Ziviler Ungehorsam – davon hat man schon mal gehört. Man könnte an Martin Luther King denken, an Gandhi oder diese Menschen, die sich an Bahnschienen ketten wenn wieder ein Castortransport durchs Land fährt. Aber digitaler ziviler Ungehorsam, was soll das sein?

Eine derzeit gängige Erklärungsmethode ist die, das bisherige Konzept, das wir von zivilem Ungehorsam haben, schlicht auf das Internet zu übertragen. Ungefähr so: “Menschen, die früher auf den Straßen eine Sitzblockade abgehalten haben, die sitzen jetzt im Internet.” Merkt man was? Klingt irgendwie schief. Der Ausgangsgedanke meiner Arbeit ist, dass diese 1:1 Übertragung so einfach nicht funktioniert, da das Internet seine Eigenheiten hat, sowohl von seiner Infrastruktur, als auch von den Handlungsmustern, die sich durch die Internetnutzung selbst neu ergeben.

Das heißt aber nicht, dass es so etwas wie digitalen zivilen Ungehorsam nicht gibt, ganz im Gegenteil. Davon geht meine Arbeit aus, doch ich bin der Meinung, dass man ihn nicht dadurch versteht, dass man unser (Halb-)wissen aus der Offlinewelt auf die Onlinewelt überträgt, sondern diesem Phänomen eine tiefergehende Betrachtung schenkt. Durch die Eigenheiten des Internets eröffnen sich viele neue Fragen, z.B. wann und ob Online-Aktivismus gewaltsam ist und was es im Internet bedeuten soll, wenn eine politische Handlung Öffentlichkeit fordert.

Fangen wir also mal anders an: Bei Virtuellen Sit-Ins, DDoS und Co.

Möglicherweise hat man schon mal von einer so genannten DDoS-Aktion gelesen (oder DDoS-Attacke, was dem ganzen noch einen aggressiveren Anstrich gibt). Zu Deutsch eine “verteilte Dienstblockade”. Diese entsteht dadurch, dass von vielen Computern gleichzeitig eine Serveranfrage versendet wird. Zum Beispiel indem man eine Internetseite aufruft und der Server bei einer zu hohen Anzahl von Anfragen überlastet ist und seinen Dienst kurzfristig einstellt, weshalb die Webseite für diesen Zeitraum nicht mehr verfügbar ist. Das wird seit einigen Jahren gerne aus wirtschaftlichen Interessen gegen Firmenwebsites praktiziert, wo es es eine eindeutig kriminelle Dimension hat. Es gibt aber auch Fälle, in denen solch eine Aktion politische Hintergründe hat und einen Protest zum Ausdruck bringen soll. In diesen Fällen, aber auch bei anderen Formen der Protestäußerung im Internet, wird in den letzten Jahren sehr häufig der Begriff des zivilen Ungehorsams ins Spiel gebracht, denn schließlich ist eine solche ‘Online-Demonstration’ wie Aktivisten sie bezeichnen, in Deutschland als ‘Computersabotage’ strafbar.

Was genau steckt hinter ‘zivilem Ungehorsam’?

Der zivile Ungehorsam ist ein sehr kontrovers diskutierter Begriff. Eine eindeutige Definition ist schwer auszumachen, da verschiedene Defintionen unterschiedliche Elemente als Bedingung für zivilen Ungehorsam verstehen und vor allem die Legitimation unterschiedlich hergeleitet wird. Robin Celikates, der sich in der politischen Philosophie eingehend mit dem Phänomen des zivilen Ungehorsams auseinander gesetzt hat, formuliert dessen Minimaldefinition als „absichtlich rechtswidriges und prinzipienbasiertes kollektives Protesthandeln, mit dem das Ziel verfolgt wird, bestimmte Gesetze und politische Maßnahmen zu verändern (zu verhindern oder zu ›forcieren‹).” (hier: S. 280)

Darüber hinaus ist ‘ziviler Ungehorsam’ ein Legitimations- und Schutzbegriff, man verbindet mit ihm also eine moralische Rechtfertigung für sein Tun. Genau das passiert auch wenn, der Begriff mit digitalen Protestaktionen in Verbindung gebracht wird: man versucht, sie damit zu rechtfertigen und von kriminellen Taten zu unterscheiden – mit variierendem Erfolg.

Wie schreibt man darüber eine Doktorarbeit?

Meine Dissertation bewegt sich zwischen den Disziplinen der Medienwissenschaft und der politischen Philosophie. Ausgangspunkt meiner Überlegung ist die Frage, durch welche Kriterien sich digitaler ziviler Ungehorsam kennzeichnen lässt und welche Legitimationsstrategien begründbar sind. Um das herauszufinden, beschäftige ich mich derzeit mit bestehenden Theorien zu zivilem Ungehorsam und vor allem mit Hannah Arendts Ansatz und ihrer politischen Theorie, da diese die theoretische Grundlage meiner Arbeit sein wird. Natürlich werde ich mir auch verschiedene Phänomene, die als digitaler ziviler Ungehorsam beschrieben werden, genau ansehen. Die Bandbreite dabei ist groß und reicht von kurdischen Tweets, über Aaron Schwarz bis hin zu Anonymous. Beispielhafte Fälle möchte ich qualitativ empirisch untersuchen und mithilfe der durch Arendt inspirierten Definition eine Einordnung in intersubjektiv nachvollziehbare Kategorien erarbeiten. Diese sollen dabei helfen digitalen zivilen Ungehorsam durch klare Merkmale zu definieren und seine Legitimationsstrategien zu diskutieren. Neben einer kritischen hermeneutischen Auseinandersetzung mit philosophischen Textquellen werden vor allem qualitative sozialwissenschaftliche Methoden zum Tragen kommen. Journalistische Textquellen sowie Experteninterviews mit involvierten Akteuren möchte ich mit einer qualitativen Inhaltsanalyse auswerten und narrativen Interviews mit Aktivisten durch Ansätze der Positioning-Analyse nach Bamberg und Deppermann.

Interessant? Dann lass es mich wissen!

Ein Blogeintrag kann nicht mehr sein als ein Appetithappen. Einen weiteren Bissen findet man hier in Form eines Forschungsdesign Scratch Papers. Falls Ihr etwas diskutieren möchtet, mir einen Hinweis geben wollt auf Autoren, Theorien oder interessante Fälle von digitalem zivilem Ungehorsam, könnt Ihr dies gerne direkt im Doc tun! Falls Ihr eine Frage habt oder eine Konferenz plant, bei der ein Beitrag zu diesem Thema fehlt, dann freue ich mich sehr über eine Kontaktaufnahme.

Dieser Beitrag ist Teil der wöchentlichen Blogartikel der Doktoranden des Alexander von Humboldt Institutes für Internet und Gesellschaft. Er spiegelt weder notwendigerweise noch ausschließlich die Meinung des Institutes wieder. Für mehr Informationen zu den Inhalten dieser Artikel und den assoziierten Forschungsprojekten kontaktieren sie bitte info|a|hiig.de.

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