Skip to content

Digital Society Blog

Making sense of our connected world

lidya-nada-636142-unsplash

You’re fired

24 July 2018| doi: 10.5281/zenodo.1341697

Emojis, gifs and chat programs like Slack are designed to lighten the mood in the office. Our guest contributor Bianca Xenia Jankovska believes: As long as the hierarchies remain rigid, they have the opposite effect.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich habe nichts gegen Emojis. Ich halte es damit wie mit Salz: Ein bisschen kann nicht schaden. Wenn ich in der U-Bahn sitze und auf die Sprachnachricht einer Freundin gerade nicht ausführlich antworten kann, klicke ich ein paar Mal auf ???. Und schon habe ich eine erste Begeisterung mitgeteilt, bevor ich mich mit einem „Melde mich später, ?“ aus der Affäre ziehe. Chats gehören zu meinem Alltag, seit ich schreiben kann. Als heute 26-Jährige bin ich gewohnt, schnell zu reagieren. Privat – und auch beruflich.

Keine Frage, es kann ganz praktisch sein, nicht wegen jeder Kleinigkeit einen Termin mit dem Chef zu vereinbaren, sondern einfach ein „Hey, passt so“ ins Chatfenster zu tippen. Dennoch wünsche ich mich manchmal in die Arbeitswelt meiner Eltern zurück, in der – wie zum Glück immer noch in den meisten Betrieben üblich – Arbeitsanweisungen per E-Mail kamen. Darin stand dann etwa „Sehr geehrte Frau Jankovska, für die kommende Woche wäre eine weitere Auftragsbearbeitung im Umfang von vier Stunden nötig. Könnten Sie diese in Ihrem Kalender unterbringen?“. Und nicht, wie bei mir, einfach ein lockeres „Hey, könntest du mal kurz drauf schauen, dauert auch nicht lange ??“ im Slack-Chat. Denn was antwortet man da, als fromme und stets bereite Arbeitnehmerin? „Ja, mach ich gleich.“ Und dahinter setzt man ein Smiley, obwohl man völlig gestresst ist und innerlich überkocht.

„Die Schwelle, nach Feierabend ins Chatfenster ‘Morgen spontanes Meeting um 7:30 ☀️’ zu tippen ist niedriger, als den Mitarbeiter um 21 Uhr anzurufen.“

Für alle, die in letzten Jahren nicht in einem Start-Up gearbeitet haben: Slack ist eine von Stewart Butterfield entwickelte App, die Beschäftigte eines Unternehmens miteinander verbindet. Anstatt eine E-Mail zu schicken, können sie direkt zu zweit oder in der Gruppe miteinander chatten, Emojis und Gifs senden. Alle Teilnehmer können – anders als bei E-Mails – in Echtzeit sehen, was die anderen zum gleichen Thema schreiben. Zum Ärger mancher Angestellten funktioniert Slack nicht nur auf dem Computerbildschirm, sondern auch auf dem Privathandy. Inzwischen wird Slack nach eigenen Angaben von 50.000 Unternehmen in 100 Ländern genutzt.

Slack und andere Technologien, mit denen Kollegen miteinander chatten können, haben das Potenzial, das Arbeitsleben vieler Menschen zu vereinfachen. Sie können dabei helfen, die E-Mail-Flut zu reduzieren. Und es ist schlicht praktischer, in einer WhatsApp-Gruppe zu koordinieren, wer spontan eine Kollegin vertreten kann, als alle Mitarbeiterinnen einzeln anzurufen. Gleichzeitig verschwimmt so immer mehr die Trennung zwischen Freizeit und Arbeit.

Konzerne wie Volkswagen haben schon 2011 beschlossen, den Zugang zu Arbeits-E-Mails nach Feierabend zu reduzieren: Eine halbe Stunde nach Arbeitsschluss und am Wochenende werden die E-Mails vom Mailserver des Unternehmens nicht auf die Smartphones der Beschäftigten weitergeleitet. Und nun kommt dieses unschuldige Slack langsam im Arbeitsalltag an und tut so, als wären alle Stressprobleme mit einem beschwichtigenden Emoji behoben. Theoretisch können Beschäftigte die Slack-Benachrichtigungen auf ihrem Telefon zwar aus- oder stummschalten. Aber so einfach ist es ja nicht.

Wie lange darf man nicht antworten, bis die Kommunikationspause als firmeninternes Ghosting gilt?

Woher sollen sie wissen, ob eine Information relevant ist? Wie cool reagiert der Teamleiter wirklich, wenn man die Nachricht nicht sieht, oder ignoriert, und deshalb das Meeting verpasst? Wie soll man runterkommen, wenn die ständige Arbeitsbereitschaft nicht mit Dienstende aufhört – weil gar kein Diensthandy angeschafft wurde, das man ausschalten könnte? Wo sind diese gesetzlich regulierten Schonzeiten am Abend und am Wochenende, um sich vom „zentralen Nervensystem“ – so nennt es Slack-Gründer Butterfiled – auszuloggen, ohne dabei beruflich draufzugehen? Wie lange darf man nicht antworten, bis die Kommunikationspause als firmeninternes Ghosting gilt? Während bei E-Mails gefühlt eine Toleranzgrenze von bis zu fünf Tagen gilt, hat Slack eher etwas von WhatsApp. Man kann sehen, wann jemand online ist – und kann sich nur schwer rechtfertigen, nichts sofort geantwortet zu haben.

Für den Umgang mit den neuen Kommunikationstechnologien gibt es noch kaum Regeln. Das ist aber nicht der einzige Haken. Mit der schnellen, vermeintlich lockeren Kommunikation ist es wie mit dem Duzen vom Chef und den Sneakern im Büro: An sich ist die Lockerheit nicht schlecht. Firmen lassen sich auf das Neue – mehr Flexibilität – ein. Doch dabei vergessen sie das Alte – Hierarchien, Präsenzmeetings und Kontrolle – zu reduzieren. Alte Umgangsformen werden wie ein Jeanshose auseinandergerissen und dann zu einem Hemd zusammengenäht, das am Ende niemandem so richtig passt.

„Jennifer-Lawrence-Memes können keine passiv-aggressiven Befehlstöne kaschieren.“

Die schlecht vernähten Überbleibsel alter Zeiten reißen zuallererst beim Zwischenmenschlichen. Herr Heidenbück und Herr Miebach werden plötzlich zu Stefans, Frau Reitnagel und Frau Lauff zu Steffis, die von Tag eins versuchen, der beste Freund statt die Abteilungsleiterin zu sein. Und dann melden sie sich schon bald nach Feierabend und geben munter „Infos zum morgigen Termin“ durch. Und scheuen sich nicht einmal, einen um 22 Uhr aus dem Netflix-Binge-Marathon mit dem Partner zu reißen: „Es ist spät, aber geht es vielleicht doch noch? ?“.

Smileys bei Slack sind daher ungefähr so wertvoll wie Sushi von Aldi: Denn Arbeitsaufträge, die in den Sechzigerjahren im Befehlston durch das ganze Büro geschrien wurden, werden nicht dadurch leichter zu bewältigen, dass man heute am Ende einer Nachricht einen Zwinker-Smiley setzt. Der Chef wird nicht zum Kumpel, weil man auf dem Sofa sitzend mit ihm chattet. Und nachgeschobene Jennifer-Lawrence-Memes können keine aggressiven Befehlstöne kaschieren, im Gegenteil. Das künstliche Bonding macht es schwer, professionell miteinander umzugehen, nüchtern über Geld zu verhandeln, klar zu sagen, womit man unzufrieden ist – oder schlicht abzusagen, wenn man eine Aufgabe nicht annehmen möchte.
Bis es also soweit ist, dass wir auf Augenhöhe miteinander sprechen und arbeiten, sollten wir Arbeit als das betrachten, was sie ist: Ein Weg, mit dem Menschen ihren Lebensunterhalt finanzieren – und nicht das nächste unternehmensinterne Ping-Pong-Turnier, das sich anfühlt wie eine große Familienfeier.

Also read our issue in focus: Work in the digital age


Dieser Beitrag erschien zuerst bei ZEIT ONLINE. Bianca Xenia Jankovska, 1991 als Tochter einer Slowakin und eines Österreichers in Wien geboren, studierte Publizistik und Politikwissenschaft an den Universitäten Wien und Antwerpen. Im Anschluss war sie ein Jahr am Aufbau der Redaktion Bento für Spiegel Online beteiligt. Sie lebt als freie Autorin, Kolumnistin und Social-Media-Konzepterin in Berlin. Am HIIG unterstützt sie das Forschungsprojekt „Konkurrent und Komplementär“ als freie Mitarbeiterin.

This post represents the view of the author and does not necessarily represent the view of the institute itself. For more information about the topics of these articles and associated research projects, please contact info@hiig.de.

Bianca Xenia Jankovska

Sign up for HIIG's Monthly Digest

and receive our latest blog articles.

Titelbild European Platform Alternatives. Ein Schwimmbad mit zwei Sprungtürmen von oben.

European Platform Alternatives

When the Platform Alternatives project began its research of Europe’s platform economy in 2020, the team set out to understand the structural effects of the large American platforms and the strategies of their European competitors. What they found was a highly diverse and active landscape, where scaling at all cost and market domination were not necessarily core concerns. Now, two years on, the question of how to regulate large platforms still dominates the public and policy debates. The contributions gathered here, however, suggest that it would also be of societal value if mainstream discourse learned to take a closer look at the variety of organisational solutions of existing European platforms. Not only to regulate them better but also to help them prosper into true alternatives in the global market.

Discover all 5 articles

Further articles

Titelbild Blogbeitrag: Deep Fakes

Deep fakes: the uncanniest variation of manipulated media content so far

Deep fakes are certainly not the first occurrence of manipulated media content. So what fuels this extraordinary feeling of uncanniness we associate with them?

Titelbild Blogpost Technological Pluriverse: Reflektierende Luftblasen vor einem hellgrünen Hintergrund.

Towards the Technological Pluriverse

How does the design practice of digital technology need to be fundamentally changed to create a more inclusive digital future? Adriaan Odendaal & Karla Zavala Barreda on creating the idea...

Titelbild Blogpost: Digitalisierung im Mittelstand. Eine Brücke bei Nacht mit Lichtstreifen

4 core properties of sustainable support formats for digitalisation in SMEs

How can we communicate digitalisation in SMEs in a appropriate way for the target group? 4 core characteristics of sustainable support formats for long-term success.