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Das Bild zeigt junge Menschen, die gemeinsam Lernen. Es symbolisiert die digitale Lehre

Wissen teilen: Auswirkungen von Covid-19 auf die digitale Lehre

28 April 2022| doi: 10.5281/zenodo.6543609

Der Ausbruch der COVID-19 Pandemie führte zu einer weltweiten und beschleunigten Digitalisierung aller Bildungssysteme. Hier offenbarten sich schnell viele Ungleichheiten beim Zugang zu digitalen Ressourcen sowie mangelnde digitale Fähigkeiten. Welche konkreten Auswirkungen hatte das auf Lernende und Lehrende weltweit? Wie können wir diese Ungleichheiten im Bildungswesen bekämpfen? Um diese Fragen zu beantworten, arbeiten wir in diesem Blogbeitrag mit Erkenntnisse aus vier Forschungsprojekten über digitale Lehre und digitales Lernen. 

Einleitung 

Zunächst erklären wir die angesprochenen Ungleichheiten mit Studienergebnissen aus unserem OrA Forschungsprojekt und Diskussionspunkten aus dem Research Sprint “Digital Ethics in Times of Crisis: COVID-19 and Access to Education and Learning Spaces”. Letzterer wurde vom Berkman Klein Center for Internet & Society at Harvard University (BKC) im Rahmen des internationalen Ethik der Digitalisierung Projekts durchgeführt. Im zweiten Teil geben Erkenntnisse aus unseren IMPaQT und ACTiSS Forschungsprojekten Aufschluss darüber, wie die digitale Lehre auch ein chancenreiches Kapitel für Forschungsinstitutionen durch neue Ideen, Lösungsansätze und Maßnahmen sein kann.

Wie Ungleichheiten die Chancen der digitalen Lehre überschatten 

Im Jahr 2020 sorgte der Ausbruch der COVID-19 Pandemie für eine vorübergehenden Schließung vieler Hochschuleinrichtungen und zu einer weltweiten Umstellung auf digitale Lehre. Diese umfassende und plötzliche Umstellung ermöglichte auch mehr Untersuchungen über ihre gesellschaftlichen Auswirkungen. 

Im Rahmen des Forschungsprojekts Organisationale Adaptivität im deutschen Hochschulkontext (OrA) untersuchten wir die Anpassungsfähigkeit von Hochschuleinrichtungen bei der Einführung digitaler Lehre. In unserer Studie “Digitale Hochschulbildung: ein Trenner  oder ein Brückenbauer? Leitungsperspektiven auf  Edtech während  COVID-19″ haben wir erforscht, wie sich die von der Edtech-Community propagierten positiven Zuschreibungen eines besseren Zugangs zum Lernen im digitalen Raum und auf verbesserte Lernergebnisse in der Praxis auswirken (Sancho-Gil et al., 2020; Selwyn, 2016). In dieser Studie haben wir Erhebungen und Interviews mit einer Stichprobe von 85 Hochschulleiter*innen (z. B. Universitätspräsident*innen, Dekan*innen) durchgeführt, die in verschiedenen Arten von Hochschuleinrichtungen in 24 Ländern tätig sind. 

Unsere empirischen Erkenntnisse zeigen, dass die von der Edtech-Community geäußerten  positiven Effekte in der Praxis nicht zutreffen. Vielmehr wurden durch die COVID-19-Krise bestehende Ungleichheiten sichtbarer und ausgeprägter, und zudem sind neue Ungleichheiten entstanden. In Bezug auf die technische Infrastruktur waren beispielsweise Schüler*innen, Lehrer*innen und Institutionen nicht darauf vorbereitet, den Unterricht von heute auf morgen vollständig zu digitalisieren. Ebenso waren viele Lehrer*innen und Schüler*innen nicht mit den erforderlichen technischen Ressourcen ausgestattet. So gab beispielsweise ein Leiter einer deutschen Universität zu, dass er vor der Krise davon ausging, dass jede*r Student*in über einen Laptop verfüge. Das was jedoch nicht der Fall. 

Ein anderer Befragter aus Kenia berichtete, dass die Studierenden täglich einen weiten Weg zu einer Kirche zurücklegen mussten, um Internetzugang zu erhalten. Darüber hinaus stellte sich heraus, dass Universitäten vor dem Hintergrund der COVID-19-Krise  als “sichere Häfen” für gefährdete Studierende dienten. Dies betraf insbesondere Frauen, die zu Hause Betreuungspflichten und in einigen Fällen sogar Gewalt ausgesetzt waren. Eine weitere Hürde für Lehrkräfte und Student*innen stellten mangelnde digitale Fähigkeiten dar, um technologische Werkzeuge innerhalb der Lehre anwenden zu können.

Zusammenfassend hat die Pandemie also verschiedene Ungleichheiten ans Licht gebracht. Sie zeigt begrenzte Zugänge zu digitaler Lehre und Überforderung im Umgang mit neuen Geräten und Formaten auf. Zudem macht sie den Mangel an erforderlichen digitalen Kompetenzen sowie die Auswirkung von schwierigen familiären Verhältnissen bei schutzbedürftigen Student*innengruppen deutlich.  Diese Ergebnisse decken sich mit denen des BKC-Sprints, der ebenfalls zunehmende Ungleichheiten im Zusammenhang mit der plötzlichen Umstellung auf digitales Lehren und Lernen feststellte. Bevor also die positiven Ergebnisse von digitaler Lehre bemerkbar werden – und das Potenzial dafür ist definitiv vorhanden – sind Ungleichheiten anzuerkennen und zu bekämpfen.

Ein globales Phänomen: Bekämpfung von Ungleichheiten durch Praxisgemeinschaften 

Bei Betrachtung der Studienergebnisse stellen wir fest, dass die oben beschriebenen Problematiken weltweit auftreten. Analog zu unseren Studienergebnissen berichteten die Teilnehmer*innen des BKC-Sprints über die Notwendigkeit, globale Praxisgemeinschaften für einen informellen Austauschs zu bilden, um so Herausforderungen für die Hochschullandschaft gemeinsam zu bewältigen. Einige Studienteilnehmer*innen äußerten ebenfalls den Wunsch, sich zu Erfahrungen, bewährten Strategien, Gedanken und Ideen in Bezug auf ihre digitale Lehre oder die Entwicklung ihrer Einrichtung auszutauschen. Ein solcher Austausch war für viele Einzelpersonen von entscheidender Bedeutung, um den laufenden Übergang zu organisieren sowie die identifizierten Ungleichheiten lösungsorientiert zu adressieren.

Dies bestätigte sich in einer weiteren Studie im Rahmen des OrA-Projekts, die offenlegte, dass die Pandemiebedingungen zu zahlreichen informellen Netzwerken und einem umfassenden Austausch durch Praxisgemeinschaften führten, die sich aus Personen zusammensetzten, die sich alle mit den gleichen Problemen befassten. In dieser Studie wurde untersucht, wie Lehrende an deutschen Hochschulen den Übergang zur digitalen Lehre bewältigen. Was die Entstehung dieser Praxisgemeinschaften betrifft, so wurden sie in den meisten Fällen von hochmotivierten Personen aus verschiedenen Fachbereichen, Fakultäten und der Hochschulverwaltung geleitet und gestärkt.

Die Notwendigkeit innovativer Organisationsstrukturen 

Damit solche Praxisgemeinschaften funktionieren, ist eine unterstützende Hochschulstruktur zu implementieren bzw. auszubauen. Dabei geht es nicht nur um die Bereitstellung konkreter Ressourcen, sondern auch um die Umsetzung einer Form des organisatorischen Wandels. Anhand von Erkenntnissen aus den HIIG-Projekten “Indicators, Measurement and Performance of Quality Assurance: Third-Mission-Activities in the Social Sciences” (IMPaQT) und “Action for computational social science” (ACTiSS) reflektieren wir, wie Hochschulakteur*innen interne Strukturen umgestalten und Unterstützung von gleichgesinnten Fachleuten in ihrem Bereich finden können. 

IMPaQT untersuchte, wie hybride Organisationen entstehen, um akademische Forschung mit so genannten Third-Mission-Aktivitäten zu verbinden, was eine neue Reihe von Aktivitäten und Verantwortlichkeiten mit sich bringt. Third-Mission-Aktivitäten sind ein multidisziplinäres, komplexes, sich entwickelndes Phänomen, das mit dem sozialen und wirtschaftlichen Auftrag der Universitäten im weiteren Sinne verbunden ist (Compagnucci & Spigarelli 2020). Sie zielen darauf ab, neue gesellschaftliche Herausforderungen zu lösen. 

Warum sind Third-Mission-Aktivitäten im Zusammenhang mit digitaler Lehre an Universitäten relevant? 

In einer unserer laufenden Studien über innovative Forschungsorganisationen haben wir Best-Practice-Beispiele identifiziert, das heißt Forschungseinrichtungen, die den Wandel zu hybriden Organisationen meisterten. Dabei haben wir festgestellt, dass die Überführung oft ein diffuser, langwieriger und schwieriger Prozess ist, der Veränderungen auf verschiedenen Ebenen der Organisation mit sich bringt. Durch die von uns befragten Mitarbeiter*innen von Forschungseinrichtungen (Wissenschaftler*innen, administrative Mitarbeiter*innen, Impact- und Kommunikationserxpert*innen) stellten wir drei Punkte fest. Zum einen bedurfte es der Entwicklung neuer Fähigkeiten. Zum zweiten nahm administrative Unterstützung eine größere Rolle ein, womit neue Berufsprofile entstehen. Abschließend benötigt das akademische Personal Inspiration und Motivation, um sich für neue Funktionen zu öffnen. Erst durch diese Schritte kann eine Grundlage für eine wirklich hybride Organisation geschaffen werden, die sowohl akademische Forschung als auch Aktivitäten mit gesellschaftlicher Wirkung kombiniert. 

Mit OER neue digitale Lehrmethoden und -materialien einführen

Beim ACTiSS Projekt digitalisierte man Lehrmaterialien und bereitete sie für einen sogenannten MOOC (Massive Open Online Course) auf. Hier haben wir die Erkenntnis gewonnen, dass Wissensaustausch am besten in Form von “Communities of Practice” stattfindet. Das heißt in Gruppen von Fachleuten, die Ziele, Aktivitäten und Erfahrungen in einer bestimmten Tätigkeit teilen (Lave 1991). Die Teilnehmer*innen entwickelten Open Educational Resources (OER), etwa ausführliche Handbücher für Lehrkräfte, die an der Einführung neuer und digitaler Materialien und Lehrmethoden an ihren Fakultäten interessiert sind. Ziel der OER ist es, die Lehrkräfte für Veränderungen in ihren Einrichtungen zu mobilisieren sowie ihnen direkt Handlungsempfehlungen zu deren Umsetzung an die Hand zu geben. 

Die Ergebnisse der IMPaQT und ACTiSS Studienprojekte lassen uns dafür plädieren, Menschen in Praxisgemeinschaften zusammenzubringen und sie dazu zu inspirieren, neuartige organisatorische Praktiken zu verfolgen. Dabei ist, statt nach einer Top-Down-Logik, einer Bottom-Up-Logik zu folgen.

Reflexion 

Der BKC-Sprint machte deutlich, wie die COVID19-Krise und der rasante digitale Wandel Ungleichheiten zwischen Lehrenden und Lernenden nicht nur verschärfte, sondern auch neu entstehen ließ. Diese Ergebnisse stimmen mit den empirischen Studien überein, die im Rahmen des OrA-Projekts durchgeführt wurden und unterstreichen einmal mehr, wodurch sich Ungleichheiten in der gesamten Hochschullandschaft manifestieren. Die pandemische Krise hatte jedoch auch eine gute Seite: Sie erschütterte bestehende Strukturen und Praktiken und ermöglichte die Bildung von Praxisgemeinschaften, die zu Hubs für Wissen, Unterstützung und Innovation wurden. 

Die Forschungsprojekte IMPaQT und ACTiSS offenbaren zudem die Relevanz solcher Gemeinschaften während des organisatorischen Wandels. Sie bieten das Potenzial von Bezugspunkten, um Einzelpersonen mit Informationen und Raum zu versorgen, damit neue Lösungen und Inhalte entstehen. Die Wende hin zur digitalen Lehre kann ein chancenreiches Kapitel für Forschungsinstitutionen sein. Obwohl technische Ressourcen eine wichtige Rolle in diesem Prozess einnehmen, ist anzuerkennen, dass befähigte Praxisgemeinschaften der Ausgangspunkt für kreative Lösungen und Wissensaustausch sein können. 

Referenzen

Compagnucci, L., & Spigarelli, F. (2020). The Third Mission of the university: A systematic literature review on potentials and constraints. Technological Forecasting and Social Change, 161, 120284.

Lave, J. (1991). Situating learning in communities of practice. In L. B. Resnick, J. M. Levine, & S. D. Teasley (Eds.), Perspectives on socially shared cognition (pp. 63–82). American Psychological Association. https://doi.org/10.1037/10096-003

Sancho-Gil, J. M., Rivera-Vargas, P., & Miño-Puigcercós, R. (2020). Moving beyond the predictable failure of Ed-Tech initiatives. Learning, Media and Technology, 45(1), 61–75. https://doi.org/10.1080/17439884.2019.1666873

Selwyn, N. (2016). Is Technology Good for Education? Polity Press. http://au.wiley.com/WileyCDA/WileyTitle/productCd-0745696465.html

Dieser Beitrag spiegelt die Meinung der Autorinnen und Autoren und weder notwendigerweise noch ausschließlich die Meinung des Institutes wider. Für mehr Informationen zu den Inhalten dieser Beiträge und den assoziierten Forschungsprojekten kontaktieren Sie bitte info@hiig.de

Bronwen Deacon

Wissenschaftliche Mitarbeiterin: Wissen & Gesellschaft

Melissa Laufer, Dr.

Wissenschaftliche Mitarbeiterin: Wissen & Gesellschaft

Nataliia Sokolovska

Wissenschaftliche Mitarbeiterin: Wissen & Gesellschaft

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