Tausche: Milchkaffee gegen Ideen zur digitalen Öffentlichkeit

Welche Theorien kennt Ihr, die sich mit digitaler Öffentlichkeit auseinandersetzen? Welche findet Ihr tragfähig oder überflüssig? Teilt Euer Wissen mit uns und kommt vorbei um Eure Ideen zu diskutieren!

Die Wissenschaft beäugt das Thema der Öffentlichkeit seit Jahrhunderten. Wer sich mit dem Internet auseinandersetzt stößt früher oder später auf Fragen, die mit der Öffentlichkeit zusammenhängen – da sich scheinbar etwas verändert, aber was genau?

Diese Frage stellt sich seit neustem eine kleine Gruppe am HIIG und trifft sich deshalb einmal im Monat zum Frühstück, um bei Kaffee und Marmeladenbrötchen über Theorien zur digitalen Öffentlichkeit zu reden. Wir stellen uns gegenseitig Ansätze vor, welche die Wissenschaft aus verschiedenen Disziplinen zu diesem Thema hervorgebracht hat, diskutieren, vergleichen und sammeln sie. Was läge nun näher, als unser Publicbreakfast der wilden weiten Öffentlichkeit zu öffnen? Wir laden also für den 6. November um 10 Uhr herzlich ein, zum Frühstück am Bebelplatz im HIIG vorbeizukommen und sich mit uns zum Thema digitale Öffentlichkeit auszutauschen. Es dürfen Texte, Ideen und alles was man frühstücken kann, mitgebracht werden. Wir freuen uns über jede Anmeldung!

Zuvor möchte ich aber noch einige Gedanken zur Öffentlichkeit im digitalen Zeitalter in den Ring werfen. Wir freuen uns auch über digitales Feedback in diesem Google Doc.

Appetithappen Habermas

Selbst Jürgen Habermas, der 1962 durch seine Theorie zum Strukturwandel der Öffentlichkeit eine unumgängliche Referenz geschaffen hat, kam jüngst (in philosophischer Zeitrechnung)  nicht daran vorbei sich zu fragen, ob und wie das Internet die Öffentlichkeit verändert. Aus seiner Sicht unterminiert das Internet die Zensur autoritärer Regime, jedoch sei der Nachteil oder die Gefahr der digitalen Öffentlichkeitsräume die Zersplitterung in “durch Spezialinteressen zusammengehaltenen Zufallsgruppen”.

Sein ursprüngliches Ideal der deliberativen Öffentlichkeit zielt auf einen gemeinschaftlich geteilten Kommunikationsraum ab, in dem jeder gleichberechtigt und gleich respektiert partizipieren kann. Konsens entstehe unter den Bedingungen eines idealen Diskurses jenseits der individuellen Interessen der Teilnehmer des öffentlichen Diskurses. Dieses Ideal zeigte die Demokratiedefizite liberal-kapitalistischer Demokratien auf, welche diesem Ideal auch heute  – mit oder ohne Internet – hinterherhinken.

Hauptgang bleiben die Massenmedien

Seit die Massenmedien nicht mehr allein das öffentliche Feld bespielen, haben sich die kommunikativen Möglichkeiten dessen, was öffentlich werden kann, geändert. Stehen wir dadurch vor einem erneuten Strukturwandel der Öffentlichkeit – also vor einem gesellschaftlichen Wandel, in dem sich die Möglichkeiten der bürgerlichen Partizipation auch politisch neu ausrichten? Kann man überhaupt noch von der Öffentlichkeit sprechen, oder gibt es nicht bereits mehrere Öffentlichkeiten und wäre Habermas Idee des gemeinsamen Diskurses damit überholt? Ich frage mich, wie relevant das Internet für die politische Öffentlichkeit heute tatsächlich ist und wie dieses Verhältnis sich in den nächsten 20 Jahren entwickeln wird. Zwar zeigt Die Tagesschau mittlerweile Webvideos, aber die breite Masse der Bevölkerung verlässt sich im Kern nach wie vor auf vertraute Massenmedien, auf Nachrichten aus Fernsehen und Zeitungen, um sich zu den Themen unserer Zeit zu informieren. Dass diese online abzurufen sind, ändert nichts an der Tatsache, dass sie als professionelle Medieninstitutionen den Flaschenhals der Öffentlichkeit darstellen. Oder?

Buntes Allerlei?

Das Internet allein wird vermutlich nie den einen öffentlichen Raum organisieren und strukturieren, aber welche Rolle spielen digitale Öffentlichkeiten im Zukunftsmodell einer Gesellschaft, in der digitale Kommunikation und Mediennutzung nicht mehr wegzudenken sind?

Stefan Münker erkennt im medialen Wandel vom analogen zum digitalen Zeitalter durchaus einen Strukturwandel und spricht emergierenden digitalen Öffentlichkeiten eine Wirkungsmacht zu, auch wenn “die Entstehung einer radikal anderen, utopischen Gegenwelt, wie sie die Netzidealisten der ersten Stunde erträumt hatten” nirgendwo sichtbar wird.

Flashpublic zum Dessert

Mir gefiel ein Gedanke, der mir in einem Artikel von Jack Bratich begegnet ist. Er spricht von Flashpublics, als “reminiscent of flashmobs, as flashpublics are designed to assemble people rapidly for an event. However, this flashcollective is specifically issue-oriented and more widely dispersed (as the eventual “meeting spot” itself is unknown and distributed). The flash of the flashpublic is a quick mobilization of attention and sharing towards a predefined political objective. It involves what Anna Gibbs calls an “affective contagion” tied to processes that early 20th century social theorists associated with sympathy, suggestion, even mass hypnosis.”

Dieses Konzept beschreibt meiner Ansicht nach treffend, wie Öffentlichkeit in sozialen Medien generiert wird. Digitale Öffentlichkeit hat etwas ereignishaftes und entsteht keineswegs nur da, wo sie intendiert ist. Nicht jeder der sich ein Publikum wünscht, findet es auch und nicht jeder der sich plötzlich in der öffentlichen Debatte wiederfindet, wollte dies auch so. Digitale Öffentlichkeiten haben Wirkungskraft, aber keine Stabilität und Kontinuität wie wir sie aus dem Fernsehen kennen, im Internet gibt es keine “gleiche Zeit, gleiche Welle, gleiche Stelle”.

Und wie finden wir das?

Spannend ist die Frage, wie diese Veränderung der Struktur der politischen Öffentlichkeit zu bewerten ist. Verliert die Zivilgesellschaft ihren öffentlichen Treffpunkt durch die Nutzung verschiedener Kommunikationskanäle oder gewinnt sie durch mehr Pluralität und niedrigschwellige Partizipation?

Hannah Arendt war  in einem entscheidenden Punkt mit Habermas nicht einer Meinung, der aus heutiger Sicht interessant sein könnte. Arendt sieht den Konsens nicht als Ziel der öffentlichen Debatte, sondern sah das Politische gerade im Konflikt, in der Pluralität von Meinungen, die nebeneinander existieren können. Die Kommunikationsmöglichkeiten des Internets haben das Netzwerk der Öffentlichkeit komplexer werden lassen – aber möglicherweise ist gerade diese Komplexität das, was unserer Gesellschaft heute gerecht wird.

Dieser Beitrag ist Teil der regelmäßig erscheinenden Blogartikel der Doktoranden des Alexander von Humboldt Institutes für Internet und Gesellschaft. Er spiegelt weder notwendigerweise noch ausschließlich die Meinung des Institutes wieder. Für mehr Informationen zu den Inhalten dieser Artikel und den assoziierten Forschungsprojekten kontaktieren Sie bitte info|a|hiig.de.

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