Der Hype um 3D Druck und seine Potentiale erinnert viele an vorangegange Technologiehypes, die scheinbar einem ähnlichen Muster folgten. Vor wenigen Jahren wurden Elektrofahrzeuge und Augmented Reality als Bringer einer neuen Ära bezeichnet — inklusive außergewöhnlicher Übertreibungen bezüglich realistischer Potentiale (Mehler-Bicher et al., 2011). Mein persönlicher Favorit von Technologie ‘Overhyping’ ist Nuklearenenergie in den 50ern: Durch Kernspaltung betriebene Autos und Flugzeuge.

Ford Nucleon 1958 — nuklear betriebenes Auto

Ford Nucleon 1958 — nuklear betriebenes Auto

Generell und fast schon natürlich werden die meisten Erwartungen nicht so schnell oder so effektiv erfüllt, wie ursprünglich erwartet — sofern sie nicht ganz über Bord geworfen werden müssen. Die Hintergründe sind vielschichtig, doch scheint großer Einfluss auszugehen von (a) unvorhergesehenen Interdependenzen mit anderen Technologien, (b) der Vorstellungskraft, die nötig ist, um relevante Anwendungen für die neue Technologie zu identifizieren, und (c) der Anpassung der Technologie auf Anwendungen mit hoher idiosynkratischer Spezifität. Dieser Artikel beschäftigt sich mit einem Modell, das uns hilft Technologiehypes besser zu verstehen und einzuordnen — der Gartner Hype Cycle (GHC).

Die Grundannahme hinter dem GHC ist, dass jede neue Technologie einem ähnlichen Hype-Zyklus folgt, der über verschiedene Indikatoren, wie grundlegende Sichtbarkeit und Nachfrage verfolgt werden kann (Fenn & Time, 2007). Obschon diese Herangehensweise selbstverständlich stark generisch und nicht perfekt Realität abbildend ist, ist sie doch eine wertvolle Ressource, um schnell und vergleichbar Technologien zu erfassen. Der Zyklus startet mit einem Innovationsauslöser, der anfängliches Interesse und Erwartungen weckt, die dann stark inflationär in einem Gipfelpunkt enden und von einem Absturz in das Tal der Enttäuschung gefolgt werden (Gartner, 2014). Der Weg aus dieser Niederung kann sehr langsam sein, ist aber von getesteten und damit realistischeren Erwartungen gekennzeichnet. Am Ende des Zyklus sind die Erwartungen an die Technologie meist niedriger und weniger umfassend als zum Höhepunkt, aber dafür spezifischer und informierter. Dieser Punkt deutet auch die relative Reife der Technologie sowie ihre Marktdurchdringung an. Eine Kommodifizierung geht damit oft einher, d. h. alltägliche Produkte enthalten Innovationen, die wenige Jahre zuvor als Bringer einer neuen Menscheitsära gehyped wurden.

Bild 01: Gartner Hype Cycle(Gartner, 2013)

Bild 01: Gartner Hype Zyklus (Gartner, 2013)

Vergangenes Jahr schossen Sichtbarkeit von und Erwartungen an 3D Druck regelrecht in die Höhe. Ob der Höhepunkt bereits erreicht wurde, ist schwer zu sagen, solange die Technologie von einem Metalevel betrachtet wird. Unterteilt man den generellen Terminus ‘3D Druck’ in spezifischere Unterkategorien, lichtet sich der Nebel des Hypes jedoch ein wenig. Das Gartner Forschungsinstitut beleuchtete diverse 3D Druck Technologien —bspw. Fused Deposition Modeling und Stereolithographie— sowie Anwendungen —bspw. Prototyping und Produktion— und platzierten sie auf der GHC Kurve. Sie befanden, dass lediglich der Einsatz von 3D Druck im Prototyping bereits in der Plateauphase angekommen ist, während sich der Rest irgendwo auf der Hype Cycle Achterbahnfahrt befindet.

Auf dem Gipfel

Gartners Untersuchung identifiziert diverse 3D Druck Anwendungen und Technologien, die kurz vor dem Hype-Gipfel stehen oder diesen bereits überschritten haben. Nicht sonderlich überraschend ist die Einschätzung, dass 3D Druck für Endkonsumenten diesen Punkt bereits erreicht hat. Je mehr Drucker für den Privatgebrauch verfügbar werden, desto öfter werden Erwartungen auch getestet. Beispielsweise wird die Erwartung von unabhängig und günstig produzierten Haushaltsgegenständen einem Realitätscheck durch digital schönen aber physisch weniger schönen Ausdrucken unterzogen. Ganz ähnlich geht es 3D Druck Technologie, die im Medizin- und Produktionsbereich eingesetzt wird und Erwartungen an eine Revolution von Instrumenten- und Güterherstellung weckten. Was nun realisiert wird, ist, dass ausgebildete Profis nötig sind, um mit den neuen Technologien und Prozessen umzugehen. Unter anderen Designer, Ingenieure, Arbeiter und Ärzte auszubilden, ist jedoch langwierig und ein Grund, warum wir möglicherweise kurz- bis mittelfristig einen Erwartungseinbruch beobachten werden können.

Comeback Kandidaten

Technologien, die bereits einen Rebound unternehmen und ihren Weg in den Mainstream machen, beinhalten Software für 3D Druck und Design, Druckdienstleister sowie 3D Scanner. Letztere erfahren seit einiger Zeit bemerkenswerte Entwicklungen, u. a. indem mehr und mehr Nischenanwendungen identifiziert werden. Diese reichen von archäologischen und Landschafts-Scans zu Körper- und Dental-Scans. Erfahrungen und Fortschritte, die in diesen spezifischen Segmenten gemacht wurden, werden nun kombiniert, um 3D Scanning in Alltagsprodukte wie Handys und Tablets zu integrieren (bspw. Googles Project Tango).

Neu im Spiel

Die Technologien, Anwendungen und Themen, die Gartner als Neueintritte in den Hype Zyklus identifiziert hat, tangieren rechtliche, industrielle und bildende Domänen. Je mehr Konsumenten 3D Drucker kaufen und nutzen, desto stärker rücken illegales Kopieren und Fälschen in den Fokus. Dies führt zu Diskursen, die sicherlich Ähnlichkeiten aufweisen werden zu solchen, die wir im Softwarebereich beobachten und eventuell sogar jahrhundertealten Auseinandersetzungen um die Replizierung von Büchern.
Dies bringt uns dann auch zu Büchereien und Schulen als Spitzenreitern in der 3D Lehre. Diese Organisationen waren und sind oft der erste Ort, an dem man nicht-industrielle Drucker nutzen kann und werden in Zukunft eine Schlüsselrolle in der Ausbildung einnehmen. Aus- und Weiterbildung wird unter anderen in sich fundamental ändernden Bereichen wie globalen Lieferketten nötig sein. Auch die industrielle Herstellung von Produkten ist ein Kandidat für große Veränderungen, nachdem 3D Drucker präziser werden und größere Objekte herstellen können, die aus einem stetig wachsenden Portfolio an Materialien bestehen können.
Damit verbunden ist das Aufkommen von sogenanntem Bio-Printing. Erste, vielversprechende Schritte wurden in Laboren unternommen, um Haut und komplizierte biologische Objekte wie Organe zu drucken. Obschon noch Jahre bis zur allgemeinen und kommerziellen Anwendung vergehen werden —oder es sich doch als unmöglich herausstellt—, beginnen Medien bereits Organsupermärkte und massive Lebensverlängerungen zu diskutieren.1,2,3,4,5 Hört sich nach einem guten Kandidaten für den nächsten Hype an, würde ich sagen.


  1. http://edition.cnn.com/2014/04/03/tech/innovation/3-d-printing-human-organs/ (entnommen 20140901)
  2. http://potomaclocal.com/2014/05/04/moser-will-3-d-printing-lead-better-organs-prolonged-life/ (entnommen 20140901)
  3. http://www.telegraph.co.uk/technology/news/10629531/The-next-step-3D-printing-the-human-body.html (entnommen 20140901)
  4. http://www.theguardian.com/science/2014/jul/04/3d-printed-organs-step-closer (entnommen 20140901)
  5. http://www.dailymail.co.uk/sciencetech/article-2637158/Humans-fitted-kidneys-3D-printers.html (entnommen 20140901)

Literatur

  • Fenn, J., & Time, M. (2007). Understanding Gartner’s hype cycles, 2007. Gartner IDG, 144727.
  • Fenn, J., & Raskino, M. (2008). Mastering the Hype Cycle: How to Choose the Right Innovation at the Right Time. Harvard Business School Publishing.
  • Mehler-Bicher, A., Reiß, M., & Steiger, L. (2011). Augmented Reality: Theorie und Praxis. Oldenbourg Verlag.

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Dieser Beitrag ist Teil der regelmäßig erscheinenden Blogartikel der Doktoranden des Alexander von Humboldt Institutes für Internet und Gesellschaft. Er spiegelt weder notwendigerweise noch ausschließlich die Meinung des Institutes wieder. Für mehr Informationen zu den Inhalten dieser Beiträge und den assoziierten Forschungsprojekten kontaktieren Sie bitte info|a|hiig.de.

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