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Drei menschliche Silhouetten sind mitten im Schritt dargestellt, jede zusammengesetzt aus einer Collage von Hardware, die zur Entwicklung von KI verwendet wird, darunter Leiterplatten und CPU-Chips. Im Hintergrund befindet sich ein schwarz-grauer Farbverlauf mit Rauch. Unterhalb der Läufer verlaufen von links zwei rechteckige Streifen quer über das Bild, einer rot, der andere blau.
17 September 2026| doi: 10.5281/zenodo.22815223

Schöne neue Arbeitswelt? Narrative zu KI und Zukunft der Arbeit

Über KI und die Zukunft der Arbeit wird viel erzählt: von Massenarbeitslosigkeit bis zum Leben im Überfluss. Diese Erzählungen sind nicht neutral. Sie verbreiten Werte, mobilisieren Ressourcen und schaffen die Zukunft, die sie beschreiben, ein Stück weit selbst. Im Vergleich zwischen Deutschland und den USA wird das besonders sichtbar: Wo hier Souveränität und menschliche Kontrolle im Vordergrund stehen, dominiert dort das Bild des Wettrennens. Dieser Artikel wirft einen Blick darauf, wer diese Zukünfte erzählt und wem sie nutzen.

Die Debatte um die Zukunft der Arbeit in Zeiten von KI wird kontroverser denn je geführt. Während Dario Amodei, CEO von Anthropic und damit selbst Anbieter eines der führenden KI-Modelle, davor warnt, dass KI Einstiegspositionen verdrängt und besonders junge Erwachsene vor großen Herausforderungen stehen (Morris, 2026), zeichnet Elon Musk das Bild einer utopischen Zukunft, einer “schönen neuen Welt” im Sinne von Aldous Huxley (Huxley 1932). In dieser müssen wir uns nicht mehr mit Arbeit abmühen, sondern können im Überfluss leben, da KI und Maschinen buchstäblich alles für uns erledigen (Rogelberg, 2026). Solche sinnstiftenden Erzählungen, die Einfluss auf die Art haben, wie die Umwelt wahrgenommen wird, sind sogenannte Narrative. Die Flut und Gegensätzlichkeit dieser Narrative hinterlässt eine unübersichtliche, oft chaotische Debatte. Das ist Grund genug, sich die Ideen zur Rolle von KI für die Zukunft der Arbeitswelt genauer anzusehen. Denn schließlich stehen hinter den Prognosen und Erzählungen handfeste politische sowie wirtschaftliche Interessen, die Regulierungen wie z.B. den AI Act, das weltweit erste umfassende Gesetz der Europäischen Union zur einheitlichen Regulierung von Künstlicher Intelligenz, beeinflussen. Darüber hinaus zeigen Studien, dass die Vorstellungen und Erzählungen über KI sich auch darauf auswirken, wie Arbeitnehmer*innen sich auf die Zukunft einstellen und weiterbilden (von Richthofen et al., 2027). Dabei sind die US-Narrative besonders mächtig. Große Modelle von Firmen wie OpenAI, Anthropic, Google, Meta und Microsoft dominieren nicht nur den Markt für KI-Tools, sondern beeinflussen dadurch auch, welche Themen und Sichtweisen in der öffentlichen Debatte Gehör finden.

Warum sind Narrative und die öffentliche Debatte so wichtig?

Es gibt gleich mehrere Gründe, sich die mediale Debatte zu KI genauer anzuschauen. Die Forschung hat wiederholt gezeigt, welche zentrale Rolle Massenmedien bei der Prägung von Wissen, Überzeugungen, Werten und sozialen Identitäten der Öffentlichkeit spielen (Fairclough, 1995; Bohn et al. 2026). Vor diesem Hintergrund stellt die Analyse öffentlicher Diskurse eine der wenigen denkbaren Methoden dar, um die Zukunft empirisch zu untersuchen: Da die Zukunft noch nicht eingetreten ist, fehlt uns schließlich der Zugriff auf traditionelle Datenquellen (Augustine, Soderstrom, Milner & Weber, 2019; Gümüsay & Reinecke, 2022). Konkurrierende Zukunftsbilder sind dabei nicht neutral, sondern ein Machtinstrument. Sobald sie also von einer ausreichenden Anzahl von Menschen verinnerlicht werden, entfalten sie das Potenzial, die Realität zu beeinflussen (Dries, 2024). Genau hier setzt unser Projekt „Narrative und Macht in der Debatte um KI und Arbeit“ am HIIG an, gefördert von der Hans-Böckler-Stiftung. Wir analysieren im Ländervergleich zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten, welche Erzählungen rund um KI und die Zukunft der Arbeit die öffentliche Debatte dominieren, welche Akteure sie verbreiten und welche Interessen möglicherweise dahinterstehen.

Wie untersucht man öffentliche Diskurse?

Um den öffentlichen Diskurs zur Zukunft der Arbeit zu untersuchen, haben wir die Berichterstattung deutscher sowie US-amerikanischer Qualitätszeitungen der letzten 15 Jahre analysiert.  Die Zeitungen wurden so ausgewählt, dass sie das politische Spektrum in beiden Ländern abbilden.

Um passende Artikel zu finden, haben wir eine Liste von Suchbegriffen erstellt, die Wörter rund um“Arbeit” mit KI-spezifischen Begriffen kombiniert. Aus den gefundenen Artikeln haben wir dann nur die Absätze herausgefiltert, die sich tatsächlich mit dem Thema beschäftigen.

 Diese Textabschnitte haben wir anschließend mit Topic-Modelling ausgewertet, einem Verfahren, das mithilfe von maschinellem Lernen automatisch wiederkehrende Themen in großen Textmengen erkennt.  So konnten wir herausfinden, welche Themen im Diskurs am häufigsten vorkommen, und diese über die Zeit sowie im Vergleich zwischen Deutschland und den USA verfolgen.

Technologischer Determinismus

Viele Narrative, die insbesondere von den großen digitalen Plattformen verbreitet werden, basieren auf der Theorie des technologischen Determinismus. Diese geht davon aus, dass technischer Fortschritt einer unvermeidlichen Eigendynamik folgt, an die sich die Gesellschaft lediglich anpassen kann (Schlogl et al., 2021; Gobena, 2024). In diesem Weltbild erscheint Technologie als weitgehend autonom, während Gesellschaft und Menschen als passive Objekte erscheinen, die der Technik und dem zugehörigen technologischen Imperativ – einer Art unausweichlichem „Befehl“ der Technik selbst –  folgen müssen. Es handelt sich also um die Annahme, dass umgesetzt werden muss, was technisch möglich ist, und dass technische Entwicklungen gesellschaftliche Veränderungen quasi automatisch nach sich ziehen, unabhängig davon, wie Menschen sie gestalten oder regulieren.

Dominante Narrative der Debatte

Diese Narrative finden sich in der öffentlichen Debatte beider Länder wieder. Zwar konkurrieren im Diskurs verschiedene Erzählungen über den Einfluss von KI auf die Zukunft der Arbeit, doch die meisten folgen einer Idee des technologischen Determinismus. Ein erstes wirkungsmächtiges Narrativ ist der drohende Arbeitsplatzabbau (Job Destruction). Es warnt vor Massenarbeitslosigkeit, weil Automatisierung und KI etablierte Berufsbilder und Strukturen bedrohen. 

Demgegenüber steht das Narrativ der Augmentation, die eine Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine betont (Dries et al., 2024). In dieser Sichtweise wird KI als Werkzeug begriffen, das menschliche Fähigkeiten erweitert und mühsame Routinearbeiten übernimmt, was besonders von Technologie-Experten als Weg zu mehr Produktivität und Wohlstand gerahmt wird (Richter et al., 2025; Dries et al., 2024).

Eine weitere Rolle nimmt das Narrativ des Re- und Upskilling ein. Es verspricht, die Relevanz menschlicher Arbeit durch kontinuierliches Lernen und Anpassen zu erhalten (Gobena, 2024). Kritiker weisen jedoch darauf hin, dass dieser starke Fokus auf die Eigenverantwortung von Individuen, politische und gesellschaftliche Gestaltungspotenziale vernachlässigt und damit letztlich wieder demselben technologischen Determinismus folgt (Schlogl et al., 2021). 

Eng damit verbunden ist die Vision der Arbeitsdeintensivierung, die Idee, dass Maschinen zukünftig komplett unabhängig von Menschen Wohlstand erwirtschaften. Ein bedingungsloses Grundeinkommen soll die soziale Absicherung übernehmen und Menschen mehr Zeit für Pflege, Gemeinschaft und kreative Selbstentfaltung ermöglichen (Deranty et al., 2023; Dries et al., 2024).

KI Narrative im länderspezifischen Vergleich

Alle diese Narrative sind weit mehr als bloße Ideenkonstrukte von einzelnen Tech-Unternehmern. Denn sie haben eine performative Wirkung und werden von Unternehmen und der Politik genutzt, um Überzeugungen und Werte in der Öffentlichkeit zu verbreiten und dadurch Zukunft zu gestalten (Dries et al., 2024). Besonders deutlich zeigt sich das, wenn man die Debatten über KI in unterschiedlichen Ländern vergleicht. Hier wird deutlich, dass technologische Entwicklung kein naturgegebener Prozess ist, sondern ein soziotechnisches Phänomen, das tief in kulturellen Kontexten und politischen Traditionen verwurzelt ist (Richter et al., 2025; Richter et al., 2026). Länderspezifische Vergleiche sind daher von zentralem Interesse: Sie offenbaren beispielsweise, wie Unternehmen und Regierungen kontextspezifische Ängste und Hoffnungen bewusst nutzen, um Ressourcen zu mobilisieren und für sie vorteilhafte Regeln durchzusetzen (Schlogl et al., 2021). So schüren Tech-Konzerne des Silicon Valley beispielsweise massiv die Angst vor einer technologischen Überholung durch China und nutzen diese Angst gegenüber der Politik und strenge staatliche Regulierungen zu verhindern (Richter et al., 2025).

Deutschland: Souveränität durch KI

In Deutschland wird KI insbesondere im Rahmen von „digitaler Souveränität“ verhandelt (Richter et al., 2025), also als Ziel technologischer Unabhängigkeit von amerikanischen und chinesischen Anbietern. Hierbei wird die Technologie als „smartes Tool“ oder „Co-Pilot“ geframed, der den Menschen unterstützen und von repetitiver Arbeit befreien soll, anstatt ihn zu ersetzen. Dies spiegelt ein hohes Vertrauen in staatliche Regulierung und europäische Werte wie Menschenwürde, Selbstbestimmung und demokratische Aushandlungsprozesse wider, die als langfristiger Wettbewerbsvorteil gegenüber den USA und China verstanden werden (Richter et al., 2026). 

USA: Dominanz durch KI

Im Gegensatz dazu forcieren die USA das Narrativ des „AI Race“, also einen globalen Wettbewerb um die technologische, wirtschaftliche und politische Vorherrschaft (Richter et al., 2025). KI wird hier als die entscheidende Schlüsseltechnologie gesehen, um die politische und wirtschaftliche Macht der USA zu sichern und auszubauen (Richter et al., 2025). In dieser Lesart müssen sich Gesellschaft und Individuen dem Wandel anpassen und durch ständige Selbstverbesserung und Optimierung ihre Relevanz am Arbeitsmarkt und im System sichern (Gobena, 2024; Schlogl et al., 2021).

Gestaltungswille oder technisches Schicksal

Der kurze Vergleich dieser unterschiedlichen Zukunftsbilder verdeutlicht, dass KI keine Naturgewalt ist, dem man sich alternativlos anpassen muss, wie es die Theorie des technologischen Determinismus suggeriert (Schlogl et al., 2021; Gobena, 2024). Vielmehr ist die Zukunft der Arbeit eine Erwartung, die durch die heute dominierenden Narrative erst geschaffen und gelenkt wird (Dries et al., 2024). Da diese Zukunftsbilder nicht neutral sind, werden sie von verschiedenen Interessengruppen gezielt als Instrumente politischer oder marktwirtschaftlicher Macht eingesetzt (Dries et al., 2024; Richter et al., 2025).

Es stellt sich also die  Frage: Wer erzählt diese Zukünfte, wessen Interessen dienen sie und wer kommt ihnen vor? Und welche Narrative werden nicht erzählt? Das ist zum einen eine hochpolitische Frage. Zum anderen ist es ein empirisches Puzzle, an dem wir weiterarbeiten.

Referenzen

Augustine, G., Soderstrom, S., Milner, D., & Weber, K. (2019). Constructing a distant future: Imaginaries in geoengineering. Academy of Management Journal, 62(6), 1930–1960. https://doi.org/10.5465/amj.2018.0059

Bohn, S., Lohmeyer, N., Jha, H. K., Reinecke, J. (2026). Hostile Frame Takeover: Co-opting the Security Frame in the Nuclear Energy Debate. Academy of Management Journal, (online first). https://journals.aom.org/doi/10.5465/amj.2024.0656

Deranty, J.-P., Rhodes, C., & Yeoman, R. (2023). Does work have a future? The need for new meanings and new valuings of work. Organization, 30(5), 799–808. https://doi.org/10.1177/13505084231186236

Dries, N., Luyckx, J., & Rogiers, P. (2024). Imagining the (distant) future of work. Academy of Management Discoveries, 10(3), 319–350. https://doi.org/10.5465/amd.2022.0130

Fairclough, N. (1995). Media discourse. Edward Arnold.

Gobena, E. (2024). Unboxing reskilling narratives: Analysing practice, agency and signifier in social media. New Technology, Work and Employment, 39(2), 335–361. https://doi.org/10.1111/ntwe.12299

Gümüsay, A. A., & Reinecke, J. (2022). Researching for desirable futures: From real utopias to imagining alternatives. Journal of Management Studies, 59(1), 236–242. https://doi.org/10.1111/joms.12709

Huxley, A. (2013). Schöne neue Welt. Ein Roman der Zukunft (H. E. Herlitschka, Übers.). Fischer. (Original erschienen 1932)

Morris, C. (2025, 28. Mai). Anthropic CEO warns AI could eliminate half of all entry-level white-collar jobs. Fortune. https://fortune.com/2025/05/28/anthropic-ceo-warning-ai-job-loss

Richter, V., Dergacheva, D., Kuznetsova, V. et al. Who’s driving the AI hype in its formative phase? A longitudinal analysis of stakeholders in the US and German AI discourse on Twitter 2012–2021. AI & Soc (2026). https://doi.org/10.1007/s00146-026-03079-6

Richter, V., Katzenbach, C., & Zeng, J. (2025). Negotiating AI(s) futures: Competing imaginaries of AI by stakeholders in the U.S., China, and Germany. JCOM, 24(2), A08. https://doi.org/10.22323/2.24020208

Rogelberg, S. (2026, 19. Januar). Elon Musk says that in 10 to 20 years, work will be optional and money will be irrelevant thanks to AI and robotics. Fortune. https://fortune.com/2026/01/19/when-does-elon-musk-say-work-will-be-optional-and-money-will-be-irrelevant-ai-robotics/

Schlogl, L., Weiss, E., & Prainsack, B. (2021). Constructing the „future of work“: An analysis of the policy discourse. New Technology, Work and Employment, 36(3), 307–326. https://doi.org/10.1111/ntwe.12202

von Richthofen, G., Köhne, S., & Golf-Papez, M. (2027). Adapting to generative AI in creative work: a technological frames perspective on creative advertising. Journal of Business Research, 218, 116483. https://doi.org/10.1016/j.jbusres.2026.116483

Dieser Beitrag spiegelt die Meinung der Autor*innen und weder notwendigerweise noch ausschließlich die Meinung des Institutes wider. Für mehr Informationen zu den Inhalten dieser Beiträge und den assoziierten Forschungsprojekten kontaktieren Sie bitte info@hiig.de

Anna Dumat

Wissenschaftliche Mitarbeiterin: Innovation, Unternehmertum & Gesellschaft

Georg von Richthofen, Dr.

Senior Researcher & Projektleiter: Innovation, Unternehmertum & Gesellschaft

Stephan Bohn, Prof. Dr.

Assoziierter Forscher: Innovation, Unternehmertum & Gesellschaft

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