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Ungehobene Schätze: Nutzerinnovationen für Smart Energy

06 Februar 2018

Energiekosteneinsparungen sorgen immer wieder für Diskussionsstoff – vor allem im Winter. Doch wie sieht es in Deutschland mit Smart Energy-Innovationen durch die NutzerInnen aus? Hendrik Send meint, hier warte ein ungehobener Schatz auf uns. Gemeinsam mit Matti Große stellt er in einem Interview der innogy Stiftung die Ergebnisse unserer gemeinsamen Studie zu  „Nutzerinnovationen für Smart Energy“ vor. Das Interview führte Madita Tietgen.

Über das Forschungsprojekt

Herr Prof. Dr. Send, Sie untersuchen gemeinsam mit Matti Große und Ihrem Team die Nutzerinnovationen auf dem deutschen Energiemarkt. Sie sind nun in der Endphase des Projekts. Welche Erkenntnisse haben Sie bisher gewonnen?

Send: Wir haben schon in vielen anderen Bereichen gesehen, dass Nutzerinnovationen sehr spannend sind. Dazu kommt es häufig, wenn die Nutzer selbst vor Problemen stehen. Dann arbeitet eine Person mit Nachdruck und genauer Kenntnis der Situation an einer Lösung. Die Nutzer sind dabei sogar oft effektiver als Unternehmen, die mit der Innovation Geld verdienen müssen.

Große: Wir wollten daher insbesondere Menschen befragen, die sich in ihrer Freizeit sehr aktiv mit dem Thema Energietechnologien, Smart Home oder Smart Energy auseinandersetzen. Menschen, die Ideen haben und versuchen diese umzusetzen. In dem von uns erstellten Fragebogen ging es vor allem darum, was sie antreibt, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und wie viele Ressourcen sie dafür aufwenden.

Auf wie viel Resonanz stießen Sie bei der Studie?

Große: In den drei Phasen des Projektes hatte unser Onlinefragebogen im zweiten Projektteil die größte Reichweite. Wir haben ihn an 160.000 Menschen verschickt, rund 1.700 ausgefüllte Bögen kamen zurück. Als absolute Anzahl von Antworten ist das ein sehr guter Wert. Insofern können wir in der Tat von einem ausgeprägten Interesse sprechen.

Send: Es ist klar, dass nicht jeder dritte Deutsche Innovationen für den Energiebereich entwickelt. Wir wollten die Frage klären, ob es überhaupt eine relevante Gruppe und wie sie arbeitet. Und ja, diese Gruppe gibt es! Wir haben es mit sehr unterschiedlichen Motivationsmustern zu tun.

Hendrik Send mit seinen Kollegen Matti Große und Moritz Neujeffski (v.l.)

160.000 ist ja eine sehr konkrete Zahl. An wen haben Sie die Fragebögen versendet?

Send: Es gibt hier in Berlin eine gemeinnützige Beratungsgesellschaft für Energiefragen namens co2online. Diese Plattform wird in vielen Initiativen vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit unterstützt. Dort tauschen sich Menschen aus, die sich generell für das Thema Energiesparen und Klimaschutz interessieren. Wir konnten den Verteiler des Portals nutzen und eine große Anzahl an Menschen erreichen, die sich für das Thema interessieren. Das ist keine repräsentative Studie. Unsere vorsichtige Frage, ob Nutzerinnovationen ein relevantes Thema im Energiebereich sind, wurde aber mit einem eindeutigen „Ja!“ beantwortet. Es gibt sogar große Communities, in denen sich Innovatoren und Interessierte austauschen.

Welche Schlüsse können Sie aus den Ergebnissen Ihrer Studie ziehen?

Große: Wir haben beispielsweise gefragt, wer in den letzten drei Jahren eine Idee für die Verbesserung eines Produkts oder eines Anwendungsszenarios im Bereich Smart Energy hatte. Die erste deskriptive Auswertung überraschte uns, denn 42 Prozent der Befragten antworteten, dass sie in der Tat eine Idee hatten oder haben. Davon gaben wiederum 61 Prozent an, dass sie ihre Idee aktiv umgesetzt haben oder sie gerade umsetzen.

Wieso beschäftigen sich die Menschen damit? Gibt es spezielle Gründe dafür?

Große: Unsere Analysen haben ergeben, dass es drei Motivgruppen gibt. Die erste umfasst Menschen, die ihren Energieverbrauch überwachen und damit Kosten senken wollen. Die zweite Gruppe beinhaltet Menschen, die beruflich mit Energie zu tun haben. Das hat logischerweise Auswirkungen auf ihre Interessen im Privatleben. Bei der dritten Motivgruppe geht es ganz einfach um den Spaß und die Begeisterung, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Die Leute sind wissbegierig und motiviert, ihr Problem selbst zu lösen.

Wie viel Zeit und Geld verwenden die Menschen für ihre Innovationen?

Große: Eine Hälfte der Befragten gab an, insgesamt einmalig bis zu 150 Stunden investiert zu haben und mehrere hundert Euro an privaten Mitteln aufgebracht zu haben. Die andere Hälfte berichtete, sogar über mehrere Monate oder gar einige Jahre hinweg an ihrer Idee zu tüfteln.

Im Rahmen der Studie wurden neben der Befragung auch Workshops abgehalten.

Die Menschen investieren also durchaus eine Menge Zeit und Geld. Auf welche Schwierigkeiten stoßen die Innovatoren bei der Umsetzung ihrer Ideen?

Große: Zentrale Herausforderungen sind fehlende technische Standards und Datenschnittstellen. Die Nutzer können selten auf die benötigten Daten zugreifen und sind in dem eigenständigen System der Energieunternehmen gefangen. Das technische Spektrum müsste viel größer und mit anderen Systemen kompatibel sein.

Send: Wir kennen das aus anderen Bereichen. Nehmen Sie beispielsweise Apple: Das Unternehmen stellt das Smartphone und den App-Store bereit. Viele andere können Apps programmieren und sie im Store zur Verfügung stellen. So ähnlich könnte man es auch für Smart Home- beziehungsweise Smart Energy-Produkte und -Lösungen organisieren. Das wäre ein Weg, dieses Potenzial an unterschiedlichen Bedürfnissen und Ideen besser zu nutzen und für die breite Masse zugänglich zu machen.

Wie können Energieunternehmen diese Nutzerinnovatoren fördern?

Große: Wir haben festgestellt, dass vor allem die Kommunikationskanäle fehlen. Viele Teilnehmer der Studie bemängeln, dass sie Ideen und Verbesserungsvorschläge haben, aber nicht wissen, an wen sie sich damit wenden sollen. Es gibt bereits Unternehmen, die aktiv auf ihre Nutzer zugehen und versuchen sie einzubinden. Doch die sind derzeit noch in der Minderheit.

Send: In unserer aktuellen, dritten Projektphase sprechen wir mit Unternehmen über Nutzerzentrierung. Früher war die Entwicklung eines Produkts etwas, das man einmal durchdachte, durchführte und anschließend beendet war. Hier reichte eine einmalige Nutzerintegration. Heute ist das anders: Digitale Produkte kann man immer weiter aktualisieren und ausbauen. Um dieses Prinzip zu nutzen, muss ein Unternehmen anders denken und die Schnittstelle für seine Kunden anpassen und fortwährend einbinden. Unternehmen können eine Art Ökosystem aufbauen und die Vorteile der eigenen Ressourcen mit den Ideen der Nutzer ergänzen. Privat sind die Nutzer eingeschränkt, was Finanzierung, Zeit und technische Ausstattung angeht. Man kann daher nicht erwarten, dass ein privater Innovator eine gesamte Smart Home-Lösung präsentiert. Der Austausch zwischen Ideengebern und der Umsetzung muss gefördert werden.

In Deutschland tüfteln viele Menschen privat an smarten Nutzerinnovationen.

Inwieweit kann die Politik Innovatoren fördern und unterstützen?

Send: Da liegt ein ungehobener Schatz. Hinter den erarbeiteten Lösungen, die wir gesehen haben, steht meist kein monetäres Interesse der Nutzer. Im schlimmsten Fall kommuniziert sie oder er daher die eigene Lösung nicht. So steht sie anderen, die dasselbe Problem haben, nicht zur Verfügung. Es sollte daher unbedingt Formate und Projekte geben, die die Aufmerksamkeit darauf lenken und Angebote machen. Die Politik muss für die passende Infrastruktur und Plattformen unterstützen.

Große: Es klingt wie eine Floskel, aber es ist so: Die Politik muss Rahmenbedingungen schaffen. In diesem Fall geht es auch um einheitliche technische Standards und Schnittstellen. Verordnungen und Regulationen sind derzeit nur hinderlich. Ein anderer wichtiger Punkt ist Datenschutz. Die Deutschen hegen nach wie vor große Bedenken, wenn es um ihre Daten geht. Deshalb zögern viele, Smart Home- oder Smart Energy-Produkte zu verwenden. Die Politik muss transparent dafür sorgen, dass die Bürger wissen, was mit ihren Daten passiert.

Wie lautet das Fazit Ihrer Studie?

Große: Es gibt bis jetzt zwei zentrale Ergebnisse der Befragung. Wir haben festgestellt, dass sich sehr viele Menschen aktiv für das Thema interessieren, obwohl man auf den ersten Blick denken mag, dass das kein spannendes Thema ist. Sie investieren viele Ressourcen um ihre Ideen privat umzusetzen. Und obwohl 79 Prozent der Befragten mit dem aktuellen Angebot an Smart Energy-Lösungen und Produkten teilweise oder gänzlich unzufrieden sind, ist das Interesse immer noch hoch. 85 Prozent aller Befragten geben an, an neuen innovativen Lösungen interessiert zu sein.

Send: Hoffentlich schaffen wir es bald, dass unsere Energieanwendungen genauso benutzerfreundlich, reichhaltig und innovativ werden wie unsere Kommunikationsanwendungen im Mobilfunk jetzt schon sind. Mit dem Markt für Smart-Energy-Lösungen ist es so wie mit dem iPad: Es gab nicht eine bahnbrechende Anwendung für das Tablet, sondern der Erfolg vom iPad war schließlich, dass es so viele Leute in so unterschiedlichen Kontexten nutzen und sie selbst Anwendungen dafür erschaffen. So könnte es mit smarten Energielösungen auch sein.

Das Projektteam im Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft.


Die finalen Ergebnisse der Studie werden in Kürze veröffentlicht. Dieser Beitrag erschien zuerst auf dem Blog der innogy Stiftung für Energie und Gesellschaft. Lesen Sie hier auch das Interview, in dem Prof. Send und seine Kollegen ihre anfänglichen Erwartungen an die Studie erläutern.


Der Text spiegelt die Meinung der AutorInnen und weder notwendigerweise noch ausschließlich die Meinung des Institutes wider. Für mehr Informationen zu den Inhalten dieser Beiträge und den assoziierten Forschungsprojekten kontaktieren Sie bitte info@hiig.de.

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