Nihil sub sole novum?

Gibt es nicht neues unter der Sonne, ist alles schon gedacht und gesagt worden? Naja. Die von John Perry Barlow 1966 veröffentlichte Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace hat wohl dazu beigetragen, dass das Internet gerade als etwas Neuartiges wahrgenommen wurde, als Raum, in dem herkömmliche, staatliche Kategorien wie Eigentum, Identität und örtlicher Kontext keine Rolle mehr spielen. Dieses Bild war zwar nicht völlig ephemer, aber allmählich wurde klar, dass Code selbst eine Art Regulierung ist („code is law“), den es zu regulieren gilt. Und deshalb: Fragen nach Regulierung des Internets, seiner politischen Dimension und Infrastruktur werden weiter lebhaft debattiert, wie das Early Stage Researchers Colloquium 2013 zeigte.

Governance von und durch Gourmets – was das Internet vom Weinanbau lernen kann

Jeanette Hofmann und Wolfgang Schulz demonstrierten eingangs anhand eines Fallbeispiels aus dem Bereich des Weinanbaus, wie kulturelle Einflüsse den Modus der (Selbst-)Regulierung prägen und welchen Einfluss sie auf Qualität ausüben. Wein sei früher tief in der katholischen Liturgie verankert gewesen und Teil des täglichen Lebens. Als „drink of moderation“ sei er sogar zum Frühstück getrunken worden. Die spezifische Rolle des Weins konnte in Frankreich zur Winzerrebellion im Languedoc von 1907 führen. Überproduktion und Rebkrankheiten führten die Winzer damals in die Krise. Der französische Süden organisierte sich und unter dem Druck der Ereignisse konnte ein Gesetz gegen gepanschte Weine erreicht werden, der den Markt mit den neuen Konkurrenzbedingungen überschwamm. In den USA sei eine solche Rebellion um der Qualität willen nicht möglich gewesen. In den USA galt Wein als „intoxicating liquor“. Die Alkoholprohibition hätte dafür gesorgt, dass sich ein Anbau hochwertiger Weine (damals) nicht hat entwickeln können. Ein gutes Beispiel der Qualitätssicherheit sei für Deutschland die Ko-Regulierung durch den privaten Verband der Prädikats- und Qualitätsweingüter (VDP) einerseits und die amtliche Qualitätsweinprüfung andererseits. Hier seien Vorbilder der Selbstregulierung und des Multi-Stakeholder-Ansatzes zu erkennen. Auch die Vor- und Nachteile seien ersichtlich: Expertise kann zielführend eingebracht werden, Vertreter seien aber eben oft auch nicht an einem ganzheitlichen Ansatz interessiert, sondern ihrem Interessenbereich verplichtet. Markteintrittsbarrieren und Innovationsstau könnten die Folge sein.
Die Referenten schlossen mit der Einsicht, dass die kulturelle Einbettung für das Verständnis von Internet Governance elementar sei. Das Internet sei eben kein neues „unique thing“, weshalb alte Erfahrungen – hier aus dem Weinbau – für die Internetforschung doch fruchtbar gemacht werden könnten.

Chilling Effects in a Chilly Climate

In der ersten Session diskutierten Judith Townend, Stephan Dreyer und Julian Staben den Einfluss des Rechts auf das Onlineverhalten. Die aus Großbritannien angereiste Townend illustrierte anhand statistischer Auswertungen und Befragungen, wie das britische Gesetz gegen Beleidigung und Verleumdung mit seinem Klagesystem einen negativen selbstbeschränkenden Effekt auf das Publikationsverhalten von Journalisten hat. Dreyer setzte bei der Steuerungstheorie an, um mit analytischen Kategorien solche „chilling effects“ zu untersuchen und konnte mit ihnen zeigen, dass diese auch von privaten Akteuren, Codes und Algorithmen ausgehen können. Insgesamt zeigte die Session, dass mit der gestiegenen Bedeutung von Abschreckungseffekten auch in einem Umfeld umgegangen werden muss, in der sich die Rolle des Rechts stetig wandelt.

Does the Internet have what it takes to be political?

Wie Formen von Online-Aktivismus aus sozialwissenschaftlicher, medienwissenschaftlicher und philosophischer Perspektive neu reflektiert werde können, war die Frage der zweiten Session, die Theresa Züger mit Sprechern aus Israel, Italien und Frankreich moderierte. Nir Yamin nutzte die Theorie von Olson (1965) über kollektive politische Aktion, um Handlungen, etwa das Unterzeichnen einer Online-Petition, zu verteidigen. Solche Aktionen werden auf Grund der niedrigen Beteiligungsschwelle zum Teil pejorativ als „Slacktivism“ (Kofferwort aus ’slacker‘ = Faulpelz und ‚activism‘) bezeichnet . Nach Yamin könne der „Slacktivism“ dazu beitragen, die Hürden des politischen Protests abzubauen, da Kosten und Informationsasymmetrien der Beteiligten abgebaut werden könnten. Carlo Milani und Vivien Garcia wiesen, inspiriert durch den Wittgensteinschen Begriff der „Familienähnlichkeit“, auf das sprachliche Phänomen hin, dass verschiedene Formen von Online-Aktivismus ähnliche Symbolbegriffe benutzten wie z.B. „Freedom“. Eine genaue Betrachtung nicht nur der semantischen Unterschiede sei daher geboten.
Moritz Queisner richtete die Aufmerksamkeit auf den Ort der politischen Aktion. Diese sei traditionell mit körperlichen und lokal sichtbaren Handlungen verknüpft. Über den Umweg der 90er-Jahre, in denen der Cyberspace als „non-space“ verstanden wurde, erklärte Queisner ob der neuen Möglichkeiten rund um Ortung, Tracking und Geo Data die „rebirth of space“.

(Net) to be or not to be?

In der Session über die Internetinfrastruktur mit Uta Meier-Hahn wurde klar, dass die Forschung hier erst am Anfang steht. Moran Yemini bereicherte die „völlig untertheoretisierte“ Debatte um Netzneutralität mit Ideen aus der Politischen Theorie. Der Ansatz sei, sich über Normen und Werte zu verständigen, die für Informations- und Kommunikationssysteme gelten sollten. Meinungsfreiheit verkörpere etwa einen gesellschaftlichen Wert – unabhängig davon, ob jemals alle Bürger eine internetbasierte Innovation hervorbrächten. Wirtschaftliche Argumentationen rund um Innovation prägten derzeit jedoch die Debatte um Netzneutralität. Die in offenen WLAN für die Betreiber lauernde Gefahr der Störerhaftung („secondary liability“), wenn Dritte aus diesem W-LAN Schaden verursachen, erörterte Roberto Yanguas. Exemplarisch sah der Jurist Lösungsansätze in technologischer Regulierung wie Verschlüsselung “out of the box” und transparenteren AGB für die Provider.
Ben Wagner referierte zu eben diesem Trend der technischen Regulierung. Die Architektur des Internets werde maßgeblich durch die Codes in privaten IT-Produkten, Algorithmen und den technischen Standards bestimmt. Regulierer nähmen zunehmend Einfluss. Wagner sensibilisierte das Publikum in seinem Vortrag für die defizitäre Transparenz und demokratische Kontrolle im Bereich dieser technischen Regulierung.

Das Early Stage Researchers Colloquium 2013 hat deutlich gemacht: Das Internet hat die Welt zwar revolutioniert, ist aber evolutiv gewachsen. Governance-Realitäten sind älter als ihre Konzeptionen, alte Konfliktmuster sind geblieben und müssen weiterhin debattiert und gelöst werden. Das Internet ist eben „just the same, but completly different“.

Dieser Beitrag ist Teil der regelmäßig erscheinenden Blogartikel der Doktoranden des Alexander von Humboldt Institutes für Internet und Gesellschaft. Er spiegelt weder notwendigerweise noch ausschließlich die Meinung des Institutes wieder. Für mehr Informationen zu den Inhalten dieser Artikel und den assoziierten Forschungsprojekten kontaktieren Sie bitte info|a|hiig.de.

 

Share

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.