Erinnere dich an das Gefühl, das Schreiben eines Textes bis zur letzten Minute hinauszuzögern. Du hast dein Zimmer geputzt, du hast dir eine Tasse Kaffee gemacht, du hast im Internet gesurft. Schlussendlich, wenn keine Zeit zum Aufschieben mehr da ist, beginnt ein intensiver Schreibprozess. In einer relativ kurzen Zeit formulierst du verzweifelt einen Text. Falls du nicht stecken bleibst …

Jetzt stell dir vor du bist nicht alleine mit der Aufgabe. Du bist in einer Gruppe von Leuten, die alle zugestimmt haben einen Text in einer bestimmten Zeit, an einem bestimmten Ort zu verfassen. Du hast Jemanden der dich durch den Prozess führt. Statt einer Deadline hast du einen begrenzten Zeitraum. Es ist ein Booksprint.

Die Ursprünge

Die Grundidee des Booksprints ist es, kollaborativ ein Buch von hoher Qualität in wenigen Tagen zu produzieren; ein revolutionäres Konzept. Es gibt sowohl extrahierende als auch generative Booksprints, sowie ein Kontinuum dazwischen. Ein extrahierender Booksprint besteht aus einer Gruppe von Leuten, die ein explizites Fachwissen zu einem Thema aufweisen. Ein generativer Booksprint bringt Leute mit verschiedenen Hintergründen zusammen, um neue Ideen zu formen.

In einem Interview* erklärte mir Adam Hyde, der wahrscheinlich prominenteste Befürworter der Booksprint-Methode, dass die Idee der Booksprints aus der Not entstanden ist, schnell Inhalte im Bereich der Freien Software hervorzubringen. Es war ein Versuch, die Buchproduktion auf Produktionsketten umzustellen. Das schnelle Produzieren von Texten hat jedoch nicht zu interessanten, themenspezifischen Inhalten geführt. Menschen lediglich in einen Raum zu stecken und ihnen zu sagen: Schreib! ist nicht genug.

Die Elemente

Die vier Grundelemente eines Booksprints sind eine gute Gruppe an Leuten, ein gemeinsamer Ort, Software als fördernde Umgebung, und Prozessbegleitung. Laut Adam Hyde, ist Schreiben in einer Gruppe produktiver als alleine zu schreiben. Kollaboratives Schreiben innerhalb eines begrenzten Zeitraums ist ein sehrbereichernder und ergiebiger Prozess und kann sogar katalytisch sein. Co-Autoren können als eine Quelle der Inspiration dienen und sich gegenseitig Feedback geben. Der Druck lastet weniger auf dem einzelnen Autor, da die Verantwortung für den gesamten Text geteilt wird. Während digitale Technologien es uns ermöglichen zusammenzuarbeiten, auch wenn wir an verschiedenen Orten und in verschiedenen Zeitzonen sind, ist es für Booksprinting entscheidend, dass sich die Projektteilnehmer an einem Ort befinden, an dem sie miteinander in Kontakt treten können. Software stellt die Plattform bereit auf der zusammengearbeitet werden kann, aber es ist nicht das, was Kollaboration kreiert sondern bleibt lediglich eine fördernde Umgebung. Was wirklich Kollaboration hervorbringt ist die Prozessbegleitung. Die Rolle des Prozessbegleiters ist es, Menschen durch sowohl nach oben als auch nach unten gerichteten Druck zum Schreiben zu bringen und ihnen gleichzeitig das Gefühl zu vermitteln, dass sie einen Platz und eine Stimme in dem Prozess haben Der Prozessbegleiter schafft die Bedingungen unter denen Kollaboration aufblühen kann. Kurz gesagt, die Essenz eines Booksprints ist die Kollaboration: Das Ziel ist ein gemeinsames Ziel, der Text ein gemeinsamer Text.

Autorschaft

Der soziale Prozess an einem Text gemeinsam zu arbeiten, lässt die Idee der singulären Autorschaft verschwinden. Ein Autor schreibt hier ein bisschen Text, ein anderer fügt dort ein wenig hinzu. Die Textfragmente werden miteinander verflochten, der Text wird zu einem gemeinsamen Artefakt. Es gibt eine Parallele zwischen der kollaborativen Natur des Booksprints und Barthes‘ ‚Tod des Autors‘**. Die Dekonstruktion der singulären Autorschaft durch kollaboratives Schreiben reflektiert die Idee, dass „zu schreiben ist, durch eine erforderliche Impersonalität (…) einen Punkt zu erreichen an dem nur die Sprache handelt, ‚performt‘, und nicht ‚ich‘.“[1] Die vielschichtigen Dimensionen eines kollaborativ geschriebenen Textes erinnern an die Vorstellung: „Text ist ein Gewebe aus Zitaten die aus den unzähligen Zentren der Kulturen hervorgehen.“[2] Auf diese Weise ähnelt der Booksprinter dem „modernen Scriptor“ von Barthes „gleichzeitig mit dem Text geboren wird, ist in keinster Weise mit einem Sein ausgestattet, das dem Schreiben vorausgeht oder nachgeht, ist nicht das Subjekt mit dem Buch als Aussage; es gibt keine andere Zeit als die der Ausdrucksweise und jeder Text wird immer im Hier und Jetzt geschrieben.“[3] Insbesondere das kollektive Bewusstsein des Hier und Jetzt während einer Booksprint-Session ist etwas, das aus der Chemie zwischen den einzelnen Co-Autoren resultiert; eine einzigartige Ansammlung gelebten Wissens.

Zum Ausgangspunkt

In der Vergangenheit war kollaboratives – sogar anonymes – Schreiben die Norm. Vor diesem Hintergrund kann argumentiert werden, dass der Autor eine moderne Figur sei.[4] Wenngleich der Booksprint ein Nischenphänomen ist, das für manche, aber nicht unbedingt für alle Textsorten funktioniert, verdeutlicht es doch den wachsenden Trend zur Co-autorschaft. Während der Booksprint einen revolutionären Aspekt im Hinblick auf die Produktion von Büchern hat, so ist er doch kein gänzlich neues Konzept. Er bringt uns eher einen Schritt näher, zurück an den Ausgangspunkt, an dem sich Ideen der Autorenschaft aus der Vergangenheit mit denen der Gegenwart treffen. Vielleicht entsteht so ein Ort an dem Schreiben sich wie ein Spiel entfaltet, das sich unvermeidlich über die eigenen Regeln hinaus bewegt und sie schließlich hinter sich lässt.[5] Es ist ein Schritt in Richtung eines Konzepts des Schreibens, dass Autorschaft liberaler handhabt und folglich ein Spektrum eröffnet, wo Text vermischt werden kann und, mit Hilfe digitaler Technologien, eine dynamischere Form erhalten kann.

Der Originaltext ist auf Englisch erschienen und befindet sich hier.


* Dieser Text basiert auf einem Interview, das ich im Mai 2014 mit Adam Hyde geführt habe. Ich habe Aussagen aus dem Interview übersetzt, vermischt und kursiv angegeben.

** Roland Barthes, “The Death of the Author”, in Image Music Text, trans. Stephen Heath (London: Fontana Press, 1977), 142-148.

*** Co/Autorschaft in diesem Text bezieht sich immer sowohl auf die weibliche als auch auf die männliche Form.

1. Roland Barthes, “The Death of the Author”, in Image Music Text, trans. Stephen Heath (London: Fontana Press, 1977), 143.

2. Roland Barthes, “The Death of the Author”, in Image Music Text, trans. Stephen Heath (London: Fontana Press, 1977), 146.

3. Roland Barthes, “The Death of the Author”, in Image Music Text, trans. Stephen Heath (London: Fontana Press, 1977), 145.

4. Roland Barthes, “The Death of the Author”, in Image Music Text, trans. Stephen Heath (London: Fontana Press, 1977), 142.

5. Michel Foucault, “What Is an Author?”, in language, counter-memory, practice: selected essays and interviews by Michel Foucault, ed. Donald F. Bouchard (New York: Cornell University Press, 1977), 116.

Dieser Beitrag ist Teil der regelmäßig erscheinenden Blogartikel der Doktoranden des Alexander von Humboldt Institutes für Internet und Gesellschaft. Er spiegelt weder notwendigerweise noch ausschließlich die Meinung des Institutes wieder. Für mehr Informationen zu den Inhalten dieser Beiträge und den assoziierten Forschungsprojekten kontaktieren Sie bitte info|a|hiig.de.

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