von Cornelius Puschmann

Verursacht das Internet Revolutionen? So wird es häufig vereinfachend dargestellt — im Diskurs um den „arabischen Frühling“ ebenso wie im Zusammenhang mit Stuttgart 21 oder der Occupy-Bewegung. Das Internet, so eine gängige Logik, ist ein globales Dorf, in dem die Menschen schrankenlos kommunizieren. Gerade soziale Medien wie Facebook und Twitter erlauben einen Austausch über Grenzen hinweg, der früher deutlich schwieriger war. Kritiker wie Malcom Gladwell oder Evgeny Morozov winken ab — „clicktivism“ alleine macht noch keine Revolution, so das Gegenargument.

Wie funktioniert politischer Aktivismus in Twitter-Hashtags?

In einem Konferenzbeitrag haben meine Kollegen Marco Bastos, Rodrigo Travitzki und ich jetzt diese Frage untersucht. Dazu haben wir 455 ausgewählte Hashtags zu unterschiedlichen Themen ausgewertet, innnerhalb derer 1 Million verschiedene Nutzer einen oder mehrere Beiträge gepostet haben, und die sich vor allem aus englischen, spanischen und portugiesischen Tweets zusammensetzen.

Serienaktivismus

Zu unseren Funden gehört, dass es Formen von „Serienaktivismus“ gibt: zum Teil twittern die gleichen Nutzer zu einer großen Bandbreite von Themen. Das ist für sich nicht ungewöhlich, die Intensität ist allerdings bemerkenswert — rund 70% aller Nutzer in unserem Datensatz twittern unter mindestens zwei verschiedenen Hashtags. Besonders politische Hashtags werden stark von Nutzern eingesetzt, die zugleich auch eine Reihe weiterer Aktionen unterstützen (etwa Occupy oder die spanische Indignados-Bewegung). Dieses Engagement muss nicht unbedingt mit Aktivitäten ausserhalb von Twitter einhergehen. Nutzer innerhalb unserer Stichprobe, die Twitter für politischen Aktivismus nutzen, tun dies jedenfalls häufig zu einer Reihe von Themen.

Sockenpuppen

Eine weiterer interessanter Fund ist die gezielte Ansprache und Erwähnung von Prominenten und politischen Organisationen im Zusammenhang mit Hashtag-Initiativen. User wie |a|barackobama, |a|occupywallst oder |a|cnn kommen in zahlreichen Tweets anderer Nutzer vor, ohne sich selbst aktiv unter dem jeweiligen Hashtag zu beteiligen. Über die Hintergründe kann man spekulieren. Beiträge aus Massenmedien werden häufig kommentiert und unter dem jeweiligen Hashtag weitergegeben, aber das alleine erklärt den Effekt nicht. Es ist wahrscheinlich, dass die angesprochenen Prominenten für das jeweilige Anliegen gewonnen werden sollen, immerhin vereinen alle passiven Nutzer in unserem Datensatz ungefähr 20 Millionen Follower auf sich — etwa das fünffache der aktiven Twitterer. Andererseits sind sie auch ganz ohne etwas zu tun potentielle Multiplikatoren. Wer bespielsweise nach Tweets sucht, die Barack Obama erwähnen, wird auf diese Inhalte aufmerksam, ohne vielleicht sofort zu registrieren, dass der Erwähnte den Hashtag keinesfalls unterstützen muss.

Die Bedeutung von Sprache

Wenig überraschend ist, dass die Nähe von Twitter-Hashtags zu einander — gemessen daran, welche Nutzer in verschiedenen Hashtags aktiv sind — stark duch die Sprache bestimmt wird. Die nachstehende Grafik zeigt alle Hashtags nach der in ihnen vorherrschenden Sprache (Blau für Englisch, Rot für Portugisisch, Grün für Spanisch). Am engsten verflochten sind Hashtags in denen die gleiche Sprache überwiegt, wobei spanische und englischsprachige Hashtags eine etwas größere Nähe aufweisen als englische und portugisische. Auch thematische Gruppen lassen sich klar erkennen — die Occupy-Bewegung, Kony2012 und die spanische Indignados-Bewegung (15M) sind sowohl intern als auch untereinander verflochten. Dabei werden auch Sprachgrenzen überwunden, ein Indiz für den globalen Charakter dieser Initiativen.

Fazit: Die Aktivismus-Strategien einzelner Kommunikatoren überwinden Sprachbarrieren

Unsere Ergebnisse legen nahe, dass politische Bewegungen wie Occupy und 15M von hochgeradig aktiven und bei Twitter vielseitig politisch engagierten Nutzern angetrieben werden, die über eine große Bandbreite von Themen kommunizieren und dabei Sprachbarrieren überspringen.

 

Literatur:

– Bastos, M., Puschmann, C., Travitzki, R. (2013). Tweeting Across Hashtags: Overlapping Users and the Importance of Language, Topics, and Politics. Proceedings of 24th ACM Conference on Hypertext and Social Media, 1–3 May 2013, Paris.

Cornelius Puschmann ist assoziierter Forscher am HIIG.

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