Rike Maier: Herr Baer, Herr Wischmann, Sie planen einen Film über geistiges Eigentum (Der illegale Film) und haben dafür eine Crowdfunding-Kampagne gestartet. Worum geht es Ihnen mit dem Film?

Martin Baer & Claus Wischmann: „Der illegale Film“ soll der Frage nachgehen: „Wem gehören die Bilder der Welt?“. Das geht von „Wer darf wen oder was fotografieren?“ über „Wer kontrolliert oder verwertet die schon vorhandenen Bilder?“ bis hin zu „Was geschieht in Zukunft mit Deinen Urlaubs- oder Profilfotos?“

In diesem Film berühren wir einige schwierige und hochumstrittene Gebiete wie etwa Urheberrecht, Persönlichkeitsrecht, Copyright, Panoramafreiheit, Datenschutz. All das hat mit unserer Kernfrage zu tun: Wird so langsam jedes beliebige Bild und irgendwann der Anblick der ganzen Welt zur handelbaren Ware? Wer verfügt schon heute über die Bilder, deren schiere Zahl exponentiell zunimmt? Wer profitiert davon?

RM: Ihr Projekt heißt „Der illegale Film“ und auf Ihrer Webseite fragen Sie sich ob „es rechtlich überhaupt möglich [ist] einen Film über ‚geistiges Eigentum‘ zu machen, ohne selbst in die Illegalität zu gelangen“ — hoffen Sie ein wenig darauf, verklagt zu werden, um diese Fragen einmal vor Gericht auszutragen?  

MB & CW: Nein, wir legen es nicht darauf an, wegen unseres Filmes verklagt zu werden. Dass wir den Titel „Der illegale Film“ wählen, hat einen anderen Grund: wir möchten darauf hinweisen, dass die möglicherweise in Zukunft noch zunehmende Verrechtlichung der Bedingungen, unter denen Fotos und Filme gemacht, geteilt, kopiert, verbreitet oder auch nur betrachtet werden, zu einer dauernden Frage „legal? illegal?“ wird. Damit zusammenhängende Probleme sind der Missbrauch etwa urheberrechtlicher Regelungen für Zwecke der Zensur.

Zugleich können wir es aber gar nicht so ohne weiteres ausschließen, dass ein Film zu diesem Thema Gegenstand gerichtlicher Auseinandersetzungen wird. Dazu sind die einschlägigen Regelungen viel zu komplex, widersprüchlich und von Land zu Land unterschiedlich. Wer sich auf dieses Feld begibt, läuft jedenfalls Gefahr, Grenzen zu überschreiten, selbst wenn man es nicht darauf anlegt.

RM: Immaterialgüterrecht, insbesondere das Urheberrecht, ist ein politisch heiß umstrittenes Thema, zu dem die meisten Internetnutzer, Kreativen oder auch Unternehmen eine Meinung haben. Würden Sie sagen, dass sich Filmemacher urheberrechtlicher Implikationen derart bewusst sind, dass sie künstlerische Überlegungen zurückstellen, wenn es dabei hilft urheberrechtlich auf der sicheren Seite zu sein?

MB & CW: Wir haben diese Erfahrung schon selbst gemacht, und wir sind sicher, dass das häufig geschieht. Wenn ein Themenvorschlag für einen Dokumentarfilm die Verwendung von historischen Aufnahmen vorsieht, wird selbstverständlich sofort gefragt, ob das entsprechenden Material überhaupt erschwinglich ist oder das Budget sprengen würde. Bei manchen Quellen schließen die Rechteinhaber die Benutzung durch andere kategorisch aus. Ich würde seit langem gerne einen Film über die Geschichte der Figur „Tarzan“ machen, aber das ist so gut wie unmöglich. Erste Anfragen bei den Rechteinhabern wurden gar nicht oder schlicht mit dem Hinweis beantwortet, dass man über die Lizenzierung überhaupt nicht verhandeln würde.

Das gilt übrigens auch für andere bildende Künstler. Der polnische Regisseur Józefowicz hätte für „Polita“ , das 2004 in Warschau uraufgeführte 3-D-Musical, gerne mehr historisches Filmmaterial verwendet, aber selbst eine ganz kurze Harold-Lloyd-Szene war unerschwinglich. Józefowicz beklagte, dass „Erben und Firmen mittlerweile auf allem drauf sitzen“.

RM: Gab es einen Auslöser in Ihrer eigenen Arbeit, der sie dazu bewegt hat diesen Film zu machen?

MB & CW: Ich habe 1999 einen Kompilationsfilm über das deutsche Afrika-Bild gemacht. Für „Befreien Sie Afrika!“ habe ich viele hundert Schnipsel aus Filmen, Fernsehsendungen, Dokumentationen, Wochenschauen usw verwendet. Der Film hat viele gute Kritiken bekommen, aber er ist praktisch unaufführbar. Der Lizenzerwerb hat mich über Jahre beschäftigt, das gesamte Budget aufgefressen – und am Ende gibt es immer Lücken, weil Rechte sich nicht klären lassen oder Lizenzgeber gewisse Nutzungsarten oder Territorien ausschliessen. Obwohl in diesem Fall das Zitatrecht anwendbar wäre, scheuen Sender und Verleiher das Risiko, solche Werk ins Programm zu nehmen.

RM: Welche Schwierigkeiten haben Sie in Zusammenhang mit Immaterialgüterrechten sonst erlebt?

MB & CW: Natürlich ist die Höhe der Lizenzgebühren oft ein Problem. Aber davon mal abgesehen gibt es viele Fälle, in denen gleich mehrere Verwerter behaupten, über die angefragten Rechte zu verfügen. Wie soll ich als Lizenznehmer das überprüfen? Wie schon erwähnt, hatte ich auch Fälle, in denen Lizenzgeber Verhandlungen kategorisch ablehnten oder die Kontrolle über die mit oder über die Ausschnitte getroffenen Aussagen behalten wollten. Es gab auch einen Fall, in dem ein Lizenzgeber die Benutzung mit fadenscheinigen Begründungen verhindern wollte, weil er offensichtlich einen Imageschaden für sein Produkt befürchtete.

RM: Die meisten nationalen Urheberrechtsgesetze sehen ja sogennante Schranken vor, wie beispielsweise das Zitatrecht. Sind Filmemacher in Deutschland ihrer Meinung nach damit vertraut, was über solche Schranken erlaubnis- und vergütungsfrei erlaubt ist?

MB & CW: Für den erwähnten Film „Befreien Sie Afrika!“ wollte ich mich auf das einschlägige BGH-Urteil zur Anwendung des Zitatrechts auf Filmwerke berufen, und das wäre auch möglich. Hilft mir aber nicht, wenn die Fernsehsender sich darauf nicht einlassen, weil sie es sich mit ihren Geschäftspartnern, und das sind ja die meisten Lizenzgeber, nicht verderben wollen.

RM: Sie haben sich für diesen Film ja sicher viel mit Immaterialgüterrechten befassen müssen. Gibt es etwas, wozu sie schon jetzt sagen würden, dass das Recht reformiert werden müsste, um künstlerische Auseinandersetzungen mit der Wirklichkeit zu erleichtern?

MB & CW: Ich möchte dieses Thema in „Der illegale Film“ bearbeiten und genau diese Frage vielen an der Diskussion Beteiligten stellen. Eine Antwort habe ich selbst (noch) nicht. Mir scheint aber, dass wir Regelungen finden müssen, die zum einen den verschiedenen Interessen von Urhebern, Verwertern, Kreativen und Nutzern gerecht werden und zum anderen die erweiterten technischen Möglichkeiten berücksichtigen.

Dass ich mich mit einer eindeutigen Antwort schwer tue, hat folgenden Hintergrund:  Nehme ich meine Erfahrungen mit „Befreien Sie Afrika!“, dann könnte ich kurzschliessen und mich für vollkommene Freigabe der Weiterverwendung audiovisueller Werke in neuen Werken aussprechen. Aber kaum ist mein Film, in den ich ja viele Jahre Arbeit gesteckt habe, fertig, wird er auf Plattformen zum Download angeboten, wo irgendwer Geld damit verdient. Das kann es ja auch nicht sein. Bei diesem Thema sitzen viele Kreative und eben auch wir Dokumentarfilmer zwischen den Stühlen.

RM: Wieso haben Sie sich dazu entschieden den Film über eine Crowdfunding-Kampagne zu finanzieren?

MB & CW: Unser Thema verlangt andere Herangehensweisen und andere Verbreitungswege als die Filme, die wir bisher mit und fürs Fernsehen oder Kino gemacht haben. Möglich, dass „Der illegale Film“ nie im Kino oder im TV laufen kann. Vielleicht müssen wir den fast ohne Geld machen und unsere und die Arbeitskraft manch anderer unentgeltlich nutzen. Womöglich wird der Film einfach kostenlos zur Verfügung gestellt. Aber ganz ohne Geld geht es eben nicht.

Zum zweiten hat die Crowdfunding-Kampagne einen interessanten Nebeneffekt: die Diskussion auf unseren Seiten über Thema begann gleich an dem Tag, als wir das online gestellt haben. Seither erreichen uns viele Fragen, Kommentare, Kritik, Vorschläge. Das  bringt uns mitten in die Arbeit am Film und beteiligt viele Unetrstützer_innen von Anfang an.

RM: Vielen Dank für das Interview.

Dieser Beitrag ist Teil der regelmäßig erscheinenden Blogartikel der Doktoranden des Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft. Er spiegelt weder notwendigerweise noch ausschließlich die Meinung des Institutes wieder. Für mehr Informationen zu den Inhalten dieser Beiträge und den assoziierten Forschungsprojekten kontaktieren Sie bitte info|a|hiig.de.

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