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Autarkie und der große Plan – die Energiewende und kleine, konkrete Lösungen

04 Dezember 2015

Feldheim – Ein gallisches Dorf in Brandenburg

Die Gemeinde Feldheim bei Treuenbrietzen ist die erste Energieautarke Gemeinde Deutschlands gewesen, produziert, regelt und verbraucht seit 2010 „eigenen“ Strom und „eigene“ Wärme. Unterstützt durch ein intelligentes und eigenes Wärme- und Stromnetz sehen die Feldheimer wie viel Energie sie verbrauchen. Im Wärmenetz haben sie so ihre sogenannten Lastprofile optimiert, um Verbrauchsspitzen, die das System wesentlich teurer machen würden, weitestgehend zu vermeiden.

Vorangetrieben hat den Verwandlungsprozess einerseits die örtliche Agrargenossenschaft, die zu Zeiten stagnierender Preise im Agrarmarkt den Bedarf nach einer ökonomisch sinnvollen und nachhaltigen Verwendung der lokal produzierten Biomasse hatte. Auf sie traf der Geschäftsführer der Energiequelle GmbH Michael Raschemann, der mit der Gemeinde seit langen Jahren einen Windpark aufgebaut hat und dabei die ökonomischen Notwendigkeiten des Betriebs von Windparks langfristig mit den Bedürfnissen der Bürger vor Ort ausbalanciert hat.

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Nutzerinnovation im Energiemarkt

Seit Juli erforschen wir am HIIG die Rolle des Prosumenten in der Energiewende. In unserem Forschungsprojekt zum Thema „Nutzerinnovationen in der Energiewende“ untersuchen wir unter anderem, welche Rolle die Organisation von innovativen Nutzern in sogenannten Communities spielt und welche Organisationsmöglichkeiten es für einen intelligenten Energiemarkt geben kann. Zwei spannende Praxisbeispiele, die uns bei der Beantwortung der Fragen helfen könnten, haben wir nun zusammen mit einem internationalen Forscherteam um Prof. Shan-Ling Pan (University of New South Wales) besucht.

Energieavantgarde Anhalt e.V. – Die Idee von einem Reallabor

Auf zukunftsträchtige Gedanken trifft man auch, wenn man mit Vertretern der Energieavantgarde Anhalt e.V. spricht. Eine Gruppe von Aktiven, zu denen genauso Energieerzeuger wie Stadtwerke, Energieverbraucher wie produzierendes Gewerbe und Bürger aus Anhalt gehören, versucht «ein in wachsendem Maße auf erneuerbaren Energiequellen beruhendes regionales Energiesystem» zu etablieren. Der Geschäftsführer der Avantgarde und der Ferropolis GmbH Thies Schröder möchte mit der Schaffung eines Reallabors zeigen wie ein dezentral organisierter und auf erneuerbaren Ressourcen basierender, regionaler Energiemarkt aussieht.

Autarkie und Reallabor – wie hilft uns das bei der Energiewende?

Mit Blick auf den Bedarf unterschiedliche regionale Verbrauchs- und Erzeugerkapazitäten in Deutschland zu managen, mag die Idee der lokalen Energieversorgung in Feldheim wie ein Schritt zurück erscheinen. So ist es weder die Bundesregierung noch die Wirtschaft, die auf lokale Insellösungen für die Energieversorgung der Zukunft setzt. Die Feldheimer haben aber für ein dringendes Problem eine gute Lösung gefunden: lokale Wertschöpfung und Bürgerbeteiligung zu verbinden. So war es für den Erfolg des Projektes Feldheim von zentraler Bedeutung, dass alle Rohstoffe für die Wärmeerzeugung lokal produziert werden, landwirtschaftliche Nutzungspotentiale dadurch diversifiziert werden konnten und somit die Wertschöpfung vor Ort bleibt. Zum Zweiten war es für die Realisierung der Idee zentral, dass die Bürger vor Ort schon gut organisiert waren, den Bedarf an einer lokalen Wertschöpfung selbst erkannt hatten und mit dieser Idee auf den Windparkbetreiber zukamen. Alle Beteiligten betonen, dass die gute Organisation der lokalen Gemeinde, die günstige Lage für den Windpark und das Vorhandensein von ausreichend Flächen für Biomasse und der gute, langjährige Kontakt mit dem Windparkbetreiber eine eher ungewöhnliche Konstellation sind, die sich nicht nach Rezept an anderen Orten herstellen lassen. Dennoch sollte Feldheim als Leuchtturmprojekt gesehen werden, welches die Energiewende zumindest auf der Mikroebene geschafft hat.

Ähnliches können wir auch von der Idee der Energieavantgarde Anhalt e.V. lernen und werden es mit unserem Team in den kommenden beiden Jahren weiter beobachten. Hier tauschen Akteure ihre anfänglich sehr unterschiedlichen Ideen und Ansätze aus und organisieren sich lokal. Die Avantgarde versteht sich dabei als Plattform vorhandene Problemstellungen mit potentiellen Lösungsansätzen zusammenzubringen und hofft damit die lokale Transformation hin zu einem dezentral organisierten und nachhaltig bewirtschafteten Energiesystem voranzubringen. Im besten Fall können andere Regionen davon lernen und sehen welche Faktoren und Rahmenbedingungen für einen solchen Prozess von zentraler Wichtigkeit sind.

Das Projekt „Nutzerinnovationen für den Energiemarkt“ wird von der innogy Stiftung finanziert und freundlich unterstützt.

Dieser Beitrag spiegelt die Meinung des Autors und weder notwendigerweise noch ausschließlich die Meinung des Institutes wider. Für mehr Informationen zu den Inhalten dieser Beiträge und den assoziierten Forschungsprojekten kontaktieren Sie bitte info@hiig.de

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