Die Open-Access-Bewegung ist längst im wissenschaftlichen Mainstream angekommen – Ob freier Zugang zur Wissenschaft grundsätzlich wünschenswert ist, wird mit einem nahezu einstimmigen “Ja!” beantworten. Im nächsten Schritt müssen nun Fragen nach dem “Wie?” beantwortet werden – Wie sieht eine gute und nachhaltige Open Access Praxis aus und wie kann offenes Publizieren für Forscher attraktiver gestaltet werden? Diesen und weiteren Fragen stellten sich am 3. September innerhalb der Veranstaltungsreihe “ABC des Freien Wissens” drei Experten mit jeweils unterschiedlicher Perspektive auf das Thema Open-Access-Publikationen.

Die Veranstaltung wurde aufgezeichnet und ist in voller Länge online verfügbar:

Als Chefredakteur der Online-Fachzeitschrift Internet Policy Review (hrsg. Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft) wusste Frédéric Dubois von den Chancen aber auch den Hürden eines sich ganz dem Open Access verschriebenen Journals zu berichten.

Lambert Heller, Leiter des Open Science Lab der Technischen Universtität Hannover, konnte nicht nur als Experte für Open Access und Wissenschaftskommunikation im Internet, sondern auch als Bibliothekar und Sozialwissenschaftler sprechen.

Christina Riesenweber, Koordinatorin von Open Journal Systems DE (OSJ-de), einer Open Source Software zur Verwaltung und Publikation von digitalen wissenschaftlichen Zeitschriften mit besonderem Augenmerk auf Open Access, komplettierte als dritter Gast das Podium.

Fachkundig durch die Diskussion führte Isabella Meinecke, Leiterin der Hamburg University Press, einem Verlag, welcher ebenfalls für frei zugängliche Publikationen steht.

Bevor sich auf die drängenden Fragen zur Zukunft der Publikationslandschaft gestürzt wurde, lieferte der Physiker Marc Wenskat mit einem Science Slam (in gewisser Hinsicht ja ebenfalls eine Form des wissenschaftlichen “Publizierens”) einen unkonventionellen und unterhaltsamen Einstieg in den Abend.

Open Access per Gesetz zum Grundsatz

Einen ersten inhaltlichen Input zum Thema des Abends gab Lambert Heller. Anhand einiger illustrativer Beispiele der letzten Jahre wird das Potenzial von Open Access verdeutlicht und dabei auch mit einigen Mythen aufgeräumt. So zeigen beispielsweise der Aufkauf des Open-Access-Verlags Biomed Central durch Springer, dass Open Access durchaus als lukratives Geschäftsmodell bestehen kann.

Soziale Netzwerke für Wissenschaftler wie ResearchGate machen desweiteren deutlich, dass wissenschaftliche Publikationen im Internet keinesfalls an das Modell der klassischen Fachzeitschrift angelehnt sein müssen. Stattdessen lohnt es sich, über den Tellerrand zu blicken und webnative Formate zu entwickeln.

Wissenschaftspolitische Initiativen wie die Open Access Agenda von Horizon 2020 deuten auf eine Entwicklung hin, in der Open Access auch per Gesetz in Europa fächerübergreifend zum Grundsatz wird.

Forschende im Zwiespalt

Der Erfolg von ResearchGate und Co. ist einerseits Indiz für den Wunsch von Forschern, ihre Arbeit zeitnah und möglichst frei zugänglich zu teilen. Und doch müssen Forscher anscheinend immer noch über Förderbedingungen wie bei Horizon 2020 zu ihrem “Open Access Glück” gezwungen werden. Heller zeichnete hier treffend das Bild eines Forschers, in dessen Brust zwei konkurrierende Herzen schlagen – den Drang zum freien Teilen und Vernetzen einerseits, das Bedürfnis, die eigene Forschung durch karrieredienliche Publikation in klassischen Closed-Access-Fachzeitschriften mit hoher Reputation “in Sicherheit zu bringen” andererseits.

Unterschiede zwischen den Disziplinen

Leichte Uneinigkeit bestand im Podium bezüglich der Frage, ob zwischen Fachgebieten hinsichtlich ihrer Offenheit für Open Access wesentliche Unterschiede bestehen und falls ja, wie sich diese erklären lassen. Sahen die einen eine Kluft in der technischen Affinität zwischen Natur-, und Geisteswissenschaftlern, welche durch die starke Kopplung von Open Access und IT zu einer geringeren Verbreitung von Open Access unter letzteren führe, wurde dies von anderer Seite angezweifelt und stattdessen auf die starke Dominanz einzelner weniger klassischer Journals wie beispielsweise der Fachzeitschrift Nature in den naturwissenschaftlichen Disziplin aufmerksam gemacht. Geisteswissenschaftler seien aufgrund ihrer kleinteiligeren Publikationslandschaft entsprechend eher geneigt, jetzt schon nach dem Open Access Prinzip zu publizieren. Zudem gäbe es auch Plattformen wie Hypotheses.org, die gerade unter Geisteswissenschaftlern beliebt seien. Mit der Frage nach der Stellung solcher Dienste in einzelnen Disziplinen (hier: den Digital Humanities) beschäftigt sich bereits die empirische Forschung, wie folgende Literaturempfehlung aus dem Podium zeigt.

Internet Policy Review – Ein Beispiel

Nicht zu unterschätzen ist ein nutzerfreundliches Design, welches zur Kollaboration einlädt und Offenheit kommuniziert. Die Relevanz der Design-Frage bestätigte auch Frédéric Dubois. Als der Internet Policy Review ins Leben gerufen wurde, existierten Open-Access-freundliche Open Source Repositorien bereits. Dennoch entschied man sich gegen die Nutzung dieser Dienste, und zwar u.a. zugunsten von mehr Flexibilität in Layout und Design. Institutionelle Repositorien sollten sich daher in dieser Hinsicht durchaus ein Beispiel an kommerziellen Plattformen nehmen. Die Angewiesenheit auf öffentliche Gelder sei hierbei keine Entschuldigung für schlechtes Design.

Auf der Suche nach Strategien, um die Open-Access-Veröffentlichung für Wissenschaftler attraktiver zu gestalten, lieferte Dubois eine weitere exemplarische Antwort: Der Internet Policy Review kombiniert Open Access mit sogenannter “Fast-Track-Veröffentlichung”. Die besondere Struktur des Journals (= kürzere Artikel, kürzeres Zeitfenster für das Peer-Review-Verfahren, freier Zugang, zugängliche Sprache) verhilft Wissenschaftlern in der Internetforschung zu einem der im ständigen Wandel begriffenen Forschungsgegenstand angemessenen Publikationsgeschwindigkeit. Die Anreizschaffung für Wissenschaftler muss also gegebenenfalls speziell auf die Publikationsplattform und Forschungsdisziplin zugeschnitten werden.

Als grundlegende Strategie wurden desweiteren Maßnahmen zur Steigerung des wahrgenommenen Renommées der Zeitschrift genannt. Durch die gezielte Rekrutierung “großer Namen” als Autoren für Open Access-Publikationen könnten quasi beide Forscherherzen befriedigt werden. In dieser Hinsicht scheinen sich aufstrebende Open Access Publikationsplattformen zu einem gewissen Grad dem gleichen Spiel um Anerkennung in der Wissenschaft unterwerfen zu müssen, wie klassische Closed-Access-Zeitschriften auch.

Bibliotheken und Verlage auf Konfrontationskurs

Ebenfalls in Kritik gerieten die großen Verlage wie Elsevier, Wiley und Springer. Besonderer Unmut äußerte sich aus Sicht der Bibliotheken – Die von den großen Verlagen geschnürte Zeitschriftenpakete, welche die Freiheit von Bibliotheken bei der Auswahl von Zeitschriften stark einschränken – wurden gar als “wissenschaftliche Schrotthalden” beschimpft. Zugespitzt gefragt: Haben diese Verlage noch eine substantielle Rolle zu spielen oder können die ursprünglich unabdingbaren aber mit den Jahren auch deutlich eingeschränkten Serviceleistungen von Verlagen längst, technisch unterstützt, ausgelagert werden? In puncto Peer-Review-Verfahren zeigen Dienste wie PubPeer.com jedenfalls schon jetzt, dass Qualitätssicherung auch dezentralisiert und öffentlich organisiert werden kann.

Aus dem Publikum steuerte Klaus G. Saur seine langjährige Erfahrung als Verleger bei und sieht nach der Jahrzehnte langen hartnäckigen Behauptung gegen Untergangsprophezeihungen die großen Verlage nun langsam bröckeln.

Jürgen Christof, Leiter der Universitätsbibliothek der Technischen Universität Berlin, wünschte sich angesichts dessen eine klare Ansage – In wessen Verantwortung sollen in Zukunft die klassischen Verlagstätigkeiten fallen? Und welches ökonomische Modell wird für Open Access favorisiert? Doch im Podium herrschte Einigkeit darüber, dass sich diese Frage (noch) nicht pauschal beantworten lässt. Verschiedene Open Access Modelle müssten parallel weiterentwickelt und getestet werden. Wichtiger als Einigung auf ein Modell sei, so Lambert Heller, dass die vielfältigen Ansätze der Open Access Praxis in Zukunft mittels gemeinsamer Standards auf einen Nenner gebracht werden.

Messbarkeit und Qualität

Dabei kristallisierte sich im Podium auch ein genereller Unmut über die Rolle von Reputation, Exklusivität und Hierarchie in der Wissenschaftskultur heraus. Harsche Kritik erfuhr in diesem Zusammenhang der Journal Impact Factor, welcher versucht, die Reichweite und Bedeutsamkeit einer Fachzeitschrift auf eine Zahl zu reduzieren – Die Open Access Bewegung bietet die Chance, mit solch vorherrschenden und dabei doch im Grunde genommen unwissenschaftlichen Gütekriterien aufzuräumen.

Doch wenn von einem Bedarf an gemeinsamen Standards die Rede ist, darf dies keinesfalls mit einem dem Open-Access-Prinzip in irgendeiner Weise inherenten Mangel an Qualität gleichgesetzt werden. “Ja, ich möchte in einem Open Access Journal publizieren aber meine Doktormutter hat gesagt, ich soll in ein renommiertes Journal gehen” – Für Christina Riesenwerber steht diese häufig getätigte Aussage für einen fatalen, aber in der Wissenschaftscommunity sehr beliebten Trugschluss: Zu viele Forscher glauben nach wie vor, sich zwischen Open Access und Reputation entscheiden zu müssen. Mit dieser falschen Dichotomie muss in der Wissenschaftskultur endlich aufgeräumt werden.

Die Veranstaltung fand im Rahmen der Reihe ABC des Freien Wissens unter dem Titel “J wie Journals – Welche Form des wissenschaftlichen Publizierens setzt sich durch?” bei Wikimedia Deutschland statt und wurde in Kooperation mit dem Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft organisiert.

Foto: Markus Büsges, leomaria (Wikimedia Deutschland e. V.) / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0

 

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