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Digital Society Blog

Unsere vernetzte Welt verstehen

Titelbild für den Blogbeitrag. Zu sehen ist ein Publikum von hinten fotografiert. Sie hören einem Vortrag zu.

Ethik der Digitalisierung: Dialog, Teilhabe & Visionen

27 Oktober 2021| doi: 10.5281/zenodo.5603373

Das internationale Projekt Ethik der Digitalisierung, nimmt Fragen einer ethikgeleiteten Digitalisierung in den Fokus. Mit einem kürzlich abgehaltenen Stakeholder Dialog ziehen wir Bilanz über die Fortschritte in diesem Bereich. Welche Visionen müssen weiter in die Praxis umgesetzt werden und kann wie Digitalisierung für alle funktionieren? Folgend sind alle wichtigen Ergebnisse zusammengefasst.

Der Rahmen der Digitalisierung

Das Internet ist ein schier unendlicher Raum voller gegensätzlicher Interessen: Staaten, Einzelpersonen und Plattformen verfolgen jeweils eigene Ziele, die auf nationalen oder Eigeninteressen beruhen. Die Wahrung von Werten und die Sicherung funktionierender Gesellschaften sind nicht für jeden dieser Akteure von gleicher Bedeutung. 

Deshalb  hat sich das Network of Centers (NoC) seit seiner Gründung zur Aufgabe gemacht, wissenschaftliche Erkenntnisse auf dem Gebiet der Digitalisierung zu generieren. Im Laufe der Jahre haben unsere Forscher*innen festgestellt, dass ethische Standards noch nicht in allen Bereichen dieses Prozesses etabliert wurden. Unter der Schirmherrschaft von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier arbeiten daher die globalen Partner*innen des NoC, darunter auch Forscher*innen des HIIG, seit 2020 gemeinsam am internationalen Projekt Ethik der Digitalisierung

Das Projekt soll aus globaler Perspektive Antworten auf die Herausforderungen bei der Umsetzung ethischer Prinzipien und Praktiken im digitalen Raum geben. Dabei sind wir zu dem Schluss gekommen, dass die Aufklärung der Bürger*innen über Technologie und digitale Selbstbestimmung, die Verringerung der Konzentration von Profiteuren der Digitalisierung sowie das Verstehen und Vermeiden diskriminierender Nebeneffekte algorithmischer Entscheidungen der Schlüssel zu einer globalen Lösung sind. 

In den Dialog treten, Visionen definieren

Das Forschungsprojekt-Team möchte mit deutschen Stakeholdern im Feld der  Digitalisierung in einen Austausch treten und über Erkenntnisse sowie innovative Forschungsmethoden diskutieren. Deswegen lud das HIIG rund 30 Vertreter*innen und Expert*innen aus Wissenschaft, Zivilgesellschaft, Politik und öffentlicher Verwaltung nach Berlin ein. In diesem geschützten Rahmen, konnten sich die Teilnehmer*innen gleichberechtigt und offen über ihre Meinungen und Erfahrungen aus ihrem jeweiligen Arbeitsumfeld austauschen. 

Im Verlauf der zwei Tage wurden gemeinsam Bestandsaufnahmen über die aktuelle Lage der Ethik in der Digitalisierung vorgenommen. Darauf aufbauend wurden Visionen definiert und Voraussetzungen festgelegt, um diese Ziele einer ethischen Digitalisierung zu erreichen. 

Menschenrechte als Vision für eine Ethik der Digitalisierung

Wo sehen wir uns im Jahr 2040, nach weiteren 20 Jahren digitaler Transformation? Die Teilnehmer*innen diskutierten über ihre Visionen für eine Ethik der Digitalisierung, wobei sie sich insbesondere auf eine einigen konnten: Menschenrechte sind einer der Schlüssel zum Erfolg und eine ethische Digitalisierung sollte diese in den Mittelpunkt stellen. Das deckt sich auch weitgehend mit der Idee einer dem öffentlichen Interesse dienenden digitalen Welt. Diese kann dazu beitragen, technologiebedingte Polarisierung zu beseitigen. Allerdings erfordert das auch Verständnis davon, worüber im Rahmen der Ethik der Digitalisierung eigentlich diskutiert wird. Zum Beispiel erleben wir derzeit einen weltweiten Boom an Richtlinien zur künstlichen Intelligenz (KI). Obwohl in diesen Richtlinien häufig dieselben Begriffe verwendet werden, fehlt es an einem gemeinsamen Verständnis komplexer und grundlegender Begriffe wie “KI”. 

Was ist das primäre Ziel? 

Das Problem mangelnder Schärfe solcher Schlüsselbegriffe könnte auf ein anderes Problem zurückzuführen sein: Das Ziel der Digitalisierung bleibt unklar und ein gemeinsames Verständnis scheint zu fehlen Bei der Klimakrise als ähnlich umfassende aktuelle Herausforderung beispielsweise, ist das primäre Ziel aller Aktivitäten die Förderung des Umweltschutzes, der Biodiversität und die Transformation unserer Lebensweise, um eine lebenswerte und gesunde Atmosphäre auf der Erde für alle ihre Bewohner*innen zu erhalten. Dieses gemeinsame Verständnis eines primären Ziels ist im Diskurs über eine ethisch motivierte Digitalisierung schwer zu finden.

Utopie und Dystopie einer Digitalethik

Ethische Probleme der Digitalisierung werden oft nur in einer kleinen Blase von Expert*innen diskutiert. Obwohl die Digitalisierung in den Wahlprogrammen der meisten Parteien einen wichtigen Platz einnimmt, wurde sie im Bundestagswahlkampf 2021 kaum öffentlich thematisiert. Will man dies ändern, sind insbesondere die Wissenschaft und zivilgesellschaftliche Akteur*innen gefragt, sich dieser anspruchsvollen Aufgabe zu stellen. Die Wissenschaft muss Fragen der Mensch-Maschine-Interaktion aus technischer, rechtlicher und kommunikativer Perspektive beantworten, um die in diesem Kontext verwendeten Begriffe zu schärfen. 

Ein Impuls könnte bei der Suche nach den richtigen Fragen helfen: Digitalisierung aus utopischen oder dystopischen Perspektiven betrachten. Das ist zum Beispiel der Ansatz des HIIG-Projekts “twentyforty“, welches Geschichten aus dem Jahr 2040 mit Blick auf die dann vergangene Digitalisierung formuliert. Das belebt nicht nur die kreative Seite der teilnehmenden Forscher*innen, sondern erweist sich als hilfreiche Methode. Ein solches spekulatives Gedankenspiel sensibilisiert Akteur*innen dafür, ob sie die in den Geschichten entworfenen Szenarien auf die reale Welt  übertragen bzw. deren Eintreten verhindern wollen. Denn der spekulative Aspekt der Geschichten ermöglicht es, bereits vorhandene Technologien und Entwicklungen weiterzudenken, um so zugespitzt deren mögliche Folgen zu visualisieren. Schlussendlich eröffnet sich die Perspektive hieraus Handlungsmöglichkeiten realer Akteur*innen zu definieren. 

Neben der Wissenschaft wurde insbesondere zivilgesellschaftlichen Akteur*innen eine wichtige Rolle für eine ethische Digitalisierung zugesprochen. Diese können die Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung in einer allgemein verständlichen Sprache in die Öffentlichkeit tragen. Dabei werden auch Probleme anderer Interessengruppen in die Debatte eingebracht und so eine breite Diskussion über eine ethische Digitalisierung gefördert.

Die 5 Erfolgsbedingungen

Die abschließende Phase des Stakeholder Dialogs konzentrierte sich auf die nun erforderlichen Schritte zur Umsetzung der aufgeworfenen Visionen und formulierte mögliche Schritte:

  • Regulierungsbehörden sollten eine obligatorische ethische Bewertung für alle Produkte im Zusammenhang mit der Digitalisierung einführen. 
  • Forschungsformate wie twentyforty sollten verstärkt genutzt werden, um ein gemeinsames Verständnis von Schlüsselbegriffen der Digitalisierung zu fördern. 
  • Zivilgesellschaftliche Akteur*innen sollten Formate wie “Digital Speed-Dating” einführen, bei denen sich Einzelpersonen mit Expert*innen zum Thema Digitalisierung treffen können, um den öffentlichen Diskurs voranzutreiben. Eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Organisationen wie digitalezivilgesellschaft.org könnte deren Arbeit bereichern. 
  • Ministerien sollten in die Pflicht genommen werden, eine konstante Kommunikation mit Vertreter*innen der Zivilgesellschaft zu etablieren bzw. aufrechtzuerhalten. Dies sollte jedoch nicht nur für die Ministerien gelten. 
  • Alle Teilnehmer*innen waren sich einig, dass die verschiedenen gesellschaftlichen Stakeholder häufiger zusammenkommen sollten, um Fragen der Digitalisierung aus verschiedenen Perspektiven zu diskutieren.

Ethik der Digitalisierung: Ein Ausblick 

Seit Beginn des Projekts im Sommer 2020 sind 139 Fellows aus 51 Ländern in acht Research Sprints und Clinics zusammengekommen und haben dabei multidisziplinär und holistisch an einer ethischen Digitalisierung gearbeitet. Der Stakeholder-Dialog bot nun den Auftakt für die zweite Phase des Projekts: Die Kommunikation und Dokumentation der gewonnenen Erkenntnisse. Im kommenden Februar lädt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zur Abschlussveranstaltung ins Schloss Bellevue; im Sommer wird der Abschlussbericht erscheinen.

Dieser Beitrag spiegelt die Meinung der Autorinnen und Autoren und weder notwendigerweise noch ausschließlich die Meinung des Institutes wider. Für mehr Informationen zu den Inhalten dieser Beiträge und den assoziierten Forschungsprojekten kontaktieren Sie bitte info@hiig.de

Hanna-Sophie Bollmann

Studentische Mitarbeiterin: Ethik der Digitalisierung und NoC

Nicole Butters

Ehem. Praktikantin: Wissenschaftsmanagement

Vincent Hofmann

Wissenschaftlicher Mitarbeiter: AI & Society Lab

Matthias C. Kettemann

Assoziierter Forscher, Forschungsprogrammleiter

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Titelbild European Platform Alternatives. Ein Schwimmbad mit zwei Sprungtürmen von oben.

European Platform Alternatives

Im Jahr 2020 begann das Platform Alternatives Projekt mit der Erforschung der europäischen Plattformökonomie, um die strukturellen Auswirkungen der großen amerikanischen Plattformen und die Strategien ihrer europäischen Wettbewerber zu verstehen. Das Team fand hier eine äußerst vielfältige und aktive Landschaft digitaler Plattformen vor, in der häufig andere Motivationen als Wachstum und Marktherrschaft im Zentrum stehen. Zwei Jahre später bieten die hier versammelten Beiträge nun eine Alternative zu den aktuellen öffentlichen und politischen Debatten, die sich oft nur um die Fragen der Regulierung großer Plattformen drehen. Neben vielfältigen organisatorischen Lösungen und Regulierungsfragen geht es vor allem die Frage, wie sie europäische Plattformen zu echten Alternativen im globalen Markt entwickeln können.

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