Die klassischen Massenmedien bekommen die occupy-Bewegung nicht in den Griff. Die Aktivisten wollen nichts Konkretes, sind einfach nur dagegen und formulieren niemals eine klare Aussage. Statt eines Katalogs an Forderungen bietet die Bewegung nur Bilder von dauercampenden Aktivisten. Unsere Beobachtung ist, dass occupy sich alle Mühe gibt, nicht greifbar zu sein. Was die traditionellen Medien als ein Problem der Bewegung sehen, den Mangel an Botschaft, scheint vielmehr ihre Stärke zu sein. Um diese These weiter zu verfolgen, präsentieren wir die Gedanken von Slavoj Zizek, Gilles Deleuze und Gerald Raunig zu der Frage danach, was die Form des occupy-Protests ausmacht und ob sie eine angemessenere Form des Protests im globalen Dorf (McLuhan 1962) ist.

Wie (be-)greift man „occupy“?

Die traditionellen Massenmedien empören sich über die occupy-Bewegung. Sie ist nur gegen etwas und nicht für etwas. Sie formuliert einfach keine „konkreten Forderungen“, egal wie sehr man sie dazu auffordert. Unter der Überschrift „Reicht es einfach nur dagegen zu sein?“ schreibt DIE ZEIT, die Demonstranten gingen auf die Straße um „das Bestehende zu verdammen. Und schlichtweg dagegen zu sein: Gegen Kapital, gegen Krieg und gegen Korruption“. Der reine Unmut scheine ihnen zu genügen (Bulban/Rojkow, DIE ZEIT 1.11.2011). Die FAZ schreibt, occupy wehre sich gegen Konkretisierungen und klare Forderungen. Der Autor spricht von der „Weigerung etwas zu wollen“ (Peickert, FAZ, 14.10.2012). Statt etwas zu wollen, harren die Aktivisten aus, campen und diskutieren (endlos) am Zuccotti Park und vor der EZB (Bernard/Stamer, ZDF aspekte, 3.5.2013).
In dieser verschwommenen Form bekommen die Medien das Ding namens occupy nicht in den Griff. Wie soll man darüber berichten? Wen kann man da zu Jauch einladen? Auf welche Seite würden sich die Vertreter schlagen? Occupy gibt sich alle Mühe nicht greifbar zu sein. Aber ist das ein Problem? Ist das ein Defizit?

Widerständiges Schweigen

Clinch

Beim Boxen spricht man von einem Clinch

Slavoj Zizek schreibt, occupy erzeuge dieses „bedeutungsschwangere Vakuum“ (Süddeutsche Zeitung, 27.10.2011). Doch es ist ein beredtes Schweigen. Nach Zizek liegt genau in diesem Schweigen die Stärke von occupy, während eine klare Positionierung eine Schwächung bedeuten könnte. Eine klare Positionierung zu formulieren heißt, dass andere Gruppen (mit einer anderen Agenda) die Position integrieren können. „Politisches Clinchen“ nennt er dieses Vorgehen: „Beim Boxen spricht man von einem Clinch, wenn jemand seinen Gegner umarmt, um Schläge zu unterbinden oder zu erschweren.“ Das Schweigen sorgt dafür, dass kein Körper da ist, den man umarmen kann. Das Schweigen irritiert auch das um sich selbst kreisende System der Presse und des Polit-Talks: Aussage gegen Aussage gegen Aussage, Kommentare zu Kommentaren zu Kommentaren. Das Schweigen ist ein unverdaulicher Fremdkörper. Der Mangel an Botschaft ist nicht beschreibbar und nicht sendefähig.

Organisation des Protests – gestern und heute

Gilles Deleuze fragt sich im Jahr 1990, ob die Gewerkschaften als Organisation des Protests noch in diese Zeit passen: „Eine der wichtigsten Fragen dürfte die Untauglichkeit der Gewerkschaften betreffen: (…).“ Dieser Zeit gibt er den Namen „Kontrollgesellschaft“. Für die neuen Kontrollformen findet Deleuze Bilder: Sie „gleichen einer sich selbst verformenden Gußform, die sich von einem Moment zum anderen verändert, oder einem Sieb, dessen Maschen von einem Punkt zum anderen variieren“. Ein zentrales Instrument ist das Einsetzen der „Rivalität als heilsamen Wetteifer und ausgezeichnete Motivation“. Die Kontrollgesellschaften schaffen ein Umfeld „permanenter Metastabilität“. In diesem Umfeld wirken die Gewerkschaften fehl am Platz. Deleuze schreibt: „In ihrer ganzen Geschichte waren sie gebunden an den Kampf in den Einschließungsmilieus oder gegen die Disziplinierungen.“ Und er fragt: „Können sie sich der neuen Situation anpassen oder machen sie neuen Widerstandsformen gegen die Kontrollgesellschaften Platz? Lassen sich schon Ansätze dieser künftigen Formen sehen, (…)?“ Können die Gewerkschaften heute weiter ihre Funktion erfüllen? Können die Gewerkschaften noch Parolen des Widerstands formulieren? Sind Parolen des Widerstands das passende Mittel? Nach Deleuze besteht die Aufgabe darin zu verstehen, wie „der fortschreitende und gestreute Aufbau einer neuen Herrschaftsform“ funktioniert. Was baut sich da auf? Er beobachtet: „Viele junge Leute verlangen seltsamerweise, ‘motiviert’ zu werden, sie verlangen nach neuen Ausbildungs-Workshops und nach permanenter Weiterbildung; (…)“. Diese jungen Leute sind es aber auch, die sich erarbeiten müssen, wem und wie sie damit von Nutzen sind: „(A)n ihnen ist es zu entdecken, wozu man sie einsetzt, wie ihre Vorgänger nicht ohne Mühe die Zweckbestimmung der Disziplinierungen entdeckt haben“. Es gilt neue, passendere Formen des Widerstands zu erproben.

Widerständige Praktiken in einer deterritorialisierten Gesellschaft

Gerald Raunig (2013) geht in seinem Essay „Factories of Knowledge, Industries of Creativity“ explizit auf die occupy Bewegung ein. Für Raunig ist die occupy-Bewegung ein Akt der temporären Reterritorialisierung als widerständige Praxis einer deterritorialisierten Gesellschaft. Gewerkschaften und Streiks im traditionellen Sinne scheinen nicht geeignet die Lebenswelt von „Kreativ- und Wissensarbeitern“ und deren Resistenzen wiederzugeben. „What can strike mean for the creative workers, and industrialists, whose punch clocks know no on and off, but only countless versions of on?“ (Raunig 2013: 142) Ein Widerstand kann sich hier nicht nur gegen bestehende Disziplinierungen richten, sondern sollte eine veränderte Praxis der Selbstwahrnehmung und -haltung beinhalten. „Demand nothing, occupy everything“ steht dabei für eine explizit nicht-normative Bewegung. Der Widerstand reflektiert sich und Gesellschaft, indem er neue Organisationsformen findet und sich in veränderten Praktiken übt: lange horizontale Diskussionen, vorübergehende und spontane Versammlungen, Zelte, selbstorganisierte Vorlesungen, gemeinsame Mahlzeiten, Übernachtungssessions in öffentlichen Gebäuden und andere mikropolitische Aktionen. Diese vereinzelten Praktiken erscheinen nach außen sinn- und ziellos. Sie folgen jedoch einer gemeinsamen Logik: sie stellen das „Wie“ über das „Was“ bzw. den Akt der Handlung selbst in den Vordergrund. Statt der Frage „Wer spricht?“ und „Welche Inhalte werden transportiert?“ stehen die Performativität der Handlung und des Diskurses selbst im Vordergrund. Die occupy-Bewegung übt sich in neuen sozialen Praktiken einer dispersen Gesellschaft. Der praktische Vollzug von gemeinsamen Aktionen ist wichtiger als die Formulierung neuer politischer Programme. Der Ansatz liegt im Erfinden, sich neu erfinden und Gemeinschaft anders vollziehen. Auch wenn die Bewegung viel Kritik bekommen hat und Unverständnis: es ist eine Bewegung entstanden, mit der noch zu rechnen ist. Occupy ist für Raunig der widerständige Ausdruck einer Gesellschaft, die sicherstellen möchte, dass ihre Zeit nicht gestohlen wird (Raunig 2013: 159).

Referenzen

  • Deleuze, Gilles (1990): Postskriptum über die Kontrollgesellschaften. L’autre journal, 1. Online verfügbar unter http://www.nadir.org/nadir/archiv/netzkritik/postskriptum.html
  • McLuhan, Marshall (1962): The Gutenberg Galaxy. Toronto, Buffalo, London: University of Toronto Press
  • Raunig, Gerald (2013): Factories of Knowledge, Industries of Creativity. Cambridge: MIT Press.
  • RoadRich: Featured Image CC BY-NC-SA 2.0

Dieser Beitrag ist ein Blogbeitrag von Nancy Richter, Forscherin am Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft und Lisa Conrad, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Fakultät Medien der Bauhaus-Universität Weimar. Er spiegelt weder notwendigerweise noch ausschließlich die Meinung des Institutes wieder. Für mehr Informationen zu den Inhalten unserer Blogposts und den assoziierten Forschungsprojekten kontaktieren Sie bitte info|a|hiig.de.

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