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Das Bild zeigt eine hohe Welle, die symbolisch für die Flut an Hassnachrichten gegen Forscher*innen und Anfeindungen in der Wissenschaft.

Von Hassrede bis Morddrohungen: Anfeindungen in der Wissenschaft sind ernstzunehmendes Problem

Ergebnisse der ersten bundesweiten repräsentativen Studie zu Anfeindungen in der Wissenschaft veröffentlicht

 

Berlin, Hannover, 16 Mai 2024. Populistische Kampagnen, Hassrede und sogar Morddrohungen – Forscherinnen waren besonders während der Covid-19-Pandemie Angriffen ausgesetzt, was einige sogar dazu bewegte, sich aus der öffentlichen Kommunikation zurückzuziehen. Empirisch ist über das Phänomen der Wissenschaftsfeindlichkeit in Deutschland bisher allerdings wenig bekannt. Wie weit verbreitet sind diese Anfeindungen? Wer ist am häufigsten betroffen? Und zeigen sich Unterschiede je nach Fachrichtung? Eine neue repräsentative Umfrage unter deutschen Wissenschaftlerinnen liefert erste Antworten. Sie wurde am Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) in Kooperation mit dem KAPAZ-Projektverbund durchgeführt. KAPAZ steht für: Kapazitäten und Kompetenzen im Umgang mit Hassrede und Wissenschaftsfeindlichkeit. Die beteiligten Institutionen des Projektverbundes erforschen deutschlandweit das Ausmaß von Anfeindungen gegen Forschende und entwickeln institutionelle Ressourcen, um sie online und offline gegen Angriffe zu schützen.

„Die Ergebnisse der Befragung von insgesamt 2.600 Wissenschaftlerinnen zeigen, dass Anfeindungen gegen Forschende ein ernstzunehmendes Problem sind. Sie betreffen keineswegs nur Professorinnen, sondern Personen auf allen Positionen innerhalb der akademischen Gemeinschaft“, sagt Clemens Blümel, der als Forscher am DZHW die Erhebung leitet. „Dabei kommen die Angriffe nicht immer von außen. Auch innerhalb der Wissenschaft selbst gibt es Anfeindungen und abwertendes Verhalten.“

Auch verdeutlicht die Studie, dass Anfeindungen, Abwertungen oder sogar Angriffe gegen Wissenschaftler*innen zunehmend auftreten, weil die Beziehung zwischen der Gesellschaft und der Wissenschaft immer komplexer wird. Forschungsergebnisse und wissenschaftliche Expertise werden immer stärker in der öffentlichen Debatte ausgehandelt und kommuniziert, was vermehrt Spannungen erzeugt. Das ist vor allem dann der Fall, wenn wissenschaftliche Ergebnisse als Grundlage für gesellschaftlich und politisch umstrittene Entscheidungen dienen. „Die Wut über diese politischen Entscheidungen oder das Gefühl, dass die eigenen menschlichen Handlungsmöglichkeiten begrenzt werden, können sich dann auch in Angriffen gegen Forschende niederschlagen. Darauf deuten insbesondere offene Antworten aus der Befragung hin“, erklärt Clemens Blümel. Ihm zufolge werfen die Ergebnisse der Befragung weitere Fragen auf, die in qualitativen Interviews oder Diskussionen mit Fokusgruppen genauer betrachtet werden können.

Doch was können Wissenschaftlerinnen tun, um sich gegen Anfeindungen, Angriffe und Diffamierungen zu schützen? Der KAPAZ-Projektverbund bietet dafür erste Lösungsansätze: „Wir erforschen nicht nur das Ausmaß und die Ausprägungen von Wissenschaftsfeindlichkeit. KAPAZ schafft außerdem institutionelle Unterstützungsstrukturen für Hochschulen und Forschende. Mit unseren Angeboten vermitteln wir den Betroffenen die nötigen Skills, um Anfeindungen vorzubeugen und Angriffen entgegenzuwirken”, sagt Projektleiterin Nataliia Sokolovska, Forschungsleiterin am HIIG. „Kritische Diskurse sind natürlich etwas anderes als Anfeindungen und Diskreditierungskampagnen. Letztere können aber zur Selbstzensur unter Forschenden führen. Im schlimmsten Fall wird dann unter großem Druck zu wichtigen Themen nicht mehr geforscht, etwa im Bereich Klimawandel”, ergänzt sie. In diesem Kontext leistet seit Juli 2023 der Scicomm-Support – eine zentrale bundesweite Beratungsstelle für Forschende und Wissenschaftskommunikatorinnen – Unterstützung bei Anfeindungen in der Wissenschaftskommunikation. So können Erkenntnisse aus der Forschung direkt in praktische Hilfsangebote umgesetzt werden.

Die Daten der durchgeführten Umfrage fließen in eine wissenschaftliche Studie ein, an der neben Clemens Blümel und Nataliia Sokolovska auch Benedikt Fecher, der Geschäftsführer von Wissenschaft im Dialog, sowie Birte Fähnrich, Wissenschaftlerin an der Freien Universität Berlin, beteiligt sind. Die gewonnenen Erkenntnisse sollen zur Entwicklung von Unterstützungsangeboten genutzt werden, um Forschende künftig im Umgang mit Wissenschaftsfeindlichkeit zu unterstützen. Hierfür werden verschiedene Maßnahmen umgesetzt: Die Weiterentwicklung der bundesweiten Beratungsstelle für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftskommunikatorinnen (der Scicomm-Support), die Entwicklung von Leitlinien mit ersten Maßnahmen für Betroffene in kritischen Situationen, ein Train-the-Trainer-Programm für Kommunikationsverantwortliche an Hochschulen und weiteren wissenschaftlichen Einrichtungen und eine Sommerschule für Wissenschaftler*innen in der frühen Karrierephase.

Das Dossier für die Berichterstattung finden Sie hier:
https://www.hiig.de/wp-content/uploads/2024/05/Erste-Ergebnisse_Umfrage-zu-Anfeindungen-gegen-Forschende.pdf


Über KAPAZ

Der KAPAZ-Projektverbund wird vom Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft (HIIG) koordiniert und umfasst als Kooperationspartner das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW), Wissenschaft im Dialog (WiD), den Bundesverband Hochschulkommunikation (BV_HKOM), das Leibniz-Institut für Medienforschung | Hans-Bredow-Institut (HBI) sowie die Berlin School of Public Engagement and Open Science (BSOPE) am Museum für Naturkunde Berlin (MfN) und die Freie Universität Berlin. Der KAPAZ-Projektverbund wird im Rahmen der Förderlinie „Impulse für das Wissenschaftssystem” von der Volkswagenstiftung gefördert.

Die Projektverbund-Webseite finden Sie hier:
https://www.hiig.de/project/wissenschaftsfeindlichkeit-kapaz/

 

Kontakte für Presse
Frederik Efferenn | Tel. +49 30 200 760 82 | presse@hiig.de


Das Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft
Das Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft (HIIG) erforscht die Entwicklung des Internets aus einer gesellschaftlichen Perspektive, um die damit einhergehende Digitalisierung aller Lebensbereiche besser zu verstehen. Als erstes Forschungsinstitut in Deutschland mit einem Fokus auf Internet und Gesellschaft hat das HIIG ein Verständnis erarbeitet, das die Einbettung digitaler Innovationen in gesellschaftliche Prozesse betont. Basierend auf dieser transdisziplinären Expertise und als Teil des Global Network of Interdisciplinary Internet & Society Research Centers will das HIIG eine europäische Antwort auf den digitalen Strukturwandel entwickeln.

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