Das Arbeiten in der Crowd auf virtuellen Plattformen entwickelt sich zu einem erkennbaren Arbeits- und auch Geschäftsmodell im Internet. Die Plattformen, die in den letzten Jahren entstanden, haben trotz vielerlei Unterschiede eines gemeinsam: Die Arbeitskraft und der Einfallsreichtum der Crowd wird genutzt, um quasi aus dem Stand heraus tausende von freien Produzenten und ihre verfügbaren Kapazitäten an Infrastruktur, Wohnraum und Fahrzeugen etc. auf den Markt zu bringen, um so auch zu Konkurrenten der traditionellen Industrien zu werden. Dies schafft in der Regel einzigartige und zerstörerische Situationen am Markt, da hier nun von einem Tag auf den anderen nicht nur Arbeitszeiten von Nutzern sondern auch deren bisher kommerziell ungenutzte Vermögenswerte über entsprechende Plattformen auf den Markt kommen (Uber, Airbnb, …). Diese konkurrieren mit bisherigen Anbietern in der Transport-, Hotel- und Medienbranche durchaus erfolgreich, da diese Plattformen oft mit hohem Engagement der zum Mikrounternehmer mutierten Crowdworker, geringeren Gemeinkosten, hoher Flexibilität und innovativen Kundenschnittstellen agieren können.[1]

Für die Gewerkschaften scheint der Umgang mit Plattformen der Arbeit der freien Produzenten nicht einfach. Ursache ist die Unschärfe eines sich ändernden Verständnisses von Arbeit sowie von Organisation von Arbeit, welche die bestehenden Kategorien immer öfter überschreitet: Viele Crowdworker bleiben zunächst Mitglieder der traditionellen Unternehmen und betrachten die Arbeit auf P2P- und natürlich auch auf kommerziellen Plattform eher als eine „Zusatzbeschäftigung“, mit der sie Geld verdienen können und vor allem aber auch neue Fertigkeiten erlernen und Spaß haben.[2] Gewerkschaftliche Strategien, die versuchen dieses Phänomen zu erfassen, müssen sich einerseits auf den heterogenen Charakter der Crowdworker als auch auf die Andersartigkeit der Organisierbarkeit dieser Zielgruppe einlassen bzw. neue kompatible Strategien für diese entwickeln.

In einer aktuellen Studie des Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft (HIIG) wurde mittels Befragungen und einem Ideenwettbewerb untersucht, welche Erwartungshaltung Crowdworker an eine Gewerkschaft formulieren. Wenn die Crowdworker an gewerkschaftliche Unterstützung denken, dann eher an bereits heute wahrgenommene Aufgaben wie etwa der Beratung.[3] Dass Gewerkschaften auch zugetraut wird, eine neutrale bzw. konfliktvermittelnde Rolle einzunehmen, mag den Gewerkschaften Anreiz sein, ihr traditionelles Angebot und ihre Fähigkeiten weiterzuentwickeln. Überraschend in diesem Zusammenhang ist die Erkenntnis, dass die Crowd die Offenlegung und Zertifizierung der Algorithmen von Plattformen stark favorisiert. Bedenkt man allerdings die zentrale Rolle von Algorithmen in der Steuerung der Crowdworker, so ist diese Forderung mehr als verständlich. Um diese Rollen einzunehmen, müssen Gewerkschaften die Mechanik und Algorithmen der Plattform genauso gut verstehen wie die heutigen Unternehmensprozesse und IT-Lösungen. Diese Fähigkeiten wiederum könnten dann zu einer Zertifizierung der Plattformen durch die Gewerkschaft genutzt werden, welche von knapp einem Drittel der Befragten befürwortet wird. Ein in der Befragung ebenfalls auftauchendes Thema ist die Entlohnung für Crowdarbeit und eine verbesserte Lobbyarbeit. So sollte eine Gewerkschaft laut Aussagen der Befragten etwa an der Entwicklung eines Systems für die Ermittlung eines „fairen“ Stundenlohns beitragen oder auch Öffentlichkeits- und Lobbyarbeit für Crowdworker betreiben.

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Abbildung 1: Beitrag für den ver.di-Crowdstorm auf jovoto (orangerender)

Jedoch knapp ein Drittel der Befragten erwarten heute nicht, dass Gewerkschaften die Rahmenbedingungen ihrer Arbeit verbessern. Dies kann vielerlei Gründe haben: Gewerkschaften sind in diesem für sie neuen Gebiet noch nicht offensiv und offensichtlich tätig geworden, sodass hier weitreichende Erfahrungen fehlten.Die Befragten empfinden sich möglicherweise nicht als „typische“ Klientel der Gewerkschaften, die sich ihrerseits überwiegend noch nicht als authentische Vertretung oder Community der Crowdworker präsentieren. Außerdem agieren die meisten der Befragten auch noch nicht lange auf den jeweiligen Plattformen: Erfahrungen deuten darauf hin, dass sich Kritik und das Bewusstsein für Asymmetrien erst nach einer gewissen Zeit einstellen.

Fazit

Einiges spricht dafür, dass Crowdworking eine immer größere Relevanz erlangen wird und dass auch Unternehmen beginnen werden, Arbeitnehmer auf derartige Plattformen auszulagern. Gewerkschaften werden sich somit der Thematik stellen müssen, wie sie mit dieser Zielgruppe umgehen werden, die von den Eigenschaften her wohl eine Mischung aus abhängigen Arbeit-nehmern, aber auch Mikrounternehmern darstellt. Die in der Studie erzielten Ergebnisse zeigen mit aller Deutlichkeit, dass ein gegenseitiges Bewusstsein durchaus vorhanden ist. Es gilt nun dieses Bewusstsein zu schärfen und die Beziehungen zur (noch) neuen Zielgruppe zu intensivieren.

Dieser Beitrag ist Teil der regelmäßig erscheinenden Blogartikel der Doktoranden des Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft. Er spiegelt weder notwendigerweise noch ausschließlich die Meinung des Institutes wieder. Für mehr Informationen zu den Inhalten dieser Beiträge und den assoziierten Forschungsprojekten kontaktieren Sie bitte info|a|hiig.de.


Fußnoten

[1]Vgl. Manjoo (2015)
[2]So arbeiten etwa nach wie vor 31 Prozent aller Fahrer der Uber-Plattform auch noch in einem traditionellen Taxiunternehmen (Hall, J.; Krueger, A. 2015: 10).
[3]So organisiert ver.di seit 15 Jahren Selbstständige – darunter auch Crowdworker – und berät sie unter www.mediafon.net. Aber erst seit 2015 adressieren die IG Metall mit http://www.faircrowdwork.org/und ver.di mit http://www.ich-bin-mehr-wert.de/support/cloudworking speziell die Crowdworker. Eine Mitgliedschaft ist Selbstständigen (Crowdworkern) in der IG Metall ebenfalls seit 2015 möglich.

Quellen

  • Al-Ani, A.; Stumpp, S. (2015): Motivationen und Durchsetzung von Interessen auf kommerziellen Plattformen. Ergebnisse einer Umfrage unter Kreativ- und IT-Crowdworkern. HIIG Discussion Paper Series No. 2015-05, SSRN.
  • Hall, J.; Krueger, A. (2015): An Analysis of the Labor Market for Uber’s Driver Partners in the United States. IRS Working Papers No 587, Princeton: Princeton University.
  • Manjoo, F. (2015): Uber‘s Business Model Could Change Your Work. In: New York Times, 28.1.2015.
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