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Konfuzius im 3. Jahrtausend: Chinas „Social Credit System“ als Turbo zur Selbstvervollkommnung?

03 März 2020| doi: 10.5281/zenodo.3752993

Das Social Credit System in China: Was für uns in Deutschland wie eine Dystopie aussieht, wird im Gegensatz dazu in China als Utopie behandelt. Ein Interview mit dem China-Bildungsexperten Jürgen Henze.

Das Wort „Credit“ wird im chinesischen Kontext vor allem mit dem Begriff „Vertrauen“ verbunden, deswegen wird auch vom „System der sozialen Vertrauenswürdigkeit“ gesprochen. Was für ein System ist das eigentlich? Und wie hängt diese Entwicklung mit der Philosophie von Konfuzius und der chinesischen Form der Erziehung zusammen? Dazu hat die Sozial- und Wirtschaftswissenschaftlerin Lucia Cikovska, den China-Bildungsexperten Jürgen Henze befragt.


Das Social Credit System (SCS) ist ein komplexes technologiegestütztes Überwachungssystem, das in China gerade getestet und ab 2020 flächendeckend zur Anwendung kommen soll. Das SCS verfolgt das Ziel, die BürgerInnen für gutes Verhalten zu belohnen und für schlechtes zu sanktionieren, einfach gesagt „zu erziehen“. Es wird alles überwacht: wo und mit wem sich die Menschen aufhalten, ihre digitale Kommunikation, was sie einkaufen, ob sie bei Rot die Straße überqueren usw. Mit ihrem Verhalten sammeln sie konstant Punkte, und je nach ihrem „score“ bzw. „credit“ werden sie schnell als Vertrauenswürdige oder Vertrauensbrecher eingestuft. Dadurch bekommen sie Anspruch auf bestimmte Leistungen, oder es kann ihnen der Zugriff zu diesen verweigert werden. Die chinesische Regierung rechtfertigt dieses Vorhaben mit gerechterer Ressourcen- und Chancenverteilung, mehr Sicherheit durch Kriminalitätsbekämpfung und Anerkennung der tüchtigen vertrauenswürdigen Bürger. Kameraüberwachung, Gesichtserkennung und Machine-/Deep-Learning-Daten-Analysen bilden den Kern dieser Erziehungstechnologie. Hierzu nun das Interview mit Professor Dr. Jürgen Henze, einem Experten für Vergleichende Erziehungswissenschaft.


Herr Professor, Sie erforschen seit über 30 Jahren die chinesische Gesellschaft und ihr Bildungssystem. Haben Sie das SCS in China kommen sehen?

Nein, ich habe das SCS nicht kommen sehen, es hat mich aber auch nicht überrascht, dass die chinesische Regierung auf die neuesten Technologien und die riesigen Datenansammlungen (Big Data) zugreift bzw. zugreifen kann. Kameras haben Sie schon vor Jahren an allen größeren Kreuzungen und in allen größeren und mittelgroßen Städten beobachten können, ebenso wie auf allen öffentlichen Plätzen, das ist nichts Besonderes. China hat eine lange Tradition der von uns wahrgenommenen Form von Überwachung und sozialer Kontrolle. Die technologische Entwicklung hat das Fortleben dieser Tradition nur verstärkt. Ein wichtiger Punkt ist auch, dass der chinesische Staat über alle von Unternehmen und sonstigen Institutionen gesammelten Daten (Big Data) frei verfügen kann. Somit weiß die Regierung wirklich viel über ihre BürgerInnen und kann mit diesen Daten ihre eigene Überwachungstechnologie trainieren und konstant verbessern. Damit wird natürlich auch eine Verhaltensmodifikation angestrebt, die auch in der konfuzianischen Philosophie als ein lebenslanger Auftrag der Bürger, sozialer Gruppen und Institutionen gesehen wird.

Wenn Sie an Social Credits denken: Wo liegt Ihrer Meinung nach der Hauptunterschied zwischen der chinesischen und der deutschen Gesellschaft?

Der größte Teil der chinesischen Bevölkerung geht lange nicht so sensibel mit den von uns konstatierten Formen der Überwachung um, wie es in unseren westlichen Gesellschaften gehandhabt wird. Die Sensibilität gegenüber Maßnahmen, die das freiheitliche Denken und Handeln des Individuums in irgendeiner Form einschränken, ist in Deutschland wesentlich stärker. Es hat aber natürlich damit zu tun, dass die Äußerung von Missfallen und Ablehnung im politischen System bei uns weitgehend gestattet ist und nicht negativ sanktioniert wird, wie es in China der Fall ist. Eine weitere ganz vorsichtige Unterscheidung wäre vielleicht noch, dass die Affinität zur jeweils letzten technologischen Entwicklung im Durchschnitt auf der chinesischen Seite höher ist als auf der deutschen.

In wissenschaftlichen Studien wird oft erläutert, wie China durch die Philosophie von Konfuzius (551–479 v.Chr.) und die dazugehörige Vorstellung über die Rolle des Individuums in der Gesellschaft geprägt wurde. Wie hängen diese Faktoren mit der fast flächendeckenden Ausbreitung des SCS zusammen?

In Studien zum Zusammenhang von Individuum und Gesellschaft in den frühen chinesischen Philosophien, lässt sich sicherlich das Bild eines Individuums finden, das ständig mit einer Referenz auf andere lebt, denkt und handelt. Es wird allgemein akzeptiert, dass das Ich des Individuums ein sogenanntes Ich-im-Wir – ein Ich im ständigen Bezug zu und mit anderen Lebewesen – darstellt. (Gleichwohl kann sich der Mensch auch in dieser ständigen Referenz hoch individualistisch verhalten, diese Dualität wird von uns meistens nicht erkannt.)

Zudem glaubt man in China an die Plastizität menschlichen Verhaltens sowie an die Möglichkeit, durch die Erziehung eine Form der Selbstvervollkommnung zu erreichen. Diese äußert sich in einer moralisch ethischen Handlungsbereitschaft; das heißt, man ist ein guter Bürger, Nachbar, Angestellter, Schüler usw. Die Erziehung – als ein Mittel zur Erreichung dieser Selbstvervollkommnung – ist immer politisch orientiert und gibt eine soziale Orientierung vor, die von staatlichen Autoritäten definiert wird. Das SCS ist also nichts anderes als eine moderne Form der Umsetzung dieser Idee von Erziehung im Zusammenhang mit der Vorstellung der Rolle des Individuums in und für die Gesellschaft. Dieser Aspekt der individuellen Verhaltenssteuerung ist aber nur ein Element des gesamten Konstruktes.

Das SCS wird in den westlichen Medien als Überwachungsdystopie beschrieben. Einige WissenschaftlerInnen schildern aber, dass die chinesische Bevölkerung mit diesem System Sicherheit, Fortschritt und Belohnung für gutes Verhalten verbindet. Würden Sie dem zustimmen?

Ich verweise in diesem Zusammenhang auf die Arbeiten des MERICS Instituts in Berlin, die sehr dezidiert Stellung bezogen haben. Es scheint, dass die Mittelschicht in China eher positiv als negativ von dem SCS betroffen ist. Zudem werden mehrheitlich Maßnahmen begrüßt, die auf die Verhinderung/Vermeidung von Fehlverhalten gegenüber anderen Personen und Institutionen abzielen. Ich glaube auch, dass die meisten BewohnerInnen der Gebiete, in denen das System zurzeit angewandt wird, nicht oder nur kaum darüber informiert sind (obwohl sie evtl. betroffen sind) und sich damit nicht auseinandersetzen. Mir scheint, dass dies unabhängig von den individuellen Bildungsvoraussetzungen der Fall ist. Es gibt amerikanische Untersuchungen, die von einem relativen Vertrauenspotenzial gegenüber der chinesischen Regierung ausgehen, diesen Arbeiten werden aber methodische Schwächen nachgesagt.

Könnte Ihrer Meinung nach auch in Deutschland so schnell und flächendeckend ein derartiges Überwachungssystem eingeführt werden?

Nein, weil wir einen gesetzlichen Rahmen haben, der das zum Glück nicht zulässt. Zudem ist der individuelle Widerstand, der sich dann ganz sicher in kollektive Bahnen ergießen würde, noch ein Garant für das Nicht-Eintreten dieser Situation. Allerdings, das soll deutlich gesagt werden, laufen auch in Deutschland Prozesse zunehmender Überwachung ab, die mich zum Nachdenken bringen. Ich hoffe aber, der Weg nach China ist so weit, dass wir es nicht schaffen … Ich bin da ganz optimistisch, dass es nicht so kommt.


Lucia Cikovska, Magistra der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, nebenberuflich Social-Media-Beraterin, derzeit hauptberuflich Studentin der Erziehungswissenschaft, erforscht während des Großteils ihrer Zeit neue Technologien, die Daten-Machtstrukturen und deren Einfluss auf die Gesellschaft und das Bildungssystem. Während ihres Studienaufenthalts an der Humboldt Universität Berlin hat sie Herrn Professor Dr. Henze kennengelernt und dieses Interview geführt.

Professor Dr. Jürgen Henze, * 1950, seit 1993 Professor für Vergleichende Erziehungswissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin mit dem Schwerpunkt „asiatische Bildungssysteme“, ist seit 2015 pensioniert, aber weiterhin als Seniorprofessor am Institut tätig. Zu den Schwerpunkten in seiner Lehre und Forschung gehören die Beschäftigung mit dem chinesischen Bildungssystem und die Auseinandersetzung mit Fragen der interkulturellen Kommunikation und Kompetenzentwicklung.

Disclaimer

Die Antworten des Interviews wurden von der Autorin Lucia Cikovska modifiziert und stark gekürzt, um eine interdisziplinäre Empfänglichkeit des Beitrags zu gewährleisten und die Akzeptanz beim nicht-wissenschaftlichen Publikum zu erhöhen. Sowohl Herr Professor Dr. Jürgen Henze als auch die Autorin Lucia Cikovska behalten Recht auf Irrtum.

Dieser Beitrag spiegelt die Meinung der Autorinnen und Autoren und weder notwendigerweise noch ausschließlich die Meinung des Institutes wider. Für mehr Informationen zu den Inhalten dieser Beiträge und den assoziierten Forschungsprojekten kontaktieren Sie bitte info@hiig.de

Lucia Cikovska

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