Unter der Oberfläche des Internets brodelt es. Netzbetreiber, Internet-Zugangsanbieter, Content Delivery Networks und netzwerkaffine Inhalteanbieter ringen um die beste Position, um mit Infrastruktur-Leistungen wie der Bereitstellung, Verteilung und dem Transport von Inhalten Geld zu verdienen.

Erfolgsstory des Internets

Als Netz aus Netzwerken basiert das Internet darauf, dass sich Netzbetreiber und andere Infrastruktur-Akteure miteinander verbinden und darüber einigen, zu welchen Bedingungen sie Traffic austauschen (peeren). Zwischen den Autonomen Systemen, die im Juni 2012 gemeinsam das Internet ausmachten, bestanden schätzungsweise mehr als 200.000 Peering-Verbindungen (Feldmann, 2013). Das sind viele Beispiele für den Erfolg des Prinzips der Verbindungsvereinbarungen.

Rangeleien ziehen Aufmerksamkeit auf Peering-Policies

Doch trotz so vieler gelungener Vereinbarungen können sich die Wettbewerber nicht immer auf Peering-Bedingungen einigen. Einige der Rangeleien („Tussles“, Clark et al., 2005) zwischen großen Unternehmen bekamen Internetnutzer in jüngerer Zeit zu spüren. Kunden bestimmter Internetanbieter konnten manche Inhalte nur mit niedriger Bandbreite empfangen, weil die beziehenden und liefernden Netzwerke sich nicht mit der erforderlichen Bandbreite untereinander verbunden hatten.

Jon Brodkin hat eine Liste mit Fällen aus jüngerer Zeit zusammengestellt und zeichnet detailliert die komplexen Marktbeziehungen zwischen den Typen von Unternehmen und die ökonomischen Konflikte nach. Die Lektüre lohnt sich. Denn Fakten über die Konflikte herauszufinden und zu beschreiben, ist eine Leistung für sich. Unternehmen gewähren ungern Einblicke in ihre Verbindungsarrangements, wie diese Präsentation (Blanche, 2012) bei einem Branchentreffen zeigt.

Verbindungsarrangements strukturieren Internetkommunikation vor

Im Schatten ökonomischer Konflikte rund um die Frage, wer wen in welcher Höhe für die Durchleitung von Traffic bezahlen soll, liegt ein weiterer, weniger beachteter Aspekt von Peering-Policies: Über ihre Verbindungsarrangements strukturieren Infrastruktur-Akteure in grundlegender Weise vor, wie sich Nutzer mittels des Internets informieren und wie sie damit kommunizieren können.

Internetzugangsanbieter, Netzbetreiber und Content Delivery Networks agieren als Informations-Intermediäre. Ihre Verbindungsvereinbarungen regeln zum Beispiel, welche Routen Daten-Pakete im Internet nehmen können – lange oder kurze, schnelle oder langsame, regionale oder internationale. Sie beeinflussen insofern – neben anderen Faktoren auf der Anwendungsebene – die Erfahrung der Internetnutzung, und sie beeinflussen auch, welche Rechtsräume eine Kommunikation durchläuft.

Internet-Infrastruktur als Black Box für die Nutzer

Internetnutzer können Peering-Konflikte zwar spüren, etwa wenn datenintensive Video-Streams ins Stocken geraten, obwohl die Bandbreite auf der sogenannten letzten Meile ausreichen würde. Aber als solche erkennen und sie konkreten Akteuren zuordnen können sie die Konflikte zwischen den Anbietern kaum. Denn Verbindungsarrangements basieren auf privaten Vereinbarungen, die in den Bereich der Geschäftsgeheimnisse fallen. Über die Ursache einer beeinträchtigten Übertragung können Nutzer daher nur spekulieren. Die Black Box der Internet-Infrastruktur beginnt hinter dem heimischen Modem.

Transparenz schaffen?

Es stellt sich die Frage, ob der Einfluss von Verbindungsarrangements auf die Interneterfahrung der Nutzer so groß ist, dass Handlungsbedarf besteht. Mangels Transparenz ist es allerdings schwierig, genau diese Frage zu beurteilen und den Anteil an der Interneterfahrung zu isolieren, der sich aus Peering-Policies ableitet. Eine Möglichkeit wäre es, die Anbieter dazu zu bringen, dass sie ihre Verbindungsvereinbarungen offenlegen. Dies würde allerdings einen gravierenden Eingriff in den Markt bedeuten, der wohl überlegt sein will.

Einklagbare Leistungsversprechen bei der Bandbreite

Im Regelfall haben Kunden kein Recht darauf, den Prozess der Leistungserbringung bei Produkten oder Dienstleistungen nachverfolgen zu können. Produkte, bei denen es wichtig ist zu wissen, „was drin ist“, bilden die Ausnahme – etwa Bio-Erzeugnisse oder FairTrade-Produkte. Ist es beim Internet also wichtig zu wissen, was drin ist? Wäre es nicht ausreichend, wenn Internetzugangsanbieter ihren Endkunden einklagbare Leistungsversprechen gäben? Anstatt Bandbreiten in der Form von „Bis-zu“-Formulierungen zu annoncieren, könnten sie Mindestbandbreiten zusichern.

Neben inhärenten technischen Schwierigkeiten, Mindestbandbreiten auf der sogenannten letzten Meile zu garantieren, bliebe damit aber das Qualitätsproblem ungelöst. Denn sicherte ein Internetzugangsanbieter seinen Kunden eine bestimmte Bandbreite für Downloads zu, wäre dies nur etwas wert, wenn der Anbieter über seine Verbindungsarrangements auch den Eingang der Inhalte in sein Netz in entsprechender Qualität ermöglichte. Im Zweifelsfall obläge es dann dem Zugangsanbieter, die eigene Peering-Kapazität in Richtung anderer Netzbetreiber und Inhalteanbieter nachzuweisen – eine Aufgabe, die Zugangsanbieter kaum begrüßen dürften.

Leistungsversprechen lösten nicht die Routen-Frage

Selbst wenn Leistungsaspekte zur Zufriedenheit von Unternehmen und Nutzern geklärt wären, blieben weitere Fragen über Verbindungsarrangements offen. Die geheimdienstlichen Späheingriffe in den Internetverkehr haben Bürger dafür sensibilisiert, unter welcher Jurisdiktion ihre Daten liegen. Anbieter von Cloud-Diensten stellen sich zum Beispiel darauf ein, derartige Policy-Ansprüche ihrer Nutzer besser bedienen zu können, indem sie die Lagerung der Daten in bestimmten Jurisdiktionen garantieren. Analog dazu könnte auch das Interesse an Verbindungsarrangements wachsen. Mehr Transparenz würde Einblicke erlauben, welche Jurisdiktionen persönliche Kommunikate durchlaufen und welche potenziellen Eingriffe damit in Kommunikation geschehen können.

Vielleicht würden Transparenz-Regelungen nicht zu unmittelbaren Erkenntnisgewinnen bei den Internetnutzern führen, weil das tatsächliche Routing von Datenpaketen im Internet dynamisch geschieht und ohne Fachkenntnisse kaum zu verstehen ist. Aber sie könnten ermöglichen, dass Angaben zu Verbindungsarrangements für Informationsangebote aufbereitet würden, die den Internetnutzern mittelbar dienen können.

Was sichtbar wird, lässt sich untersuchen

Die Rangeleien unter Netzbetreibern, Internetzugangs- und Inhalteanbietern haben einen guten Effekt: Sie lenken den Blick auf die Internet-Infrastruktur. Sichtbar werden Akteure und Praktiken, die die schöne Welt innovativer Anwendungen überhaupt erst ermöglichen, die aber auch unsere Kommunikation vorstrukturieren. Welche Gliederungsprinzipien im Wechselspiel zwischen den eingesetzten Technologien, Infrastruktur-Akteuren und Internetnutzern greifen, wird zu untersuchen sein. Transparenz bei Verbindungsarrangements zu schaffen, könnte eine Maßnahme sein, die systematische Forschung ermöglichen würde.

Referenzen

Dieser Beitrag ist Teil der wöchentlichen Blogartikel der Doktoranden des Alexander von Humboldt Institutes für Internet und Gesellschaft. Er spiegelt weder notwendigerweise noch ausschließlich die Meinung des Institutes wieder. Für mehr Informationen zu den Inhalten dieser Artikel und den assoziierten Forschungsprojekten kontaktieren Sie bitte info|a|hiig.de.

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