So sehen wir morgen fern – Herausforderungen für das Fernsehen in einer konvergenten Medienwelt.

Dank der Digitalisierung und Vernetzung mit verschiedenen Geräten, schauen wir heute „Fernsehen“ in der Cloud. Diese ermöglicht das sogenannte „Multiroom-Viewing“ und damit können TV-Inhalte an unterschiedlichen Orten und in vielfältigen Nutzungssituationen abgerufen werden. Bereits heute ist absehbar, dass uns der heimische Fernseher mittels Sprachsteuerung aufs Wort hören wird und die technischen Funktionen zusätzlich per Mimik und Gestik gesteuert werden können. „Mitdenkende EPG’s“ und „lernende Suchmaschinen“ liefern uns mittels Nutzungsalgorithmen künftig den perfekten Programmzuschnitt (vgl. Deutsche TV-Plattform, S. 6 ff.). Diese Entwicklungen der neuen TV-Mediennutzung eröffnet den Zuschauern zwar eine neue, bequeme Erlebniswelt, für die Fernsehindustrie bleibt sie jedoch nicht ohne Konsequenzen.

Wie in meinem vorherigen Blogartikel beschrieben, wirken sich die Veränderungen der fortschreitenden Digitalisierung auch auf den audiovisuellen Mediensektor aus, denn die Fernsehsender und -produzenten sind gezwungen, sich auf neue technologische Begebenheiten einzustellen und ihre produzierten Inhalte den Kriterien der Medienkonvergenz anzupassen.

Dies wirft die Frage auf, was eigentlich unter dem Phänomen der „Medienkonvergenz“ verstanden wird und wie sich dadurch das klassische Fernsehen verändern wird?

Die technologische Voraussetzung aller Konvergenzprozesse und der Treiber von Innovation ist die Digitalisierung. Seit Anfang der neunziger Jahre breitet sie sich mit rasanter Geschwindigkeit aus und hat bereits heute etablierte Marktstrukturen durchbrochen. Durch die Digitalisierung und Medienkonvergenz werden vorher klar voneinander abgegrenzte Mediengattungen auf technischer, wirtschaftlicher und inhaltlicher Ebene zunehmend aufgelöst. Gleichzeitig hat sich das Internet zu einem Metamedium entwickelt, das verschiedene Medienangebote sowie Kommunikationsmöglichkeiten miteinander verknüpft. Somit stellt es für einen Großteil der Bevölkerung einen wesentlichen Bestandteil des täglichen Lebens dar (vgl. Guth, S. 48).

Unter Konvergenz wird im Allgemeinen die Annäherung von Angeboten und Funktionalitäten der Sektoren Medien, Telekommunikation und Informationstechnologie verstanden (vgl. European Communication Council, S. 140 f.).
In den Anfängen der Konvergenzentwicklung (ab 1990) ging man jedoch von einer „Implosion“ aller bestehenden Medien zu etwas „neuem Dritten“ aus, das über ein einziges Multimedia-Endgerät genutzt werden kann (vgl. Beckert/Riehm, S. 44). Mittlerweile zeichnet sich ein anderes Bild dieser Vorstellung ab. Während die „technische Integration von Netzen und Diensten nur einen Teil der digitalen Revolution darstellt, zeigt sich auf der anderen Seite eine wachsende Desintegration“ – also eine Entwicklung zur Differenzierung und Fragmentierung. Dadurch bilden sich viele neue Varianten heraus, das heißt „Mischformen, partielle Kombinationen und Überscheidungen zwischen Inhalten, Diensten, Netzen und Geräten“, welche vielmehr einer „Medienexplosion“ gleichkommen (vgl. ebd., S. 44 f.). Welche Möglichkeiten aus dieser Form der Entkopplung und Modularisierung hervorgehen können, wird in dem von Beckert dargestellten „Entkopplungs- und Rekombinationskonzept“ schematisch veranschaulicht (vgl. Abbildung).

Entkopplungskonzept

Daraus resultiert, dass einer Analyse von digitalen Medienangeboten keine identischen Modelle oder Funktionsmuster zugrunde gelegt werden können. Deshalb ist es erforderlich, die „Entwicklungsbedingungen konvergenter Medienangebote spezifisch und unter der Berücksichtigung des jeweiligen Ursprungkontextes (Presse, Fernsehen, Internet etc.) sowie ihrer besonderen Nutzungsbedingungen zu analysieren“ (vgl. ebd., S. 46).

Wie wirkt sich die Medienkonvergenz auf das klassische Fernsehen aus?

Zunächst lässt sich aus den aktuellen Zahlen der Fernsehnutzung zwar ableiten, dass der tägliche Fernsehkonsum der Deutschen mit 242 Minuten – im Vergleich zu anderen Medien – sehr hoch ist, jedoch zeichnet gegenwärtig eine Stagnation dieser Nutzungsdauer ab (2011: 242 Minuten). Die tägliche Internet-Nutzungsdauer hingegen beträgt 108 Minuten pro Tag und hat gegenüber dem Vorjahr (2011: 83 Minuten) deutlich aufgeholt (vgl. ARD Medienbasisdaten). Als konvergentes Trägermedium nimmt es für weitere Medien vermehrt eine zentrale Rolle ein und weist in Kombination mit anderen Medien die größte Diversität auf. Angesichts der parallelen Nutzung zusätzlicher mobiler Empfangsgeräte (sog. „Second Screens“) geht eine Veränderung des konventionellen Medien- und insbesondere Fernsehnutzungsverhaltens einher (vgl. Eimeren/Frees, S. 373 ff., Eimeren, S. 386 ff.). Das bedeutet, dass sich das klassische Fernsehen zunehmend von einem Leit- zu einem Nebenbei-Medium entwickelt. Aufgrund der wachsenden Verschmelzung von klassisch-linearen Fernsehinhalten mit Online-Angeboten (z.B. Web-TV, Mediatheken oder HbbTV) lässt sich eine große Dynamik erkennen, die in der Medienbranche seit geraumer Zeit zahlreiche Diskussionen und Spekulationen über die „Zukunft des Fernsehens“ auslöst. Fest steht, dass die Entlinearisierung des Fernsehens einen bedeutsamen und unausweichlichen Trend darstellt (vgl. Beckert/Riehm, S. 22 ).

Zusammengefasst finden derzeit unterschiedliche Konvergenzprozesse im Fernsehbereich statt:

  • Auf der technischen Ebene kommt es zu einer Auflösung der eindeutigen Zuordnung von Netzen und Geräten zu bestimmten Inhalten oder Medienformen. Dies bedeutet, dass interaktive Medienangebote heute auch über das Kabelnetz übertragen werden können, Computer als Fernseher (z.B. Mediatheken) genutzt werden oder das die neuen Fernsehgeräte mit einem Internetzugang ausgestattet sind (z.B. HbbTV).
  • Auf der Ebene der Angebote hat sich ein großer Teil der linearen Fernsehinhalte bereits aus dem festen Programmschema herausgelöst und steht im Internet zum individuellen Abruf zur Verfügung (z.B. rtlnow, ZDFmediathek). Dadurch sind optional Verknüpfungen zu thematisch ähnlichen Sendungen möglich, die ebenso bewertet oder via SocialTV Apps (z.B. Couchfunk) kommentiert werden können. Zusätzlich stellt User-Generated-(Video)-Content eine Erweiterung der aktuellen Fernsehinhalte dar.
  • Auf der Ebene der Nutzung macht sich eine Auflösung traditioneller Mediennutzungsmuster bemerkbar (s. oben). Parallel zum Fernsehen werden ergänzende mobile Endgeräte wie Smartphones oder PC-Tablets genutzt und vor allem die sogenannten „Digital Natives“ surfen gleichzeitig im Netz oder chatten mit Freunden.

Gemeinsamkeiten lassen sich bei den Konvergenzentwicklungen im Fernsehen auf der technischen Ebene einerseits und auf der Ebene der Angebote andererseits identifizieren, in dem zeitliche und räumliche Beschränkungen durch Video-on-Demand Angebote oder die mobile Nutzung aufgehoben werden (vgl. Beckert/Riehm, S. 188 f.).

Neben diesen Ebenen, eröffnet die Konvergenzentwicklung auch im Bereich der Medienpolitik ein breites Spektrum an Handlungsfeldern. Durch die Auflösung klarer Abgrenzungen der beteiligten Sektoren, wird die Unterscheidung von Rundfunk, Telekommunikation und den Telemedien erschwert (vgl. ebd.: 22). Deshalb werden derzeit eine Vielzahl regulierungspolitischer Fragen aufgeworfen, die sich unter anderem im Rahmen einer neuen Definition des Rundfunkbegriffs, der Konzentrationskontrolle oder in der Internetpräsenz des öffentlich-rechtlichen Rundfunks manifestieren (vgl. ebd., 191 ff.).

Welche Herausforderungen ergeben sich zukünftig für die Fernsehsender?

Die fortschreitende Digitalisierung und Medienkonvergenz bedeutet für die Fernsehsender, dass sie ihre „einmal produzierten oder lizenzierten Inhalte, aufgrund der Vervielfältigung der Ausspiel- und Vertriebswege, den unterschiedlichen Plattformen anpassen müssen“ (vgl. Beckert/Riehm, S. 169). Diese Tatsache „betrifft jedoch nicht nur die technische Konvertierung oder lizenzrechtliche Fragen, sondern das gesamte Grundverständnis der Fernsehsender“ und Fernsehproduzenten (vgl. ebd.).

Hinsichtlich der Digitalisierung der Übertragungsnetze und der Ausweitung der Übertragungskapazitäten reduzieren sich die Markteintrittsbarrieren für neue Anbieter (vgl. Schneider, S. 5). Deshalb fragmentiert sich der Markt für Bewegtbildangebote: Plattformbetreiber (z.B. Videoportale, App-Stores, Content-Aggregatoren) und Netzbetreiber (Telekommunikations-, Mobilfunk-, Kabelfernsehnetz und Satellitenbetreiber) spielen als neue Inhalteproduzenten und –lieferanten eine immer größere Rolle. Dadurch nimmt die Wettbewerbsintensität deutlich zu und für die klassischen Fernsehsender erhöht sich der wirtschaftliche Druck. Für die Akteure der Fernsehbranche haben die beschriebenen Konvergenzprozesse deshalb zum Teil signifikante Auswirkungen, welche sowohl bestehende Geschäftsmodelle und Wertschöpfungsprozesse als auch unternehmensinterne Prozesse vermehrt beeinflussen werden (vgl. Kolo, S. 302). Die Fernsehsender und -produzenten stehen nun vor der Herausforderung, neue Strategien zu entwickeln und zu implementieren, um ihre feste Stellung am Markt weiterhin behaupten zu können (vgl. Schneider, S. 10).

Daraus ergeben sich wiederum forschungsleitende Fragen wie etwa: Welchen Einfluss hat die Digitalisierung und Medienkonvergenz auf den klassischen Wertschöpfungsprozess in der Fernsehproduktion? Welche Chancen und Risiken ergeben sich daraus für die Produzenten? Wie können die Produzenten ihre Strategien den sich ändernden Marktverhältnissen anpassen? Und so weiter …

Aus dieser gesamten Konvergenzentwicklung heraus, ergibt sich zum einen ein großes Forschungspotenzial und zum anderen auch dringender Handlungsbedarf für die Medienunternehmen.

Anett Göritz forscht zu Geschäfts- und Wertschöpfungsmodellen für den deutschen TV-Produktionssektor. In ihrer Dissertation wird sie ein Modell entwickeln, das sich an neuen digitalen Technologien und veränderten Mediennutzungsgewohnheiten der Endkonsumenten orientiert.

Literatur:

  • ARD/ZDF Medienbasisdaten: Durchschnittliche Nutzungsdauer von Fernsehen, Hörfunk und Internet, in Minuten/Tag, Link (01.11.2013, 10:12)
  • Beckert, Bernd; Riehm, Ulrich: Breitbandversorgung, Medienkonvergenz, Leitmedien – Sturkturwandel der Massenmedien und Herausforderungen für die Medienpolitik, sigma, Berlin 2013
  • Beckert, Bernd: Medienpolitische Strategien für das interaktive Fernsehen. Eine vergleichende Implementationsanalyse, Wiesbaden 2002
  • Deutsche TV-Plattform e.V. (Hrsg.): TV in der Zukunft. Eine Bestandsaufnahme der Deutschen TV-Plattform, Frankfurt 2013
  • Eimeren, Birgit van: „Always on“ – Smartphone, Tablet & Co. als neue Taktgeber im Netz, in: Media Perspektiven 7-8/2013.
  • European Communication Council: Die Internet-Ökonomie, Strategien für  die digitale Wirtschaft, 3. erweiterte und überab. Aufl., Springer-Verlag, Heidelberg 2001
  • Frees, Beate / Eimeren, Birgit van: Multioptionales Fernsehen in digitalen Medienumgebungen, in: Media Perspektiven 7-8/2013
  • Guth, Birgit: Zuschauermarkt: Veränderungen des Nutzungsverhaltens und Herausforderungen für die Rezeptionsmessung, in: Schneider, Martin: Management von Medienunternehmen, Digitale Innovationen – crossmediale Strategien, Springer Gabler, Wiesbaden 2013
  • Kolo, Castulus: Online-Medien und Wandel: Konvergenz, Diffusion, Substitution, in: Schweiger, Wolfgang; Beck, Klaus (Hrsg.) 2010: Handbuch der Online-Kommunikation, VS Verlag, Wiesbaden 2010
  • Schneider, Martin: Management von Medienunternehmen, Digitale Innovationen – crossmediale Strategien, Springer Gabler, Wiesbaden 2013

Dieser Beitrag ist Teil der regelmäßig erscheinenden Blogartikel der Doktoranden des Alexander von Humboldt Institutes für Internet und Gesellschaft. Er spiegelt weder notwendigerweise noch ausschließlich die Meinung des Institutes wieder. Für mehr Informationen zu den Inhalten dieser Artikel und den assoziierten Forschungsprojekten kontaktieren Sie bitte info|a|hiig.de.

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