von Uta Meier-Hahn

“Es gibt keinen effizienteren Weg, die Internet-Infrastruktur eines Landes zu verbessern, als Internet Exchange Points.” – Michael Kende beim Internet Governance Forum 2012 in Baku

Es entspricht dem Selbstverständnis des Internet Governance Forums, dass Fragen zur Regulierung des Internets ganz oben auf der Agenda stehen – so auch dieses Jahr. Doch die in ihrer Zusammensetzung weltweit einzigartige Konferenz für Internet-Fragen hatte darüber hinaus ein offizielles Leitthema: die Rolle des Internets für nachhaltige soziale und ökonomische Entwicklung.

Wichtig für das Wachstum des Internets sei es, Internet Exchange Points weiter auszubauen und Daten zu lokalisieren – das bekräftigten Experten in mehreren Workshops. Um diese Empfehlung zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf das Prinzip der Internet Exchange Points, neuere Entwicklungen und regulatorische Begleitumstände.

Wettbewerber kooperieren am Internet Exchange Point

Internet Exchange Points sind Plattformen, über die mehrere Internet Service Provider (ISP) Traffic miteinander austauschen können. Das Prinzip entwickelt sich seit Mitte der 1990er-Jahre: Anstatt viele direkte Kabelverbindungen zu einander aufzubauen oder Leitungen über Dritte gegen Transitgebühren zu mieten, hat jede Partei nur eine Verbindung zum Internet Exchange Point. Dort werden die Daten bilateral übergeben. Der Datenaustausch passiert meist auf Peering-Basis. Das heißt: Es fließt kein Geld zwischen den ISPs, oft gibt es nicht einmal einen formellen Vertrag.[1] Die eigentlich miteinander im Wettbewerb stehenden Provider kooperieren an Internet Exchange Points, weil sie von der gemeinsamen Kostensenkung, höherer Bandbreite und geringer Verzögerung (Latenz) profitieren.

Flaggen-hissen-in-Baku-UN-Gelände

Die Flaggen von Aserbaidschan und der UN werden vor dem Expo-Gebäude in Baku gehisst.

Inhalte lokal lagern, kurze Wege für die Daten

Funktionierende Internet Exchange Points ziehen häufig Datenzentren von Inhalte-Anbietern nach sich. Das sind zum Beispiel lokale Anbieter wie Regierungen, Unternehmen mit beträchtlichen Mengen eigener Inhalte wie Google oder Facebook, aber auch sogenannte Content Delivery Networks (CDN) wie Akamai. CDNs arbeiten als Intermediäre. Ihr Geschäftsmodell besteht darin, Inhalte überregional zu verbreiten und vor Ort schnell zugänglich zu machen, indem sie Kopien der Daten auf lokalen Servern ablegen. [2]

Die Idee hinter den lokalen Datenzentren: Je dichter die Inhalte an die Konsumenten rücken, desto kürzer sind die Wege, desto schneller lassen sie sich ausliefern. Die geringe Verzögerung spielt besonders für anspruchsvolle Cloud-Services oder Video-Streaming eine Rolle – zwei Bereiche, in denen Unternehmen besonderes Wachstum beobachten, wie Robert Pepper, von Cisco betonte.

Aktuelle Entwicklungen

Eine aktuelle Studie [PDF] des Internet Systems Consortium beziffert den Trend: Innerhalb der vergangenen zehn Jahre ist die Anzahl von Internet Exchange Points weltweit jährlich um zehn Prozent gestiegen. Am meisten Internet Exchange Points würden derzeit in der Karibik aufgebaut, die wenigsten im Nahen Osten, führte Bill Woodcock aus, Forschungsdirektor bei Packet Clearing House. “Das spiegelt gewissermaßen den Grad der Frustration beziehungsweise der Geduld. Die Karibischen Länder hatten es wohl satt, ihre Datenströme über reichere Länder zu leiten und dafür zu bezahlen. Also bauen sie selbst Verbindungspunkte. Im Nahen Osten nimmt man die Transitgebühren offenbar in Kauf und tauscht die Inhalte zum Beispiel über Europa aus.”

Hemmnisse und Vorteile im regulatorischen Umfeld

Aus technischer Sicht stellen Internet Exchange Points eine Möglichkeit für effizientes Traffic Management dar. Doch beim Internet Governance Forum schilderten Beteiligte auch, welche Hemmnisse dem Ausbau von Internet Exchange Points entgegenstehen können. Michael Kende etwa, Autor der oben genannten ISC-Studie, betonte, dass sich Netzbetreiber heute sperriger zeigen als früher: “Sie sehen den Verkauf von Transit als Einnahmequelle und wollen nicht, dass sich die ISPs untereinander verbinden.”

Welche Umstände begünstigen dagegen die Entwicklung von Internet Exchange Points? Paul Wilson, Direktor von APNIC, der Internet-Registrierungsstelle für die Asien-Pazifik-Region, meint, der Antrieb müsse “von unten” kommen. Wenn Gruppen ihr gemeinsames Interesse entdeckten und in Form einer Non-Profit-Organisation verfolgten, entstünden professionelle Verbindungen weit über das Technische hinaus. Internet Exchange Points zum Erfolg zu verhelfen, hat insofern auch mit Capacity Building zu tun – und mit Selbstverwaltung: “Die Entscheidungsmacht über die Struktur sollte bei denjenigen liegen, für die der Austausch vorteilhaft ist, also den ISPs und anderen Peers”, argumentiert Wilson gegen die Beteiligung von Regierungen im Exchange-Point-Geschäft. Das Beste, was Staaten tun könnten, sei den Zusammenschlüssen möglichst wenig Bürokratie entgegenzustellen.

Internet Exchange Points befördern Kooperation unter Wettbewerbern. Sie steigern Bandbreite, ermöglichen ein schnelleres Internet und senken Kosten, indem sie lokale Abhängigkeiten von Transit-Leitungen mindern und einen Dialog über Versorgung, Technik und Regulierung ermöglichen. Indem sie all diese Prozesse anstoßen, können Internet Exchange Points der Gesellschaft dienen. Und damit sind wir wieder beim Ausgangsthema.

Hinweis: Das Internet Governance Forum ist sehr gut dokumentiert. Video-Mitschnitte von allen Panels und Workshops finden sich unter http://webcast.igf2012.com/ondemand.

[1] Mehr als 99 Prozent aller Transfers passieren laut Bill Woodcock, Forschungsdirektor bei Packet Clearing House, informell auf Peering-Basis. Beim Peering leiten ISPs die Daten ihrer Partner wechselseitig kostenlos über die eigenen Netze. Das Gegenmodell, bei dem Internet Service Provider oder Netzwerk-Operatoren für das Durchleiten der Daten Geld verlangen, heißt “Transit”.

[2] Am größten deutschen Internet Exchange Point in Frankfurt kooperieren mehr als 480 Parteien auf diese Weise miteinander. Internet Service Provider wie 1&1 oder die Deutsche Telekom Daten tauschen hier Daten mit Inhalte-Anbietern wie Facebook, Microsoft oder auch Akamai aus. Aktualisiert zum Beispiel ein 1&1-Kunde sein Windows-Betriebssystems, kommt das Update mutmaßlich nicht von den Servern der Firmenzentrale in Redmond, sondern aus einem Datenzentrum in Deutschland.

Dieser Beitrag ist Teil der wöchentlichen Blogartikel der Doktoranden des Alexander von Humboldt Institutes für Internet und Gesellschaft. Er spiegelt weder notwendigerweise noch ausschließlich die Meinung des Institutes wieder. Für mehr Informationen zu den Inhalten dieser Artikel und den assoziierten Forschungsprojekten kontaktieren sie bitte presse|a|hiig.de.

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