weniger von der Verfügbarkeit der Technologie ab als von der institutionellen Identität, der Fachkultur und der strategischen Vision. Digitale Technologie ist keine Lösung an sich, sondern eine Linse, durch die sichtbar wird, welche Werte die Entscheidungen einer Hochschule leiten.

Digitale Werkzeuge können die Anpassungsfähigkeit fördern, indem sie flexible Lehr- und Lernmodelle sowie neue Wege der Interaktion mit Studierenden bieten. Doch auch ein selektiver Widerstand gegen bestimmte Formen der Digitalisierung kann Ausdruck einer resilienten Haltung sein – einer Haltung, die die pädagogische Qualität, akademische Freiheit und die gesellschaftliche Rolle der Universität schützt. Anstatt Resilienz als bedingungslose Anpassung an jede neue Technologie zu begreifen, verstehen wir sie als die Fähigkeit, Veränderungen bewusst und umsichtig zu bewältigen: zu wissen, wann man etwas annimmt, wann man sich anpasst und wann man standhaft bleibt.

Gegensätzliche Pole

Um diese unterschiedlichen Wege der Resilienz im Hochschulwesen besser zu verstehen, betrachten wir zwei Einrichtungen, die in starkem Kontrast zueinander stehen. Auf der einen Seite eine Open University in Portugal, wo digitale Bildung seit Jahrzehnten ein zentraler Bestandteil ihrer Identität ist. Auf der anderen Seite eine traditionelle Fachhochschule in Deutschland mit einem starken Bekenntnis zu Präsenzunterricht und -lernen. 

Präsenz hat Vorrang: Vorsichtiger Umgang mit dem digitalen Wandel in Deutschland

Der erste Fall ist ein Bachelor-Studiengang für Soziale Arbeit an einer privaten Fachhochschule in Deutschland. Die Einrichtung ist tief in der Tradition verwurzelt und hat eine starke Identität, die eng mit dem Präsenzunterricht verbunden ist. Vor COVID-19 spielten digitale Methoden in der Lehre kaum eine Rolle. Wo Digitalisierung stattfand, betraf sie meist administrative Prozesse. Die Einführung digitaler Technologien im Unterricht scheiterte an einer Reihe von Hindernissen auf der Ebene der Lehrenden und der Führungsebene: emotionale Überlastung, Angst vor ungewohnter Technologie, begrenzte Anreize, mangelnde Fähigkeiten und das Fehlen eines klaren strategischen Rahmens. Diese Widerstände decken sich mit den Beobachtungen von Bronwen Deacon und Melissa Laufer, die in ihrem Blogbeitrag Widerstände gegen Veränderung: Herausforderungen und Chancen in der digitalen Hochschullehre ähnliche Muster beschreiben. Bemerkenswert ist, dass mehrere Befragte die Universität dennoch als widerstandsfähig beschrieben und diese Widerstandsfähigkeit ausdrücklich mit ihren starren und beständigen institutionellen Strukturen in Verbindung brachten:

Diese Form der  Resilienz als Stabilität ist tief in das Gefüge der Institution eingebettet. Doch diese Stabilität hat auch eine Kehrseite. Die praxis- und beziehungsorientierte Fachlogik des Studiengangs Soziale Arbeit begünstigt strukturell eine auf Präsenz basierende Pädagogik. Die Förderung relationaler, reflexiver und berufsethischer Kompetenzen sowie der Fähigkeit zur kreativen Problemlösung setzt häufig unmittelbare gemeinsame Anwesenheit voraus. Genau darin liegt die Begründung für Präsenzunterricht.

Diese Rigidität, die sowohl institutionell als auch fachlich legitimiert ist,  scheint jedoch auch die Fähigkeit der Universität einzuschränken, schnell auf den technologischen Wandel zu reagieren. Ein Befragter reflektierte diese institutionelle Trägheit mit Blick auf sich rasch entwickelnde Technologien wie zum Beispiel Künstliche Intelligenz (KI):

Diese Aussage verdeutlicht eine Form der Resilienz, die auf institutioneller Kontinuität und klar definierten Abläufen beruht. Besonders während der COVID-19-Pandemie wurde dies sichtbar: Da keine digitale Infrastruktur vorhanden war, traf der plötzliche Wechsel zum Online-Unterricht die Fachhochschule unvorbereitet.  Dennoch meisterte sie die Situation durch analoge Kreativität, wie zum Beispiel Präsenzveranstaltungen in kleinen Gruppen, und kehrte nach der Krise rasch zu ihrem Präsenzmodell zurück, das sich für die interaktive Pädagogik ihres Studiengangs als wirkungsvoller erwies. Die langjährigen Strukturen und Vorschriften, die als stabilisierende Kraft wahrgenommen werden, erschwerten zwar die rasche digitale Umstellung, auch im Umgang mit neuen Technologien wie KI, bewahrten jedoch die Kernidentität einer praxisorientierten Pädagogik. Resilienz zeigt sich hier nicht als digitale Agilität, sondern als Beständigkeit und behutsame Rückkehr zu Traditionen, die pädagogische Kreativität fördern. 

Digital ist der Standard in Portugal

Anders verhält es sich bei unserem portugiesischen Fall. Hier handelt es sich um eine öffentliche Fernuniversität, deren gesamtes Bildungsmodell auf Distanzlehre basiert, mit Fokus  auf einen Masterstudiengang in Vergleichenden Studien: Literatur und andere Künste. Gegründet auf den Prinzipien der Inklusion und Barrierefreiheit, hat sich die Einrichtung stets zum Ziel gesetzt, Studierende zu unterstützen, die aus Gründen wie dem Leben in abgelegenen ländlichen Gebieten, der Vereinbarkeit von Vollzeitbeschäftigung und Familienpflege oder körperlichen bzw. finanziellen Einschränkungen keine traditionellen Universitäten besuchen können.

Ein Verwaltungsmitarbeiter betonte:

Seit über drei Jahrzehnten passt sich die Universität den sich wandelnden gesellschaftlichen und technologischen Rahmenbedingungen an. Diese Anpassungsfähigkeit zeigt sich darin, wie die Universität auf die sich ändernden Erwartungen der Studierenden reagiert:

Das Zitat verdeutlicht, wie die Universität neue Trends bei den Präferenzen der Studierenden aktiv beobachtet und darauf reagiert, insbesondere auf die wachsende Nachfrage nach rein onlinebasierten Formaten. Anstatt sich diesen Entwicklungen zu widersetzen, geht die Einrichtung einen Schritt weiter und positioniert Flexibilität als zentrales Angebot.

Die Berichte der Befragten über Studierende, die von traditionellen Hochschulen wechseln, unterstreichen die Wirksamkeit dieser Strategie und zeugen von einem bewussten institutionellen Bekenntnis zur Anpassungsfähigkeit. Hier wird Resilienz durch strategische Weitsicht und die explizite Förderung digitaler, vernetzter Kreativität gefördert, wobei Online-Formate als Orte der Zusammenarbeit und Innovation und nicht als Einschränkung betrachtet werden. Wie ein Verantwortlicher aus Portugal feststellte: „Wir haben keine Chance, wenn wir nicht [kreativ] sind, es geht also nicht nur um Gleichberechtigung, sondern um eine Existenzbedingung.“ Anders als im deutschen Fall, wo Kreativität in der analogen Präsenzlehre wurzelt ist, ist sie hier tief in Strukturen und Philosophie eingebettet und das Ergebnis bewusst gestalteter digitaler Strukturen und einer Kultur der Flexibilität.

Den Kurs halten im Wandel

Diese gegensätzlichen Fälle zeigen, dass Resilienz im Hochschulwesen dann entsteht, wenn sie mit kontextspezifischer Kreativität einhergeht: digital vernetzt in Portugal, analog verwurzelt in Deutschland. Keine der beiden Herangehensweisen ist der anderen überlegen, sondern es handelt sich um komplementäre Wege, die von institutionellen Identitäten und Krisenanforderungen geprägt sind. Beim Vergleich der beiden Fälle zeichnet sich ein auffälliges Muster ab: Resilienz sieht je nach Ausgangspunkt grundlegend anders aus. In beiden Fällen ist sie jedoch das Ergebnis bewusster Entscheidungen und kein Zufall.

Unsere Fallstudien zeigen somit deutlich, dass es kein einheitliches Rezept für Resilienz im Hochschulwesen gibt. Im Fall Portugals drückt sich Resilienz nicht in starrer Kontinuität aus, sondern in strategischer Weitsicht und einer langjährigen Ausrichtung auf Flexibilität. Im deutschen Fall hingegen zeigt sich Resilienz in Tradition und Stabilität. Drei grundlegende Erkenntnisse:

  1. Resilienz entsteht nicht zufällig. Sie erwächst aus bewussten Entscheidungen der Hochschulleitung und der Mitarbeiter*innen, die mit den zentralen institutionellen Werten im Einklang stehen.
  2. Institutionelle Strukturen prägen die Anpassungsfähigkeit. In manchen Fällen entspringt Resilienz aus Stabilität und Struktur. Doch genau diese Systeme können es erschweren, sich schnell anzupassen, wenn sich Technologien weiterentwickeln.
  3. Resilienz hängt auch von der Denkweise ab: Wie Institutionen die Digitalisierung einordnen – ob als Chance oder als Verpflichtung – spiegelt oft eher ihre interne Kultur wider als ihren Standort.

Die digitale Transformation der Hochschulbildung ist kein Sprint, sondern ein Marathon. Resilienz bedeutet nicht, auf jeden Trend zu reagieren, sondern Veränderungen bewusst, umsichtig und mit der Fähigkeit zu meistern, Innovation und Reflexion in Einklang zu bringen. Vielleicht liegt wahre Resilienz in der Hochschulbildung deshalb nicht in der Entscheidung zwischen digital und analog, sondern in der Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen: bewusst, überlegt und immer wieder aufs Neue. Was eine resiliente Institution ausmacht, so individuell sie auch sein mag, läuft letztlich auf die Fähigkeit hinaus, den Wandel zu meistern, ohne die Werte der Universität aus den Augen zu verlieren.2


  1. Für einen weiterführenden Einblick in die Konzepte und praktische Werkzeuge lesen Sie unsere Publikation “Navigating Crisis: The Learn-and-Do Kit to strengthen resilience through creativity within higher education institutions”. Sie stützt sich auf Forschungsergebnisse aus zwölf Fallstudien in sieben Ländern und wurde entwickelt, um Hochschulleitungen, Lehrkräfte und Support-Teams praktisch dabei zu unterstützen, die Resilienz der eigenen Institution vor, während und nach Krisen durch Kreativität zu stärken. ↩︎
  2. Um das herauszufinden, haben die Forschungsprojekte „Organisationale Adaptivität im deutschen Hochschulkontext“ (OrA) und „Organisationale Resilienz und Kreativität: Die Zukunft von Bildungstechnologien in der Hochschule“ (ORC) Hochschulen sechs Jahre lang (2020–2026) durch diese Zeit tiefgreifender Umbrüche begleitet. Die Projekte haben untersucht, wie Resilienz und Kreativität mit dem strategischen Einsatz von Bildungstechnologien zusammenwirken. Und was das für die Art und Weise bedeutet, wie sich Hochschulen auf Krisen vorbereiten, mit ihnen umgehen und was sie aus ihnen lernen. ↩︎

Referenzen

Boh, W. & Constantinides, P. & Padmanabhan, B. & Viswanathan, S. (2023). Building Digital Resilience Against Major Shocks. MIS Quarterly. 47. 343-361.

Forsyth, A. (2023). The Digital Resistance: Contesting the Power of Gig Economy Platforms through Collective Worker Action. Italian Labour Law E-Journal. 16(2), 49–58. https://doi.org/10.6092/issn.1561-8048/18413 

Kostis, A., Bengtsson, M., & Näsholm, M. H. (2021). Mechanisms and Dynamics in the Interplay of Trust and Distrust: Insights from project-based collaboration. Organization Studies, 43(8), 1173-1196. https://doi.org/10.1177/01708406211040215 

Nidoy, M. G. (2023). Digital Resistance: Resisting digital technologies in a connected society. https://doi.org/10.25598/JKM/2023-15.36 

Schemmer, M. & Heinz, D. & Baier, L. & Vössing, M. & Kühl, N. (2021). Conceptualizing Digital Resilience for AI-Based Information Systems

Sweidan, S., & Ejercito, K. (2022). Non-user. Internet Policy Review. 11(2). https://doi.org/10.14763/2022.2.1663 

Syvertsen, T. & Enli, G. (2019). Digital detox: Media resistance and the promise of authenticity. Convergence: The International Journal of Research into New Media Technologies. 26. https://doi.org/10.1177/1354856519847325 Woodstock, L. (2014). Media Resistance: Opportunities for Practice Theory and New Media
Research. International Journal of Communication. 8. 1983-2001.

Dieser Beitrag spiegelt die Meinung der Autor*innen und weder notwendigerweise noch ausschließlich die Meinung des Institutes wider. Für mehr Informationen zu den Inhalten dieser Beiträge und den assoziierten Forschungsprojekten kontaktieren Sie bitte info@hiig.de

Bronwen Deacon

Assoziierte Forscherin: Demokratischer Wandel & Wissen

Anna Aust

Ehem. studentische Mitarbeiterin: Demokratischer Wandel und Wissen

Freia Kuper

Wissenschaftliche Mitarbeiterin: Gesellschaftliche Werte, Transformation und Künstliche Intelligenz

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