Attention, please! – Ein Kommentar zum „Onlife Manifesto“ und der „Onlife Initiative“ der EU

11 März 2013

von Theresa Züger

Am 8. Februar lud die Europäische Kommission ein, das neuste Ergebnis der sogenannten “Onlife Initiative” zu diskutieren. Diese interdisziplinäre Gruppierung von Forschern, zu denen u.a. auch der Philosoph Luciano Floridi gehört, hat ein Manifest erarbeitet, das Onlife Manifesto. Die Kernfrage des Manifests lautet: “What does it mean to be human in an hyperconnected era?” Es richtet sich an Entscheidungsträger aus Wirtschaft und Politik und soll zu einem Umdenken beitragen. Für Floridi erfüllt das Manifest die Aufgabe des Anstoßes zu neuen Begriffen. (Mit “Concept” meint Floridi das, was man in der deutschen Philosophie eher unter Begriff versteht.) Es dient als Werkzeug des menschlichen Denkens. Ein Konzept oder Begriff ermöglicht es uns, die gemeinsame Welt zwischen Menschen zu erkennen, verstehen und thematisieren. Die Konzepte der Moderne müssten neu gedacht werden, um für das Übergansstadium unseres Zeitalters, zwischen dem Analogen und Digitalen, zu den richtigen Entscheidungen für Europa zu kommen. Das erste Stichwort des Manifests zum Umdenken ist “Blurring”.

Vom Verschwimmen

Auf vier Ebenen sei ein Verschwimmen oder eine Verschiebung der bisherigen Konzepte, in denen die Moderne die Welt begreift, zu erkennen:

1. das Verschwimmen zwischen Realität und Virtualität

2. das Verschwimmen zwischen der Bestimmung des genuin Menschlichen, der Maschine und der Natur

3. die Umkehr von Informationsknappheit zu Informationsüberfluss

4. die Verschiebung vom Vorrang der Entitäten zum Vorrang der Interaktion.

Die Argumentation, die das Manifest verfolgt, legt dar, dass die Paradigmen der Moderne überholt seien – allen voran die menschliche Utopie von Allwissenheit und Allmacht. Die Omnipräsenz der Informations- und Kommunikationstechnologien werfen die Notwendigkeit auf Gesellschafts- und Handlungskonzepte neu zu denken. Im Rückgriff auf Friedrich Hayek’s Verständnis von komsos und taxis sei es nicht mehr eindeutig möglich zwischen der natürlich gegebenen und der von Menschen konstruierten Welt zu unterscheiden. Durch diese Interaktion zwischen Mensch und technischem Artefakt müsse auch die Frage nach der Verantwortung neu gedacht werden.

Viele Forderungen des Manifest bleiben vage, so z. B. die nach einer “fairen” Machtverteilung zwischen wirtschaftlichen, zivilen und politischen Kräften. Deutlicher ist die Haltung der Autoren beim Thema des Menschen als politischem Akteur. Das menschliche Dasein osziliere zwischen dem freien und politischen Subjekt und dem wissenschaftlich und wirtschaftlich betrachteten Objekt, das analysierbar und vorhersehbar sei. Das Manifest plädiert hier offenkundig für eine Stärkung des Menschen als Subjekt, also als rationales und freies Individuum, das nur als solches der politischen Handlung fähig ist.

Aufmerksamkeit für die Aufmerksamkeit

Der wohl innovativste Gedanke des Manifests ist, dass das Informationszeitalter auch als das Aufmerksamkeitszeitalter gesehen werden kann. Im Gegensatz zur Unendlichkeit von Informationen ist die Aufmerksamkeit ein sehr begrenztes Gut. Die Instrumentalisierung der menschlichen Aufmerksamkeit im Wettstreit von Arbeitswelt und Wirtschaft sei als Gefahr zu werten. Sie verkenne das soziale und politische Wesen des Menschen, für das die Aufmerksamkeit eine notwendige Grundlage sei. Nur durch den freien Gebrauch unserer kognitiven Kapazitäten werden wir zu autonomen, eigenverantwortlichen und engagierten Bürgern. Der Respekt vor der menschlichen Aufmerksamkeit solle bereits in den Grundrechten verankert werden, proklamiert das Manifest und fordert demnach mehr kollektiven Schutz und Beachtung für dieses knappe Gut.

Die etwa 150 Teilnehmer aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten das Manifest lebendig und kontrovers. Die Veranstaltung hinterließ in jedem Fall eine gewisse Neugier auf seine tatsächliche Wirkung auf die Entscheidungen der Mächtigen – die im Moment eindeutig noch in Unternehmen und Regierungen anzusiedeln sind. Spannend war, dass ein Vertreter des Privatsektors als Zustandsbeschreibung den Begriff des “digitalen Feudalismus” (siehe Slide 37) ins Spiel brachte. Noch scheint unklar, in welche tatsächlichen Beschlüssen die teilweise ungenauen Forderungen der Onlife Initiative münden werden.  Am 8. Februar war jedoch spürbar, dass das Manifest einen Nerv getroffen hat und zu wertvollen Kontroversen anregen konnte.

Dieser Beitrag ist Teil der wöchentlichen Blogartikel der Doktoranden des Alexander von Humboldt Institutes für Internet und Gesellschaft. Er spiegelt weder notwendigerweise noch ausschließlich die Meinung des Institutes wieder. Für mehr Informationen zu den Inhalten dieser Artikel und den assoziierten Forschungsprojekten kontaktieren sie bitte info@hiig.de.

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