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Auf dem Weg zu einer digitalen Vernunft?

09 Januar 2018 | doi: 10.5281/zenodo.1145686

Vernunft ist nicht leicht. Oft macht sie keinen Spaß oder es ist nicht einfach, zu wissen, was wirklich vernünftig ist. Glücklicherweise gibt es immer mehr rationale Algorithmen, die uns hier unterstützen sollen. Doch smart ist nicht gleich vernünftig. Mit solchen Technologien versuchen wir genau das abzuschaffen, was uns erst zum Menschen macht. Der Philosoph Christian Uhle fragt deswegen: Begründet die Armada smarter Services ein neues Zeitalter der Vernunft?

Es ist nicht immer leicht vernünftig zu sein. Oft macht Vernunft keinen Spaß, etwa wenn man besser auf das letzte Bier und den Kater am nächsten Morgen verzichtet oder etwas Geld für die Zukunft zur Seite legt. Manchmal ist es auch schwierig, vernünftig zu handeln, weil die Situation komplex ist und überhaupt nicht klar, was nun eigentlich eine vernünftige Entscheidung wäre.

Da kommt es gelegen, dass mit der Digitalisierung eine ganze Armada rationaler Algorithmen Einzug in Privatleben und Gesellschaft hält. Apps sollen uns helfen, gesund zu essen und rechtzeitig schlafen zu gehen. Algorithmen sichten Berge von Bewerbungsunterlagen und entscheiden anhand fundierter Kriterien, welche BewerberIn zum Vorstellungsgespräch eingeladen wird. Und wenn wir erst im selbstfahrenden Auto sitzen, gehören auch unvernünftige Überholmanöver der Vergangenheit an, so der Plan. Der Mensch mit seiner im Tierreich einzigartigen Vernunftbegabung schafft so Technologien, die wiederum den „Faktor Mensch“ mit all seiner Impulsivität, seinen irrationalen Vorurteilen, Affekten und Gefühlsverwirrungen überwinden sollen. Begründet die Verbreitung smarter Services damit ein neues Zeitalter der Vernunft?

Der Mensch als Vernunftwesen

Schon für Aristoteles bestimmt die Fähigkeit zur vernunftgeleiteten Reflexion das Wesen des Menschen. Ebenso wie ein Messer gerade deshalb ein Messer ist, weil es schneiden kann, ist ein Mensch ein Mensch, weil er nachdenken kann. Selbstverwirklichung bedeutet für Aristoteles daher auch, die eigene Verstandesfähigkeit auszuüben und zu verbessern. Diese Perspektive auf den Menschen als Vernunftwesen zieht sich durch die Philosophiegeschichte. Wie auch Aristoteles nehmen die meisten PhilosophInnen dabei an, die Fertigkeit sich eigene Gedanken zu machen, müsse erst ausgebildet werden und könne auch verkümmern. Im achtzehnten Jahrhundert betonte Immanuel Kant deswegen die Schwierigkeit, sich aus der Unmündigkeit zu befreien und sich des eigenen Verstandes „ohne Leitung eines anderen zu bedienen“. Selbstdenken muss gelernt werden und erfordert Mut. Nur wer diesen Mut aufbringt und von seiner eigenen Vernunftfähigkeit Gebrauch macht, kann sich als Mensch und Individuum verwirklichen.

Vernunft und Selbstverantwortlichkeit wurden also früh zusammengedacht. Vernunft in diesem Sinne ist der Schlüssel zu einer doppelten Emanzipation: Von Mitmenschen, die im Eigeninteresse das Denken für uns übernehmen wollen, und von unseren eigenen Leidenschaften, die uns beständig zu „regieren“ versuchen, wie auch Leibniz mahnte. Im Gegensatz zu anderen Tieren, kann der Mensch selbstbestimmt handeln und sich Kraft seiner Vernunft über die inneren Triebe hinwegsetzen. Wenn wir uns diesen Zusammenhang zwischen vernünftigem Denken, selbstständigem Denken und der Übernahme von Verantwortung verdeutlichen, gerät die These einer neuen, digitalen Vernunft ins Wanken. Denn wir laufen zunehmend Gefahr, das Denken und Entscheiden an Algorithmen abzugeben. Und uns somit selbst zu entmündigen.

Smart ist nicht vernünftig

Welche Person einen Kredit bekommt und ob ich heute genügend Kilometer gelaufen bin, solche Fragen können Algorithmen schon jetzt oder zumindest in naher Zukunft beantworten. Es ist aber ein Trugschluss, anzunehmen, digitale Analysen und Entscheidungen seien deshalb vernünftig, weil hier mit objektiven Zahlen gerechnet werde. Nicht nur stehen hinter diesen Rechenprozessen Menschen mit eigenen Interessen; vor allem zeichnet sich eine vernünftige Entscheidung durch einen ihr vorausgehenden Prozess freien, selbstständigen Denkens aus. Dieser Prozess umfasst eine kritische Reflexion von Zielen, Werturteilen und Begründungen. Denn vernünftiges Denken geht immer auch auf die Frage nach dem Warum ein. Digitale Anwendungen können das nicht. Sie sind allenfalls instrumentell rational und optimieren Prozesse auf programmierte Ziele hin. Das mag smart sein. Vernünftig ist es nicht.

Algorithmen können uns nicht aus der Verantwortung nehmen

Ein Zeitalter der Vernunft kann daher kein Zeitalter allumfassender Rechenleistung sein. Vielmehr bedarf es selbstdenkender Menschen, die ihre Verantwortung auch für die Gründe und Ziele ihres Handelns anerkennen – eine Verantwortung die sich zwar leugnen, aber nicht vollständig abgeben lässt. Besonders eindrücklich wies hierauf Jean-Paul Sartre hin. Ob wir auf den Rat einer Freundin hören oder den Befehl einer Vorgesetzen, all dies ist letztlich unsere eigene Entscheidung. Der Mensch ist zur Freiheit „verdammt“, meinte Sartre daher. In dem Begriff der „Verdammung“ wird deutlich, dass die bewusste Übernahme von Verantwortung für das eigene Handeln nicht immer angenehm ist. Oftmals ist es bequemer, die eigene Verantwortung zu leugnen und sich selbst zu entmündigen. Die versprochene Entlastung durch digitale Prozesse ist vor diesem Hintergrund eine Medaille mit zwei Seiten. Wir können in unseren alltäglichen Aufgaben unterstützt werden, müssen aber darauf achten, weiterhin selbstständig und eigenverantwortlich mitzudenken. Nur wenn wir die Analysen der Codes kontinuierlich hinterfragen, kann die die digitale Gesellschaft auch eine aufgeklärte Gesellschaft sein.

Der Mensch bleibt dem Roboter überlegen

Im Privaten können wir ob unserer kleinen Irrationalitäten übrigens ganz beruhigt sein. Sie unterscheiden uns von Robotern, die zwar niemals furchtbar verkatert aufwachen werden, dafür aber nur mutlos vor sich hin optimieren, anstatt auch Ziele, Werte und Gründe hinterfragen zu können. So sind wir Menschen zwar nicht immer gleichermaßen smart, können aber immerhin vernünftiger sein als unsere digitalen Begleiter.


Christian Uhle ist Philosoph und arbeitet u.a. als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Ökologische Wirtschaftsforschung in der Nachwuchsgruppe ‚Digitalisierung und sozial-ökologische Transformation‘. Weitere Infos auf seiner Homepage.

Eine kürzere Fassung dieses Beitrags erschien zuerst im Magazin „leibniz“ der Leibniz-Gemeinschaft im Rahmen von Christians Kolumne „Auf einen Keks mit Leibniz“.


Dieser Beitrag spiegelt die Meinung des Autors und weder notwendigerweise noch ausschließlich die Meinung des Institutes wider. Für mehr Informationen zu den Inhalten dieser Beiträge und den assoziierten Forschungsprojekten kontaktieren Sie bitte info@hiig.de.

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