Geschrieben von Sönke Bartling und Sascha Friesike.

Es ist gut, dass über eine Verjährungsfrist für Plagiate diskutiert wird. Denn schon lange geht es bei den Plagiatsaffären um etwas anderes als eine wissenschaftliche Inhaltsdiskussion. Sie sind zu einer Waffe geworden, um erfolgreichen Personen Steine in den Weg zu legen, um ihre Glaubwürdigkeit zu diskreditieren. Bei dem, was vorgebracht wird, ist man schnell versucht, zuzustimmen, aber lassen wir uns einmal auf Folgendes ein:

Viele Politiker und Manager haben zu einer Zeit abgeschrieben, als es für sie nicht wahrscheinlich erschien, dass dies jemals herauskommen könnte. Die Entwicklungen des Internets und die damit verbundene Vergleichbarkeit von Texten hatten sie nicht auf dem Schirm. Sie haben gut geschriebene Texte aus verfügbaren Quellen übernommen und sie als ihre eigenen verkauft. Sie wollten besonders glänzen oder sich schlicht Arbeit sparen. Die bestehenden Texte zu zitieren, hätte ihre eigene Leistung geschmälert. Daher entschieden sie sich wissentlich für eine unzulässige Form der Nachnutzung. Oftmals finden sich die übernommenen Textstellen in der Einleitung oder dem Hintergrund, also in Teilen der Arbeit, die eigentlich nicht das wissenschaftliche Ergebnis enthalten. Wenn sie den Text einfach umgeschrieben hätten, und zwar stärker als ein paar Wörter zu vertauschen, wären sie wahrscheinlich nie aufgeflogen. Hätten sie dann mehr geleistet? Wären sie dann vertrauenswürdiger?

Selten geht es in den Plagiatsaffären um eine inhaltliche Diskussion – von wem stammen die Ideen, die Konzepte, die Ansätze? Was hat der Doktorand beigetragen? Was ist hier wirklich neu? Was hat die Wissenschaft weiter gebracht? Nein, plagiieren wird auf das wortwörtliche, nicht zitierte Abschreiben von Texten reduziert. Dies ist am einfachsten zu detektieren und es kann kaum etwas dagegen gesagt werden.

In den Plagiatsfällen wurde falsch zitiert. Darüber besteht kein Zweifel. Doch müssen wir uns fragen, warum so viel Wert darauf gelegt wird, dass bereits gut Geschriebenes, neu entworfen werden muss. In der Softwareentwicklung werden funktionierende Zeilen Quellcode auch immer wieder verwendet. Man muss das Rad nicht ständig neu erfinden. Eine Einleitung beispielsweise trägt nicht zum wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn einer Doktorarbeit bei, sondern zur Einordnung in ein Feld. Wörtliche Zitate gelten jedoch auch hier als unfein und sollen sparsam verwendet werden. Und so stehen viele Doktoranden in ihrer Einleitung vor dem Dilemma, etwas in neuen Worten ausdrücken zu müssen, das schon oft beschrieben wurde. Besonders absurd wird es, wenn in einer Forschungsgruppe mehrere Generationen an Doktoranden zu einem Thema promovieren. Irgendwann sind die möglichen Formulierungen, um das gleiche zu sagen, erschöpft. Manchmal wird angeführt, dass eine gute, selbst geschriebene Einleitung ein Ausdruck davon ist, wie intensiv sich ein Doktorand mit einem Thema auseinander gesetzt hat. Ein mitunter fraglicher Zusammenhang, der je nach Feld mehr nach Fleißarbeit als nach dem Gewinn von Erkenntnis klingt.

Jetzt haben wir also wieder eine Plagiatsaffäre und müssen uns langsam mal die Frage stellen, ob hier nicht strukturell etwas im Argen liegt. Geht es bei einer Doktorarbeit vielleicht gar nicht so sehr um Erkenntnisgewinn? Geht es bei einer Doktorarbeit vielleicht um etwas ganz anderes? Die Doktorarbeit ist zu einem Instrument geworden, um Fleiß, Konformität, Engagement und Ausdauer zu signalisieren. So wie Marathonläufer ihre Zeiten in soziale Netze posten, um anderen zu signalisieren, wie sportlich sie sind. Es gibt den Witz, dass man nicht zu einem Zahnarzt gehen sollte, der keinen Doktortitel hat, denn wer nicht einmal das Engagement hat, fünfzig Seiten Text zu produzieren, kann es mit dem Job nicht sonderlich ernst meinen.

Eine Dissertation ist eigentlich die Befähigung zum selbstständigen wissenschaftlichen Arbeiten. Wer promoviert ist, kann also wissenschaftliche Studien durchführen. Was haben wir davon, dass unser Zahnarzt diese Fähigkeit auf sein Klingelschild schreiben darf? Oder andersherum, warum soll der Zahnarzt wissenschaftlich arbeiten müssen, um Vertrauen und Engagement zu signalisieren? Warum schreibt man etwa einem Unternehmensberater mit Doktortitel eine größere Expertise darin zu, ein Unternehmen zu beraten?

Wenn Doktorarbeiten also geschrieben werden, um sich mit dem Titel Vorteile jenseits der Wissenschaft zu verschaffen, dann ist es nicht verwunderlich, dass einige Autoren es mit dem wissenschaftlichen Ethos nicht ganz so genau nehmen. Wenn man will, dass in Doktorarbeiten Wissen geschaffen wird, dann sollte man damit anfangen, sie von Leuten schreiben zu lassen, die tatsächlich etwas herausfinden wollen.

Aktuell findet der wissenschaftliche Diskurs in vielen Fächern in Fachpublikationen und nicht in Doktorarbeiten statt. Zwar gibt es vermehrt den Trend mehrere Fachpublikationen zu einer Doktorarbeit zusammenzustellen, doch ist dies nicht flächendeckend üblich und oftmals müssen trotzdem noch seitenlange Fleißarbeiten beigefügt werden. In den Plagiatsaffären geht es eigentlich immer um Monographien, also zusammenhängende Schriften, die nie in einer Fachzeitschrift erschienen sind. Für den wissenschaftlichen Diskurs sind diese Arbeiten nicht selten irrelevant. Und so sind Monographien eine ganz eigene Textgattung, der nachgesagt wird, dass sie fast niemand liest. Selbst betreuende Professoren geben unter vorgehaltener Hand zu, ihr Studium schon mal auf die Zusammenfassung, die Diskussion und das Literaturverzeichnis zu beschränken. Familienangehörige lesen die Arbeit möglicherweise, oder der nachfolgende Doktorand. Und Jahrzehnte später vielleicht ein Plagiatsjäger.

Es fließt viel Mühe in die Produktion dieser Monographien, die dann kaum jemand zur Kenntnis nimmt. Der Kontext wird auf besonders komplexe und »wissenschaftliche« Art beschrieben, es werden nur positive Ergebnisse aufgeführt und aktuell gültige Ansätze, statistische Methoden und Sichtweisen verwendet. Einfache, prägnante Werke sind als »unterkomplex« verschrien. Negative Resultate verschwinden im Mülleimer. Neue und innovative Herangehensweisen gelten als »zu avantgardistisch«. Für die Wissenschaft als Ganzes ist das überschaubar hilfreich.

Wir glauben, dass die neuerliche Plagiatsaffäre eine gute Gelegenheit ist, mal über unser Promotionssystem zu sprechen. Denn die Affäre ist lediglich die Manifestation falscher Anreize, die uns wissenschaftlich nicht weiterbringen. Sie ist das Symptom und nicht die eigentliche Krankheit. Wenn die Diskussion in die richtige Richtung gelenkt würde, dann könnte sie sehr nützlich sein, die Forschung weiterbringen und nicht lediglich für »rollende Köpfe« sorgen:

  1. Die Motivation einen Doktortitel zu erwerben sollte besser mit der Motivation verknüpft werden, wissenschaftliches Arbeiten zu erlernen. Der Titel sollte nicht zum Selbstmarketing in anderen, wissenschaftsfernen Bereichen gefordert werden. Eine Doktorarbeit sollte nicht zum Selbstzweck und vorbei am wissenschaftlichen Diskurs erstellt werden. Um dies zu erreichen, müsste der Stellenwert eines Doktortitels ausserhalb der Wissenschaft sinken.
  2. Die Relevanz von Monographien zur Kommunikation von Forschungsergebnissen ist von Fach zu Fach unterschiedlich. In etlichen Disziplinen haben sie ausgedient. Wichtige Inhalte werden dort in Fachzeitschriften publiziert. Inhalte, die nicht in Fachzeitschriften publiziert werden, sollten online und open access veröffentlicht werden. Monographien, die niemand liest, sollten erst gar nicht geschrieben werden.
  3. Der wissenschaftliche Erkenntnisgewinn, Ideen, Innovation und Ergebnisse, sollten auf dem Prüfstand stehen, nicht die Form oder die Wortwahl. Es sollte mehr Wert darauf gelegt werden, dass eine Arbeit eine wissenschaftliche Wirkung hat als sich darum zu kümmern, dass sie möglichst kompliziert klingt.
  4. Wir brauchen mehr Akzeptanz von negativen Resultaten. Gute Ansätze mit negativen Ergebnissen sind besser als notgedrungen Zusammengeschustertes. Eine Idee, die ihr gewünschtes Ergebnis nicht lieferte, sollte genauso bewertet werden wie erfolgreiche Versuche. Tun wir das nicht, weiß niemand davon und später versucht ein anderer Forscher andernorts erfolglos das Gleiche.
  5. Wortwörtliche Wiederverwendungen dürfen nicht kategorisch als fleißlos gelten. Wer eine Arbeit in einem Gebiet schreibt, zu dem es schon viel Material gibt, sollte sich daran bedienen dürfen. In Einleitungen oder Methodenparagrafen sollte man wörtlich übernehmen dürfen. Selbstverständlich unter Angabe der Quellen.
  6. Zusammen mit einer Doktorarbeit sollten die zugrundeliegenden Datensätze publiziert werden. Erst wenn dies der Fall ist, können die Ergebnisse nachvollzogen werden. Sicherzustellten, dass diese stimmen, ist für den Erkenntnisgewinn viel wichtiger als zu zeigen, woher Textbausteine in der Einleitung stammen. Replikationsstudien werden hoffentlich die heutigen Plagiatsjäger ersetzen. Außerdem eröffnet die Publikation von Primärdaten die Möglichkeit diese in einem anderen Kontext wieder zu nutzen.

Für manch Einen mögen diese Punkte drastisch erscheinen, aber die Zeiten ändern sich und die Vielzahl an Plagiatsaffären der letzten Jahre sollte Grund genug sein, darüber wenigstens zu sprechen.

Statt einen Plagiatsfall nach dem anderen durch die Presse zu treiben, sollten wir mal darüber sprechen, in welchem System es zu all diesen Fällen kommen konnte. Lasst uns das Momentum nutzen, um zu überlegen, wie wir unsere Forschungskultur aktualisieren können, statt Exempel an Menschen zu statuieren, die gemacht haben, was viele zu ihrer Zeit taten. Es wird immer »Performer« geben, die tun, was gerade von Ihnen verlangt wird. Das ist in Ordnung, aber in der Forschung brauchen wir Querköpfe, Querulanten und Fragensteller, die nicht ihre Doktorarbeit schreiben, um anderswo etwas zu signalisieren. Neues entsteht nicht in einem Korsett aus überholten Konventionen und Tradition, sondern wenn man den Mut hat, die Spielregeln in Frage zu stellen.

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