01_Thumbnail EMZ Hanauer-01

Digitale Innovation: Intelligente Müllentsorgung mit einer Smartphone App

27 November 2018| doi: 10.5281/zenodo.1550534

Die Digitalisierung eröffnet insbesondere für den deutschen Mittelstand neue Chancen und Wachstumspotenziale. Doch welche genauen Aktivitäten und Strategien werden in puncto digitale Innovationen von Mittelständlern verfolgt? Welche unterschiedlichen Herangehensweisen gibt es und wie sehen konkrete Erfolgsbeispiele aus? Um diese und weitere Fragen zu beantworten, analysieren wir verschiedene Unternehmen und ihre Digitalisierungsaktivitäten. Der folgende Blogpost stellt ein Fallbeispiel aus unserer 2019 erscheinenden Studie „Digitale Innovation im Mittelstand“ vor.

Der Mittelständler emz-Hanauer mit Sitz in Nabburg entwickelt und produziert Bauteile und Sensoren für die Haushaltsgeräteindustrie. Mit weltweit mehr als 1000 MitarbeiterInnen widmet sich emz unter anderem dem Thema intelligenter Müllentsorgung und Smart City. Im Digitalisierungsprojekt transferiert das familiengeführte Unternehmen mit agilen Methoden ein bestehendes System zur Zugangskontrolle von Müllcontainern durch Nutzung einer für jedermann zugänglichen Smartphone-App.

 

Durch die breite Nutzung von Smartphones müssen Prozesse vollkommen neu gedacht und zum Vorteil von allen beteiligten Parteien verbessert werden

„Es ist extrem wichtig, dass das Projektteam seinen eigenen Raum, sein eigenes Umfeld hat, in dem es sich frei bewegen kann.“
– Thomas Hanauer, Geschäftsführer emz-Hanauer

Bereits seit vielen Jahren bietet emz-Hanauer Systeme an, die den Zugang zu großen Müllcontainern kontrollieren. Container, die mit einem solchen System nachgerüstet wurden, können nur mit einem elektronischen Schlüssel geöffnet werden. Zudem wird über eine mechanische Müllschleuse geregelt, wie viel Abfall in den Container gegeben wird. Die Daten zum Abfallvolumen werden genau erfasst, und die NutzerInnen zahlen nur für die Menge, die sich tatsächlich im Container befindet. Das System setzt also Anreize für die Müllvermeidung.

Eben genau dieses System wurde digitalisiert, indem ein Großteil der bisherigen Funktionen, wie zum Beispiel der elektronische Schlüssel oder der Rechnungsversand, auf eine App für Smartphones übertragen wurde.

Thomas Hanauer, Geschäftsführer der emz-Hanauer, bringt einen zentralen Vorteil der digitalen Lösung auf den Punkt: „Der Hardwareanteil unseres Angebots wurde drastisch reduziert – damit sinken auch die Investitionskosten für unsere KundInnen“. Das neue System stiftet darüber hinaus einen Zusatznutzen für die Entsorgungsbetriebe: „Zum Beispiel können jetzt KundInnen vor Ort sehr simpel auf der App melden, wenn es irgendeine Störung gibt – die Mülltonne ist verbogen, der Deckel ist gebrochen oder es liegt überall Dreck herum. Einfach ein Foto machen und automatisiert versenden. Das ist sehr einfach und ein Riesenvorteil für die Entsorgungsbetriebe.“

Ein weiterer Vorteil für die Entsorgungsbetriebe ist, dass sie nun eine Routenplanung auf der Grundlage der neuen Daten machen können. Denn sie wissen jetzt, wie viel Müll sich im jeweiligen Container befindet. Damit eröffnen sich für das mittelständische Unternehmen ganz neue Geschäftsmodelle jenseits des klassischen Hardwaregeschäfts. Und es erschließen sich neue und größere KundInnengruppen. So positioniert sich emz-Hanauer mit seinem digitalen Angebot im Smart City-Sektor und wird damit relevant für Städte wie London, Singapur oder Dubai.

Agile Methoden als Auslöser für Innovationen und neue Denkweisen

Das gesamte Projekt wurde im Frühjahr 2017 gestartet und mit agilen Methoden umgesetzt. Dazu wurde ein heterogenes Team aus MitarbeiterInnen als ein „internes Startup“ mit vielen Freiheiten ausgestattet. Das experimentelle und stark kundenorientierte Vorgehen hielt auch die Anfangsinvestitionen niedrig.

„Wir haben bisher fast kein Geld investiert, nur Arbeitszeit. Die Gruppe hat am Anfang erst einmal nur eine Pappschachtel gebaut mit dem Standardschloss, das wir schon hatten. Da hat sie das erste Mal mit KundInnen geredet. Das zweite war ein kurzes Filmchen, eine Animation. Mit der hat die Gruppe wieder verschiedene KundInnen besucht. Das waren im Wesentlichen Entsorgungsbetriebe und Kommunen. Mit dem Feedback haben wir weitergearbeitet. Erst dann haben wir einen Prototypen bauen lassen, und der hat uns um die 25.000 Euro gekostet“, so Thomas Hanauer. Das Digitalisierungsprojekt hatte positive Auswirkungen auf die gesamte Innovationskultur des Unternehmens. „Plötzlich fängt man anders an zu denken“, stellt Hanauer fest.

Inzwischen arbeiten bei emz-Hanauer mehrere agile Projektteams parallel an weiteren Innovationsprojekten. Diese Lernerfahrungen aus dem Projekt kann emz-Hanauer an andere Mittelständler weitergeben. Zu den Lernerfahrungen bei emz-Hanauer zählen laut Thomas Hanauer folgende Punkte:

  • Keine Scheu haben vor externer Unterstützung. „Methoden wie die Customer Value Proposition Map muss man auch beherrschen. Da muss man sich jemanden holen, der einen unterstützt, der Überzeugung bin ich.“
  • Genügend Freiräume für das interne Innovationsteam ermöglichen. „Es ist extrem wichtig, dass das Projektteam seinen eigenen Raum, sein eigenes Umfeld hat, in dem es sich frei bewegen kann.“
  • Frühzeitige zentraler Kompetenzträger einbinden. „EntwicklerInnen und Leute, die am Schluss im Markt aktiv sind, sollten von vornherein Teil des Projektteams sein“.
  • Kundenorientierung im Innovationsprozess ernst nehmen. „Wenn man mal anfängt, die KundInnen richtig intensiv zu befragen: Was macht das Produkt für dich? Was nervt dich daran? Was glaubst du, was du gerne hättest? Dann lernt man plötzlich ganz neue Aspekte kennen, von denen man total überrascht ist, auch wenn man in einem Markt schon seit Jahrzehnten aktiv ist“.

 

Die Studie wird vom HIIG und Sirius Minds durchgeführt und durch die HypoVereinsbank unterstützt. Sind Sie interessiert, die Publikation „Digitale Innovation im Mittelstand“ direkt nach Erscheinen im Frühjahr 2019 zu erhalten? Dann füllen Sie einfach das nachstehende Formular aus.

 

Welche E-Mails möchten Sie erhalten? / What kind of mails would you like to receive?

 

Dieser Beitrag spiegelt die Meinung des Autors und weder notwendigerweise noch ausschließlich die Meinung des Institutes wider. Für mehr Informationen zu den Inhalten dieser Beiträge und den assoziierten Forschungsprojekten kontaktieren Sie bitte info@hiig.de

Weitere Artikel

Eine afrikanische Perspektive auf künstliche Intelligenz

Während alle Augen auf westliche Industrienationen gerichtet sind, sorgt sich der nigerianische Menschenrechtsanwalt Olumide Babalola um die KI-Regulierung innerhalb Afrikas. Er befürchtet, dass einige Länder die repressiven Gesetzgebungen ihrer Nachbarn...

Der Wettlauf der Staaten um künstliche Intelligenz

Kaum ein Schlagwort beflügelt die Phantasie der Technikbranche so sehr wie „künstliche Intelligenz“ (KI). Aber nicht nur Giganten wie Google, Facebook, Baidu oder Alibaba versuchen, sich gegenseitig mit neuen Anwendungen...

Mehr Energie für die Energie

Was, wenn der gesamte Fortschritt der Gesellschaft vom zukünftigen Energiesystem abhängt? Zumindest argumentieren so Vordenker wie Jeremy Rifkin. Die Liste der Herausforderungen, welche die Energiewende mit sich bringt, ist umfangreich...