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14 Juni 2018| doi: 10.5281/zenodo.1289450

Digitaler Ärger

Wir regen uns ständig über unsere digitalen Helfer auf. Das sollte uns zu denken geben.

Wann haben Sie sich das letzte Mal digital geärgert? Der Akku leert sich, wenn das Telefonat gerade wichtig wird, statt Spotify kommt Stotterrap, der Routenvorschlag von Google Maps geht hartnäckig in Richtung Steinhuder Meer. Während andere schwerelos durch ihre digitalen Clouds schweben, fuchteln Sie am Smartphone herum wie ein alter Analoger. Schmeiß ich’s jetzt an die Wand oder nicht?

Die Wut wächst, das Endgerät mutiert zur Person: „Was macht er denn jetzt?“ / „Er will das einfach nicht.“ Der Ausdruck „Befehl“ wie in Suchbefehl ist irreführend: Anbrüllen bringt nichts. Wenn alles schief geht, beginnt eine Freundin immer von der Mondlandung zu dozieren: „Wir brachten Menschen auf den Mond. Vor 50 Jahren. Und ich kann hier keine Mail abschicken oder was?“ Was sagt uns all diese digitale Wut?

Die Erwartungskrise: Ain’t nobody got time for that!

Noch vor wenigen Jahren mussten wir uns stundenlang durch Bibliotheken graben, um an Informationen zu kommen. Heute zücken wir unser Smartphone und fangen an zu googlen. Doch wehe dies dauert Sekundenbruchteile länger als sonst. Zehn Sekunden werden zu gefühlten zehn Minuten. Wir verlieren die Nerven. Der Innovationsforscher Jessie Stettin nennt dies „Erwartungskrise“. Unsere Erwartungen sind so schnell gewachsen, dass keine Realität, nicht mal die digitale, mithalten könne. Stettin zitiert eine Studie: Zwischen 2006 und 2012 ist unsere Geduld für die Ladezeit von Webseiten von 4 Sekunden auf 250 Millisekunden gefallen.

Objektiv leben wir in einer unglaublich spannenden Zeit, in der digitale Innovationen unser Leben nach vorne katapultieren wie selten zuvor. Rohrkrepierer kann es freilich auch geben, wenngleich ständig von „Unaufhaltsamkeit“ gesprochen wird. Subjektiv geht es uns nicht schnell genug. Dies einmal eingelernt, fehlt uns auch auf anderen Interaktionsfeldern die Geduld. In zwischenmenschlichen Beziehungen zum Beispiel. Diese brauchen eigentlich viel Geduld. Wachsende Ungeduld macht uns sehr dünnhäutig und am Ende vielleicht auch ziemlich einsam. In Beziehungen kann man nicht über entgangene „wertvolle Hundertstel“ klagen. Wie wäre es, aus der nächsten digitalen Ladehemmung eine Übung in Geduld zu machen?

Solutionism: Zum Glück gibt’s keine Lösung!

Eine andere Quelle des digitalen Ärgers ist der „Solutionism“: Haben wir nur das richtigen Tool, löst sich alles von ganz alleine, reibungslos. Für jedes Problem, eine App! Gefährlicher Irrglaube, so Internetforscher Jewgeny Morozov. Der Drang, Reibung zu beseitigen, immer nur nach „effizienten Lösungen” zu gieren, führe direkt in die Algorithmus-Diktatur, in der nicht der aufgeklärte Bürger die Zukunft bestimmt, sondern Silicon Valley. Lösungen entpuppen sich als Probleme. Freuen sollte sich stattdessen dann der fluchende User: Bei jeder digitalen Enttäuschung darüber, dass der Sch… nicht funktioniert, geht ein Punkt an den Menschen und nicht an den Code. Jeder Wutanfall bringt uns ein Stück weg davon, Lösungen blind zu konsumieren und ein wenig hin zu der Suche nach eigenen Wegen. Die Zukunft ist keine One-Click-Solution. Sie muss sich durch unsere Teilnahme mitgestalten lassen. Google Maps zeigt also einen Umweg zu Fuß zum Steinhuder Meer an. Wie interessant. Wie könnte ich das Problem denn selbst lösen?

Machtdiskurse: Wer will schon „digital abgehängt” sein?

Ganz ehrlich: Oft sitzt die Quelle des digitalen Ärgers vor dem Bildschirm. Uns alle überfordert der digitale Wandel. Doch niemand mag es zugeben. „Du weißt nicht, wie man die Festplatte defragmentiert?“, „Du musst einfach nur Rebooten. Idiotensicher, oder etwa nicht?“. Herrschaftswissen wird vorgegaukelt. Keiner will zu den digital Abgehängten gehören. Wie so oft ist der Großteil des Ärgers ein Ärger über sich selbst, wieso verstehe ich das denn nicht?

Es braucht wahre Größe, um zu sagen „Ich verstehe das nicht“. Dies gab der chinesische Internet-Milliardär Jack Ma zuletzt beim Thema Blockchain zu. Die meisten Menschen schmücken sich stattdessen mit Labels wie „digital native“ als sei dies die Insignie für ein geheimes Übermenschentum. Der digitale Diskurs ist ein Macht- und Einschüchterungsdiskurs. Das Gefühl der Ohnmacht führt zu Ärger, statt gegenseitiger Hilfe.

Das ist sehr schade. Der Investor Ben Evans rechnet vor, warum. Während wir von 1,5 Milliarden PCs zu 3 Milliarden mobilen Geräten heute zu 5 Milliarden in der Zukunft übergehen, wird digitale Bildung immer wichtiger. Wir erfinden Geräte, die zunehmend persönlicher und wichtiger sind, weil mit ihnen immer mehr auf dem Spiel steht, und wir geben sie auch immer mehr an Menschen, die noch nie einen Computer benutzt haben. In der Tat haben viele der „nächsten Milliarden“ noch nie ein elektronisches Gerät besessen, außer vielleicht einem Radio. Sehr schade, wenn wir uns da nur still ärgern, statt uns zu helfen.

Wozu der ganze Ärger? Eine Haltung, die unabhängiger, geduldiger und hilfsbereiter ist, behauptet nicht nur das Menschliche in unser technisierten Welt mit ihren mundanen Heilserwartungen, sondern ist auch gut für die Nerven. Unser Ärger gibt uns Hinweise darauf, was es bedeutet, ein Mensch zu sein, und wie wir Mensch bleiben können. Denn während alles digital wird, ärgern wir uns bis ans Ende unserer Tage – ganz analog und in echt.


Hans hilft bei BrightHouse, einer Tochter der BCG, Unternehmen dabei ihren tieferen Sinn zu finden. Nebenbei schreibt er für den Deutschlandfunk und ist Redakteur des Transform Magazins. Eine gekürzte Version dieses Beitrages erschien zuerst bei Deutschlandfunk Kultur.

Dieser Beitrag spiegelt die Meinung der Autorinnen und Autoren und weder notwendigerweise noch ausschließlich die Meinung des Institutes wider. Für mehr Informationen zu den Inhalten dieser Beiträge und den assoziierten Forschungsprojekten kontaktieren Sie bitte info@hiig.de

Hans Rusinek

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