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re:publica und MEDIA CONVENTION: Politische Netzdebatte vs. Kommerzialisierung?

02 Mai 2014

Am 6. und 7. Mai findet dieses Jahr zum ersten Mal das internationale Branchentreffen der Medienwirtschaft MEDIA CONVENTION gemeinsam mit der europaweit größten Social-Media-Konferenz re:publica im Rahmen der Berlin Web Week statt. Der Zusammenschluss ist in zweierlei Hinsicht bemerkenswert: Er stellt zum einen die Bedeutung der re:publica unter Beweis, die Berlin seit einigen Jahren zu einem internationalen Zentrum der netzpolitischen Debatte macht. Zum anderen bedeutet er ein kaum zu unterschätzendes Signal über die Ausrichtung des Medienstandorts Berlin auf digitale Wirtschaft.

Die re:publica avancierte seit ihrer Gründung 2007 von einem Blogger-Festival für Querdenker zu einer der weltweit wichtigsten Konferenzen zur digitalen Gesellschaft. Demgegenüber hat die MEDIA CONVENTION (ehemals Medienwoche) im Jahr 2001 als kleines Branchentreffen der klassischen Medienwirtschaft begonnen und entwickelte sich seitdem zu einer zentralen Anlaufstelle für Fachbesucher aus der internationalen Medienwelt. Mit dem Zusammenschluss stellt sich die MEDIA CONVENTION gänzlich unter das Zeichen der Medienkonvergenz, indem sie „ExpertInnen aus den Bereichen TV, Film, Print und Politik auf Provider und Entscheider aus den Bereichen Online, Mobile, Social Media, Technologie, Wissenschaft (und) Forschung“ treffen lässt.

Diese Mischung wird hier am Institut – entsprechend der diversen Interessen – aufmerksam verfolgt. Das Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft wurde im März 2012 mit dem Ziel gegründet, innovative und impulsgebende wissenschaftliche Forschung im Bereich Internet und Gesellschaft zu leisten und die Entwicklung des Internets in seinem Zusammenspiel mit gesellschaftlichen Transformationsprozessen zu begleiten. In diesem Sinne haben Wissenschaftler unseres Instituts auf der re:publica zum Diskurs über die digitale Gesellschaft mehrfach beigetragen. So moderierte Uta Meier-Hahn letztes Jahr das Panel zum Thema „Let’s Talk about Content – Wie sich die Infrastruktur des Internets verändert„. Jeanette Hofmann und Christian Katzenbach hielten den Vortrag „Im Schatten des Rechts – Wie informelle Normen das Urheberrecht unterlaufen oder auf den Kopf stellen„. Dieses Jahr wird Jeanette Hofmann „Die ewige Gretchenfrage: Global Internet Governance – wie und durch wen?“ zur Zukunft der Netzregulierung diskutieren. Frédéric Dubois moderiert das Panel zum Thema „Public service content outgrows public service media“ und Kaja Scheliga gibt mit Sönke Bartling und Lambert Heller in ihrem Vortrag „Books gone wild – wie wir wissenschaftliche Bücher offen, kollaborativ und kontinuierlich schreiben“ einen Einblick in die Produktionsbedingungen von Open Science. Aus dieser Perspektive könnte der Zusammenschluss der re:publica mit der MEDIA CONVENTION wie eine Kommerzialisierung der netzpolitischen Debatte aufgenommen werden. Andersherum könnte gefragt werden, ob die re:publica vielmehr in der Lage, ihre Querdenker-Kultur auf die Weichspül-Strukturen klassischer Medienindustrie zu übertragen?

Genau darin sehen einige Forscher ein interessantes Forschungsfeld. Seit einiger Zeit formiert sich hier neben anderen Schwerpunkten ein Netzwerk aus jungen Wissenschaftlern, die sich mit der Entwicklung neuer Technologien für die Filmindustrie, Geschäftsmodellen von Internet-enabled Startups und der Zirkulation von Kulturgütern beschäftigen. So wird im Rahmen des Verbundprojektes „D-Werft“ zu Fragen des veränderten Nutzerverhaltens bezüglich audiovisueller Online-Inhalte, der Übertragbarkeit von Geschäftsmodellen aus den Neuen in die klassischen Medien oder auch zu lizenzrechtlichen Fragestellungen im Umgang mit verwaisten Werken geforscht. Unter sozialwissenschaftlichen Gesichtspunkten untersucht das Forschungsprojekt „Zirkulation von Kulturgütern“ am Beispiel von TV- und Games-Formaten, wie das geltende Urheberrecht auf Innovations- und Schaffungsprozesse wirkt. Der Forschungsbereich „Internetbasierte Innovation“ befasst sich mit den fördernden und hindernden Faktoren internetbasierten Unternehmertums. In Zusammenarbeit mit Institutionen vorwiegend aus dem Berliner Startup-Umfeld untersuchen Mitglieder dieser Forschergruppe die Entwicklung von Startups und ihrer Geschäftsmodelle. Der spontane Austausch über diese Forschungsthemen (und –methoden) bewirkt, dass eigene Denkstrukturen und –ansätze grundsätzlich in Frage gestellt werden. Das führt nicht selten in ein kreatives Chaos – mit Aussicht auf Bereicherung der eigenen Disziplin.

Vor diesem Hintergrund stellt sich der Zusammenschluss der re:publica mit der MEDIA CONVENTION als Probe auf’s Exempel dar. Wird das eine Scheindebatte oder werden sich beide Seiten – die politische und ökonomische – wirklich inspirieren? Schon wieder eine Forschungsfrage… und so soll der Blogpost im Sinne des Mottos der re:publica sowie in Gedenken an unseren Namensgeber Alexander von Humboldt schließen: Into the Wild – es lebe die Feldforschung!

Dieser Beitrag ist Teil der regelmäßig erscheinenden Blogposts der Doktoranden des Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft. Er spiegelt weder notwendigerweise noch ausschließlich die Meinung des Institutes wieder. Für mehr Informationen zu den Inhalten dieser Beiträge und den assoziierten Forschungsprojekten kontaktieren Sie bitte info@hiig.de.

Dieser Beitrag spiegelt die Meinung der Autorinnen und Autoren und weder notwendigerweise noch ausschließlich die Meinung des Institutes wider. Für mehr Informationen zu den Inhalten dieser Beiträge und den assoziierten Forschungsprojekten kontaktieren Sie bitte info@hiig.de

Maximilian von Grafenstein, Prof. Dr.

Assoziierter Forscher, Co-Forschungsprogrammleiter

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