{"id":29442,"date":"2016-08-24T13:58:24","date_gmt":"2016-08-24T11:58:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.hiig.de\/en\/?p=29442"},"modified":"2019-02-19T17:13:09","modified_gmt":"2019-02-19T16:13:09","slug":"retro-is-everywhere-and-everywhere-the-same","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hiig.de\/en\/retro-is-everywhere-and-everywhere-the-same\/","title":{"rendered":"Retro is everywhere. And everywhere the same?"},"content":{"rendered":"<p><em>&#8220;Retro is a refuge from too much new\u201d, said HIIG-researcher Sascha Friesike in an interview with <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/news\/2016-08\/01\/unternehmen-experte-retro-ist-ein-fluchtreflex-auf-zu-viel-neues-01105405\">dpa<\/a>. But why does retro look everywhere alike? And why do especially creative folks and digital nomads like oldfashioned aesthetics? Michael Metzger followed up on the matter &#8211; and found out more about standard caf\u00e9s and artifical obsolescence in a further interview with Sascha Friesike.<\/em><\/p>\n<p><b>Metzger: Auf &#8220;The Verge&#8221; hat Kyle Chayka festgestellt, dass Coworking-Spaces und hippe Caf\u00e9s weltweit alle gleich aussehen, obwohl sie keiner gemeinsamen Kette angeh\u00f6ren. Chayka schreibt, dass vom Silicon Valley ausgehend in die gesamte Welt eine gemeinsame \u00c4sthetik exportiert w\u00fcrde, die es digitalen Nomaden erlaubt, sich \u00fcberall heimisch zu f\u00fchlen. Daf\u00fcr hat er in Anlehnung an AirBnB den Begriff &#8220;<\/b><a href=\"http:\/\/www.theverge.com\/2016\/8\/3\/12325104\/airbnb-aesthetic-global-minimalism-startup-gentrification\"><b>AirSpace<\/b><\/a><b>&#8221; gepr\u00e4gt. Dieser sieht laut Chayka ziemlich altmodisch aus: &#8220;die selben Tische aus unbehandeltem Holz, freigelegte Backsteinw\u00e4nde und h\u00e4ngende Edison-Gl\u00fchbirnen&#8221;<\/b><\/p>\n<p>Friesike: Das Silicon Valley soll jetzt der Ursprung aktueller \u00c4sthetik sein? Das finde ich befremdlich, denn das meiste dort ist doch recht geschmacksbefreit. Es ist wohl eher so, dass sich ein \u00e4sthetischer Zeitgeist durch das Netz sehr schnell verbreiten l\u00e4sst. Die Software mag aus dem Valley kommen, die \u00c4sthetik sicher nicht. Design war ja traditionell etwas regionales. Reetd\u00e4cher auf Juist sehen komplett anders aus als die D\u00e4cher Schweizer Bergh\u00fctten. Dieser regionale Charakter ist aber mit dem Netz verloren gegangen. Nun haben wir es mit einer globalen Welle scheinbarer Retro-\u00c4sthetik zu tun.<\/p>\n<p><b>Nicht das Silicon Valley, sondern das Netz als globales Ph\u00e4nomen beeinflusst also \u00c4sthetik \u2013 und ist verantwortlich f\u00fcr die Retro-Welle?<\/b><\/p>\n<p>Genau. Mir ist die Tragweite dessen zum ersten Mal vor ein paar Jahren in Indonesien bewusst geworden. Ich habe nach gutem Kaffee gesucht und bin dabei auf ein Caf\u00e9 gesto\u00dfen, das genau so aussieht, wie die hippen Caf\u00e9s in Paris. Besonders sind mir zwei Dinge aufgefallen: <a href=\"https:\/\/www.google.de\/search?q=tolix+hocker&amp;biw=1426&amp;bih=1638&amp;source=lnms&amp;tbm=isch&amp;sa=X&amp;ved=0ahUKEwiG9Ib8_LHOAhWMEywKHWZeACYQ_AUIBygC\">Tolix-Hocker<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.google.de\/search?q=tolix+hocker&amp;biw=1426&amp;bih=1638&amp;source=lnms&amp;tbm=isch&amp;sa=X&amp;ved=0ahUKEwiG9Ib8_LHOAhWMEywKHWZeACYQ_AUIBygC#tbm=isch&amp;q=jielde+lamp\">Jielde-Lampen<\/a>. Das sind beides Produkte, die fr\u00fcher in Frankreichs Werkst\u00e4tten sehr verbreitet waren. Sp\u00e4ter bekam man sie dort auf jedem Flohmarkt. In Paris stehen sie noch heute in vielen Caf\u00e9s, weil sie quasi unkaputtbar sind. Aber warum finde ich diese beide Dinge in einem Caf\u00e9 in Indonesien? Haben die dort sonst keine Hocker?<\/p>\n<p><b>Also wird \u00fcber das Internet eine bestimmte \u00c4sthetik verbreitet, die nur so tut als ob sie retro ist?<\/b><\/p>\n<p>Wahrscheinlich hat das jemand im Netz gesehen und denkt nun: So sieht ein hippes Caf\u00e9 aus. Wenn man genau drauf achtet, dann sieht man diese Lampen und Hocker heute \u00fcberall. In Berlin, in Bangkok, in Melbourne, wer ein hippes Caf\u00e9 aufmacht, kauft Tolix-Hocker und Jielde-Lampen. Dabei macht das au\u00dferhalb von Frankreich wenig Sinn. Man kann diese Hocker \u00fcbrigens heute noch neu kaufen, oder man kauft die alten, gebraucht. Die gebrauchten kosten ein Vielfaches von den neuen, so gefragt sind alte franz\u00f6sische Hocker. Neulich bin ich in Berlin am &#8220;Flagshipstore&#8221; des K\u00fcchenherstellers Boffi vorbeigekommen. Im Schaufenster zu sehen eine 50.000 Euro K\u00fcche und ein alter Tolix-Hocker, richtig alt, mit Rost und allem, muss ein Verm\u00f6gen gekostet haben. Wir haben es also mit einem \u00e4sthetischen Zeitgeist zu tun, der stark globalisiert ist. Liegt in meinen Augen daran, dass man Bilder sehr gut \u00fcber das Netz verbreiten kann und so haben Innenarchitekten \u00fcberall auf der Welt das Bed\u00fcrfnis, Orte so einzurichten, wie die Caf\u00e9s in Paris \u2013 und nicht wie im Silicon Valley \u2013 Instagram sei dank.<\/p>\n<p><b>In deinem Forschungsprojekt zu Innovation hast du herausgefunden, dass &#8220;Vererbung&#8221; ein Prinzip von Innovation ist: Eine neue Idee erbt Elemente von den Gro\u00dfeltern, also der vorletzten Ideen-Generation, und vermischt diese mit aktuellen Inhalten. Wenn Digitale Nomaden heute Apfelkuchen nach einem Rezept von 1869 verspeisen und dabei auf Opas altem Ledersofa sitzen \u2013 gibt es auch da einen neuen, innovativen Remix?<\/b><\/p>\n<p>Sicher. Die aktuelle Retro-\u00c4sthetik ist nicht alt, sie ist total modern. Sie bedient sich nur alter Elemente. Das kann man ganz gut an einem Beispiel illustrieren. Couchtische sind \u00fcber die letzten 100 Jahre kontinuierlich tiefergelegt worden. Wenn man sich Wohnzimmer aus den 1920er Jahren anschaut, dann war der Couchtisch so hoch, dass man daran essen konnte. Sp\u00e4ter war er zu hoch, um den dahinter stehenden Fernseher zu sehen. Die Tieschbeine wurden gek\u00fcrzt. Wir alle kennen die etwas flacheren Nierentische aus den 60er Jahren. Im Laufe der Zeit wurde der Tisch immer flacher. Heute sieht man nicht selten alte Weinkisten, die jemand zu einem Couchtisch umfunktioniert hat. Die Kiste selbst mag 100 Jahre alt sein, vor 100 Jahren w\u00e4re aber niemand auf die Idee gekommen, sie als Couchtisch zu verwenden. Wir gehen also durchaus zur\u00fcck in der Zeit, suchen Dinge, die wir heute als sch\u00f6n empfinden und integrieren sie in unser aktuelles Leben. Ganz oft ver\u00e4ndert sich dadurch aber ihr Einsatzzweck, weil wir sie neu interpretieren. Die Caf\u00e9h\u00e4user vor 100 Jahren w\u00e4ren aus allen Wolken gefallen, wenn da jemand Hocker aus der Werkstatt reingestellt h\u00e4tte.<\/p>\n<p><b>Der Retro-Trend ist deutlich sichtbar bei Kleidung, M\u00f6beln und Essen. Was ist mit immateriellen Feldern? Gibt es eine Retro-Bewegung in der Musik, in politischen Ideen oder in Geschlechterrollen?<\/b><\/p>\n<p>Retro bedeutet eigentlich immer, dass man die aktuelle Situation zum Anlass nimmt, zu reflektieren und zu dem Ergebnis kommt, dass eine alte Herangehensweise besser zu einem passt. Geschlechterrollen sind vielleicht kein ideales Beispiel, aber wenn wir uns Beziehungen als solches angucken, dann findet man auch dort Retro-Trends. Kirchliche Hochzeiten zum Beispiel. Etliche Leute, die nie in die Kirche gehen, lassen sich kirchlich trauen, um einem Retro-Ideal nachzukommen. Und auch in der Kunst hat man eigentlich kontinuierlich die Beziehung auf fr\u00fchere Epochen. Wenn man sich zum Beispiel Gregory Porter anh\u00f6rt, dann klingt er in vielem sehr \u00e4hnlich zu den K\u00fcnstlern auf den alten Jazz-Platten meines Opas.<\/p>\n<p><b>Je weiter die Digitalisierung voranschreitet, desto st\u00e4rker wird auch die Retro-Bewegung als Sehnsucht nach dem Haptischen. Aber gibt es innerhalb der Digitalisierung eine Retro-Bewegung? Netscape statt Google Chrome, Nokia statt Apple, Pixel-Grafik statt Virtual Reality?<\/b><\/p>\n<p>Ich glaube die Leute tun sich damit sehr schwer. Im Digitalen wirkt ein alter Look sehr schnell artifiziell, davon ist man in den letzten Jahren eigentlich eher weggekommen. Apples Kalender hatte fr\u00fcher einen <a href=\"http:\/\/www.businessinsider.com\/ical-mac-os-x-lion-2011-3?IR=T\">Lederrand<\/a>. Das sollte aussehen, wie ein alter Kalender, war aber keiner. Und diese k\u00fcnstliche Veralterung kam nicht besonders gut an. Wenn man sich einen alten Hocker in die neue K\u00fcche stellt, dann soll das ja irgendwie die Verg\u00e4nglichkeit der Dinge symbolisieren. Die \u00c4sthetik steckt quasi im Ergebnis der jahrzehntelangen Abnutzung. Bei Software gibt es das nicht. Alte Software bekommt keine Patina. Bei Hardware ist das schon eher denkbar. Es gibt zum Beispiel Leute, die sich einen Mac aus den 80er Jahren kaufen, den entkernen und ein iPad anstelle des alten R\u00f6hrenbildschirms <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=TMsRwcWcv-U\">reinstecken<\/a>. Damit hat man die alte Optik bewahrt, sie aber mit neuer Technologie ausgestattet.<\/p>\n<div class=\"shariff shariff-align-flex-start shariff-widget-align-flex-start\"><ul class=\"shariff-buttons theme-round orientation-horizontal buttonsize-medium\"><li class=\"shariff-button linkedin shariff-nocustomcolor\" style=\"background-color:#1488bf\"><a href=\"https:\/\/www.linkedin.com\/sharing\/share-offsite\/?url=https%3A%2F%2Fwww.hiig.de%2Fen%2Fretro-is-everywhere-and-everywhere-the-same%2F\" title=\"Share on LinkedIn\" aria-label=\"Share on LinkedIn\" role=\"button\" rel=\"noopener nofollow\" class=\"shariff-link\" style=\"; background-color:#0077b5; color:#fff\" target=\"_blank\"><span class=\"shariff-icon\" style=\"\"><svg width=\"32px\" height=\"20px\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" viewBox=\"0 0 27 32\"><path fill=\"#0077b5\" d=\"M6.2 11.2v17.7h-5.9v-17.7h5.9zM6.6 5.7q0 1.3-0.9 2.2t-2.4 0.9h0q-1.5 0-2.4-0.9t-0.9-2.2 0.9-2.2 2.4-0.9 2.4 0.9 0.9 2.2zM27.4 18.7v10.1h-5.9v-9.5q0-1.9-0.7-2.9t-2.3-1.1q-1.1 0-1.9 0.6t-1.2 1.5q-0.2 0.5-0.2 1.4v9.9h-5.9q0-7.1 0-11.6t0-5.3l0-0.9h5.9v2.6h0q0.4-0.6 0.7-1t1-0.9 1.6-0.8 2-0.3q3 0 4.9 2t1.9 6z\"\/><\/svg><\/span><\/a><\/li><li class=\"shariff-button bluesky shariff-nocustomcolor\" style=\"background-color:#84c4ff\"><a href=\"https:\/\/bsky.app\/intent\/compose?text=Retro%20is%20everywhere.%20And%20everywhere%20the%20same%3F https%3A%2F%2Fwww.hiig.de%2Fen%2Fretro-is-everywhere-and-everywhere-the-same%2F  via @hiigberlin.bsky.social\" title=\"Share on Bluesky\" aria-label=\"Share on Bluesky\" role=\"button\" rel=\"noopener nofollow\" class=\"shariff-link\" style=\"; background-color:#0085ff; color:#fff\" target=\"_blank\"><span class=\"shariff-icon\" style=\"\"><svg width=\"20\" height=\"20\" version=\"1.1\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" viewBox=\"0 0 20 20\"><path class=\"st0\" d=\"M4.89,3.12c2.07,1.55,4.3,4.71,5.11,6.4.82-1.69,3.04-4.84,5.11-6.4,1.49-1.12,3.91-1.99,3.91.77,0,.55-.32,4.63-.5,5.3-.64,2.3-2.99,2.89-5.08,2.54,3.65.62,4.58,2.68,2.57,4.74-3.81,3.91-5.48-.98-5.9-2.23-.08-.23-.11-.34-.12-.25,0-.09-.04.02-.12.25-.43,1.25-2.09,6.14-5.9,2.23-2.01-2.06-1.08-4.12,2.57-4.74-2.09.36-4.44-.23-5.08-2.54-.19-.66-.5-4.74-.5-5.3,0-2.76,2.42-1.89,3.91-.77h0Z\"\/><\/svg><\/span><\/a><\/li><li class=\"shariff-button mailto shariff-nocustomcolor\" style=\"background-color:#a8a8a8\"><a href=\"mailto:?body=https%3A%2F%2Fwww.hiig.de%2Fen%2Fretro-is-everywhere-and-everywhere-the-same%2F&subject=Retro%20is%20everywhere.%20And%20everywhere%20the%20same%3F\" title=\"Send by email\" aria-label=\"Send by email\" role=\"button\" rel=\"noopener nofollow\" class=\"shariff-link\" style=\"; background-color:#999; color:#fff\"><span class=\"shariff-icon\" style=\"\"><svg width=\"32px\" height=\"20px\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" viewBox=\"0 0 32 32\"><path fill=\"#999\" d=\"M32 12.7v14.2q0 1.2-0.8 2t-2 0.9h-26.3q-1.2 0-2-0.9t-0.8-2v-14.2q0.8 0.9 1.8 1.6 6.5 4.4 8.9 6.1 1 0.8 1.6 1.2t1.7 0.9 2 0.4h0.1q0.9 0 2-0.4t1.7-0.9 1.6-1.2q3-2.2 8.9-6.1 1-0.7 1.8-1.6zM32 7.4q0 1.4-0.9 2.7t-2.2 2.2q-6.7 4.7-8.4 5.8-0.2 0.1-0.7 0.5t-1 0.7-0.9 0.6-1.1 0.5-0.9 0.2h-0.1q-0.4 0-0.9-0.2t-1.1-0.5-0.9-0.6-1-0.7-0.7-0.5q-1.6-1.1-4.7-3.2t-3.6-2.6q-1.1-0.7-2.1-2t-1-2.5q0-1.4 0.7-2.3t2.1-0.9h26.3q1.2 0 2 0.8t0.9 2z\"\/><\/svg><\/span><\/a><\/li><\/ul><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Retro is a refuge from too much new\u201d, said HIIG-researcher Sascha Friesike in an interview with dpa. 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