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Innovationswettbewerb: Verrückte Ideen willkommen

07 Februar 2019

Open Innovation – also die strategische Öffnung von Innovationsprozessen für Externe oder sogar Laien – ist in Deutschland noch nicht sehr verbreitet. Andere Länder sind hier schon viel weiter, wie zwei Beispiele aus Skandinavien zeigen. Dieser Artikel von der Gastautorin Christin Skiera wurde vorher im Merton Magazin veröffentlicht.

 

Die Nidaros-Kathedrale in Trondheim ist Norwegens größter Sakralbau. Sieben Könige wurden hier gekrönt. „Die Menschen von Trondheim sind stolz auf ihre Kathedrale“, sagt Torstein Amundsen, Dekan der Kirche. Für die Besucher aus aller Welt wird das 91 Meter hohe Gebäude stets beheizt und ausgeleuchtet. 2017 lag der Energieverbrauch bei 1,5 Gigawattstunden. Das soll sich jetzt ändern, denn die Kathedrale soll die erste Kirche der Welt mit positiver Energiebilanz werden. Wie genau das gelingen kann, war unklar. Bis Climate-KIC im Sommer 2018 einen Ideenwettbewerb ausrief.

 

Die Initiative Climate-KIC

Climate-KIC steht für die „Knowledge and Information Community“ (KIC). Die Initiative wurde 2010 vom Europäischen Institut für Innovation und Technologie (EIT) gegründet und ist heute in allen europäischen Ländern aktiv. Mit ihren 300 Partnern aus Wirtschaft, Wissenschaft und dem öffentlichen Sektor bildet sie Europas größtes öffentlich-privates Netzwerk gegen den Klimawandel und für nachhaltige Innovationen. Climate-KIC will Europa zu einer Führungsrolle in der globalen Transformation Richtung Nachhaltigkeit verhelfen. Einen Schlüssel dazu sieht das Netzwerk in nachhaltiger Stadtentwicklung. Seit 2013 unterstützte es bereits 13 Städte und Gemeinden dabei, passende nachhaltige Lösungen mit Open-Innovation-Wettbewerben zu finden.

Auch die Stadt Malmö bat die Initiative Climate-KIC um Unterstützung bei einer kniffligen Frage. Die drittgrößte Stadt Schwedens wollte 2017 zusammen mit drei Nachbarkommunen zukünftig eine abfallfreie Kreislaufwirtschaft einführen. „Die vier Kommunen identifizierten das ungenutzte Abwasser als eine Möglichkeit, Abfall zu reduzieren und gleichzeitig Nachhaltigkeit in Unternehmen zu fördern, Arbeitsplätze zu schaffen und dabei noch einen sozialen Zweck zu erfüllen“, fasst Bengt Persson von der schwedischen Universität für Agrarwissenschaften zusammen. Doch wie kann das am besten gelingen? Die Stadt Malmö hatte die Frage bereits in einem lokalen Wettbewerb gestellt, fand die sechs entwickelten Ideen aber nicht überzeugend. Hoffnungen ruhen nun vor allem auf den technischen Universitäten und den Start-ups aus dem Climate-KIC-Netzwerk.

 

Lebensmittel aus Abwärme

Climate-KIC nahm sich der Frage an, holte unter anderem den Energiekonzern E.ON, die Entsorgergesellschaft Veolia und einen Immobilienkonzern an Bord. Gemeinsam lobten sie den Open-Innovation-Wettbewerb „Städtische Lebensmittel durch Abwärme“ aus. Teilnehmen konnte jeder, egal ob Unternehmen, Forschender oder Anwohner, egal ob mit einer groben Idee oder mit einem ausgetüftelten technischen Konzept, egal ob aus Schonen oder Sydney. Climate-KIC bewarb den Ideenwettbewerb weltweit innerhalb des eigenen Netzwerks und auf der Homepage.

Und tatsächlich gingen in Malmö 46 Ideen aus 21 Ländern ein. Sie wurden dem Konsortium vorgestellt und Wettbewerber mit ähnlichen oder kompatiblen Ideen fanden sich in Gruppen zusammen. Die entstandenen fünf Teams entwickelten ihre Vorschläge zu einem ganzheitlichen Lösungskonzept weiter, das nach den Konsultationen von Fachleuten nun auch alle technischen, architektonischen und finanziellen Fragen beantwortete. Erneut stellten die Teams ihre Konzepte der Jury vor, die daraufhin drei Teams aufforderte, ihr Konzept real in Prototypen zu testen.

Wie lassen sich Lebensmittel mit Hilfe von Abwärme produzieren? Skizze des Prototyps, der in Malmö umgesetzt werden soll.

 

Im Finale im September 2018 überzeugte 18 Monate nach Wettbewerbsbeginn der Prototyp, der eine Fischzucht und Gewächshäuser basierend auf Hydrokultur in Containern betrieb. Während alte Schiffscontainer zu Gewächshäusern umgebaut wurden, beherbergten Holzcontainer ein Café, eine kleine Markthalle und ein Klassenzimmer. Die Fischzucht, zum Zeitpunkt des Finales noch nicht fertiggestellt, soll ebenfalls in recycelten Containern erfolgen. Besonders gefiel der Jury die modulare und somit kostengünstige Bauweise, die perspektivisch auch eine temporäre Nutzung städtischer Freiflächen wie Dächer und Baubrachen ermöglicht.

Die Open-Innovation-Wettbewerbe bestehen stets aus drei Phasen: Zuerst formuliert das öffentlich-private Konsortium Ziele, stellt erforderliche Informationen wie technische Details zur Verfügung und schreibt den Wettbewerb international aus. Dann werden die besten Ideen in interdisziplinären Teams und mit Unterstützung von Experten zu Konzepten zusammengeführt. Die besten Konzepte werden in der letzten Phase prototypisch getestet. Die Teilnehmer sind angehalten, ihre Ideen gemeinschaftlich und interdisziplinär zu entwickeln. Methodisch stützen sich die Ideenwettbewerbe auf die Grundprinzipien von „offenen Innovationsprozessen“, ein Begriff, den der Wirtschaftswissenschaftler Henry Chesbrough prägte. Chesbrough argumentierte: Würden Unternehmen strategisch ihre Forschungs- und Entwicklungsprozesse für Kunden, Lieferanten, Partner, Start-ups und Forschungsinstitute öffnen, dann ergäben sich frische Impulse für Innovationen.

 

Open Innovation im Rathaus

Aber „Open Innovation ist nicht nur wichtig für Unternehmen und ihre Zulieferketten. Es ist genauso nützlich für den öffentlichen Sektor, besonders für Städte”, ist man bei Climate-KIC überzeugt[1]. Die vielschichtigen Probleme, vor denen die Kommunen aufgrund der Urbanisierung und des Klimawandels stehen, lassen sich weder von der Politik noch von der Wissenschaft, Zivilgesellschaft oder Wirtschaft alleine lösen. Diese sogenannten wicked problems fordern interdisziplinäre Perspektiven und kreative Denkansätze. Die Stadtverwaltungen wissen oft nicht, welche Lösungen der Markt für ihr Problem bereithält oder welche Erkenntnisse aus der Forschung für sie nützlich sein können. Die öffentliche Vergabepraxis erschwert es ihnen außerdem, mit neuen, häufig kleinen Firmen zusammenzuarbeiten, da oftmals bereits Rahmenverträge mit anderen Firmen bestehen oder den jungen Firmen die Ressourcen für die langwierigen Vergabeverfahren fehlen.

„Die Open-Innovation-Wettbewerbe sind keine ‚rocket science‘, sondern ein neuer, agiler Weg für Erneuerung in Politik und Verwaltung.“ 

– Peter Vangsbo beim Climate-KIC zuständig für die Wettbewerbe

Die Ideenwettbewerbe ermöglichen es den Städten hingegen, in kurzer Zeit mit verschiedenen Partnern in Kontakt zu treten und gemeinsam „ins Machen“ zu kommen. Der Stadt Malmö gab der Wettbewerb die Inspiration, auf die sie gehofft hatte, sagt Malin Norling, Projektmanagerin der Stadt: „Der Vorteil der Open-Innovation-Wettbewerbe besteht darin, dass Sie einige ‚verrückte‘ Ideen bekommen, die nach einer Weile gar nicht mehr so absurd wirken.“[2]

Peter Vangsbo, zuständig für die Wettbewerbe beim Climate-KIC, ist überzeugt: „Die Open-Innovation-Wettbewerbe sind keine ‚rocket science‘, sondern ein neuer, agiler Weg für Erneuerung in Politik und Verwaltung.“ Sie seien replizierbar und flexibel. Während sich Malmö für den Wettbewerb fast zwei Jahre Zeit nahm und die Konzepte mit realen Prototypen testete, durchliefen andere Kommunen den Prozess in zwei Monaten. Die Wettbewerbe ermöglichen es außerdem, Stadtentwicklung aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten. Im Gewinnerteam in Malmö tüftelten Experten für Hydrokultur, Architektur und Pädagogik zusammen an technischen wie gestalterischen Fragen – und haben einen anderen Blick auf die Dinge als die Stadtverwaltung allein.

Städte sind zudem ein perfektes Mini-Innovationssystem mit „lebendigen Laboren“, wie es Vangsbo formuliert. Die Prototypen der Finalisten brachten in Malmö bereits nach wenigen Monaten potenzielle „Nutzergruppen“ wie Anwohner, Schulen und Restaurants ins Gespräch. Würden sie Fisch aus recyceltem Abwasser essen? Passt das modulare Gewächshaus ins Stadtbild? Der Stadt spart das Geld und Zeit, denn sie erfährt frühzeitig, was die Bevölkerung wirklich will und welche Lösungen der Markt bereithält und kann die folgende Vergabe passgenau formulieren.

Dass die Open-Innovation-Wettbewerbe potenziell Innovationskultur in die Rathäuser tragen, war auch der Beweggrund für die schwedische Innovationsbehörde Vinnova, den Wettbewerb mit 210.000 Euro zu unterstützen. „Die großen gesellschaftlichen Herausforderungen profitieren von offenen Innovationsprozessen. Uns geht es darum, ein neues Förderinstrument in unserem Werkzeugkasten zu haben“, so Erik Borälv von Vinnova.[3]

 

Türöffner für Start-Ups

Viele Ideen für nachhaltige Produkte entstehen heute in jungen, kleinen Start-ups, für die es oft schwierig ist, eine Zusammenarbeit mit der Stadt zu etablieren. Ihnen öffnet der Wettbewerb Türen. „Climate-KIC sucht weltweit nach Unternehmen, die zu einer nachhaltigen Lösung des jeweiligen Problems beitragen“, erklärt Vangsbo. Ihnen ermöglicht der Wettbewerb, ihre Ansätze in den Kommunen zu testen und weiterzuentwickeln.

In Trondheim gingen in der Zwischenzeit 22 Vorschläge für eine energieautarke Nidaros-Kathedrale ein. Gewonnen hat die Idee, die Kathedrale durch Öffnungen im Boden nur dort zu erwärmen, wo sich Besucher aufhalten. Die dafür benötigte Energie soll durch Solaranlagen und durch Brunnenwasser gewonnen werden. Jetzt geht es an die technische Umsetzung. Aber stolz sind die Trondheimer schon jetzt – auf das erste Nationalheiligtum mit positiver Energiebilanz.

 

Initiative für offene Wissenschaft und Innovation

Wissenschaft und Wirtschaft suchen stets nach neuen Wegen, um Forschung und Entwicklung und damit die Innovationsfähigkeit unseres Landes voranzubringen. Das Konzept der Open Innovation und der Open Science birgt hier viel Potenzial, wird hierzulande aber nur wenig genutzt. Der Stifterverband hat deshalb ein Forum für offene Wissenschaft und Innovation ins Leben gerufen. Ziel der Initiative ist, unterschiedliche Akteure zu vernetzen, in einen zielgerichteten Austausch zu bringen und mit konkreten Fördermaßnahmen – von der Hochschulentwicklung bis zur Kompetenzvermittlung – Impulse für den Wissenschafts- und Innovationsstandort Deutschland zu geben. 2019 ist dazu die Publikation „Was gewinnen wir durch Open Science und Open Innovation“ erschienen.

 

Mehr zum Thema Open Innovation? Hier geht’s zu einer HIIG-Publikation!


[1] EIT Climate-KIC (2017): Opening-up the Sustainable City. TOWARDS AN OPEN INNOVATION FRAMEWORK FOR FUTURE LOW CARBON CITIES, S. 7.

[2] EIT Climate-KIC (2018): Cases – Urban Food from Residual Heat. Turning excess heat into local produce for greener cities, S. 8.

[3] EIT Climate-KIC (2018): S. 8.

 

Titelbild: Kathedrale von Trondheim (Foto: Nidaros Cathedral Restoration Workshop ©)

Dieser Beitrag spiegelt die Meinung des Autors und weder notwendigerweise noch ausschließlich die Meinung des Institutes wider. Für mehr Informationen zu den Inhalten dieser Beiträge und den assoziierten Forschungsprojekten kontaktieren Sie bitte info@hiig.de

Christin Skiera

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