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Kann KI die Demokratie stärken? Ein Datensatz zu KI-Projekten, die demokratische Prozesse unterstützen möchten
Künstliche Intelligenz wird oft als Instrument dargestellt, das demokratische Prozesse stärken könnte. Bislang gibt es jedoch kaum empirische Belege, die solche Behauptungen stützen oder widerlegen. Das Forschungsprojekt „Impact AI“ untersucht die tatsächlichen Auswirkungen von KI-Anwendungen, die sich dem Gemeinwohl und der Nachhaltigkeit verpflichtet sehen. In seiner ersten Phase richtet das Projekt den Blick auf Organisationen, die entsprechende KI-Tools zur Stärkung demokratischer Prozesse anbieten. Dabei zeigt sich: Es mangelt an belastbaren Daten, um dieses aufstrebende Anwendungsfeld von KI systematisch erfassen zu können. Der vorliegende Artikel stellt einen Datensatz von 98 KI-Projekten, die ausdrücklich für sich beanspruchen, demokratischen Zwecken zu dienen. Der Datensatz soll Forschenden als Grundlage dienen, um diese Behauptungen empirisch zu prüfen und die gesellschaftlichen Auswirkungen der Projekte zu bewerten. Der Artikel beschreibt, wie der Datensatz entwickelt wurde, welche Informationen er umfasst und wie er dazu beitragen kann, mehr Evidenz und Transparenz beim Einsatz von KI für die Demokratie zu schaffen.
Weltweit wächst bereits eine ganze Generation junger Menschen mit einer Vielzahl von KI-gestützten Tools auf. Zugleich entstehen zunehmend konkrete Anwendungen, die darauf abzielen, demokratische Prozesse zu stärken. In einer Zeit, in der die Demokratie vielerorts unter Druck steht, verfolgen viele dieser Initiativen einen doppelten Ansatz. Sie wollen demokratische Praktiken wiederherstellen und unterstützen oder die Krise der Demokratie analysieren und Wege zu ihrer Stabilisierung aufzeigen. Auch der AI Action Summit im Jahr 2025 griff diese Debatte auf. In mehreren Veranstaltungen wurde diskutiert, inwiefern KI-Systeme diesen Prozess unterstützen könnten. Dabei wurde die These vertreten, dass KI-Anwendungen in Zukunft für Partizipation, demokratische Praktiken und Governance relevant werden könnten.
KI im Dienst der Demokratie?
Ein aktuelles Beispiel aus Kolumbien ist der KI-Avatar „Gaitana“ (Lozada & Chandran, 4. März 2026). Der von Angehörigen der indigenen Zenú-Gemeinschaft entwickelte Bot soll zwei menschliche Kandidierende, die bei den Parlamentswahlen im März 2026 antreten, digital repräsentieren. Im Falle einer Wahl hätten die beiden Kandidierenden sämtliche gesetzgeberische Entscheidungen an die Plattform delegiert. Diese sammelt mithilfe von KI Meinungen und stellt einen Konsens unter den Angehörigen der Gemeinschaft her, während Blockchain und Smart Contracts den Prozess überprüfbar machen. Da jedoch keiner der beiden Kandidaten die Wahl gewonnen hat, wurde die Technologie in der Praxis nie getestet (Acosta, 17. März 2026).
Neben diesem Beispiel für die Ausweitung politischer Repräsentation gibt es eine Reihe weiterer Anwendungen von KI in demokratischen Prozessen. Beispielsweise mit dem Schwerpunkt auf der Untersuchung von Hassrede (Landesanstalt für Medien NRW, 7. Februar 2025), dem Erleichtern von Online-Diskussionen, der Kontrolle öffentlicher Ausgaben oder der Unterstützung bei Verhandlungen, wie im Fall einer Anwendung, die während der COP30-Klimakonferenz in Brasilien getestet wurde. Dieses neue Anwendungsfeld von KI in demokratischen Prozessen wirft zahlreiche Fragen auf. Eine zentrale davon: Sind die damit verbundenen Behauptungen stichhaltig und inwiefern könnten solche KI-Anwendungen demokratische Deliberation und Governance tatsächlich beeinflussen und unterstützen?
Impact bewerten
In unserem transdisziplinären Forschungsprojekt Impact AI am Alexander von Humboldt Institut für Internet & Gesellschaft (HIIG) untersuchen wir die Auswirkungen von KI-Projekten, die der Gesellschaft und dem Planeten dienen sollen. Gemeinsam mit unseren zivilgesellschaftlichen Partnern Greenpeace und der Gemeinwohl-Ökonomie Deutschland haben wir beschlossen, „KI für die Demokratie“ zu unserem ersten Schwerpunktthema zu machen. Das bedeutet, dass wir drei KI-Anwendungen in diesem Bereich untersuchen. Wir haben dieses Thema nicht nur gewählt, weil es in globalen politischen Foren eine so herausragende Rolle spielt, sondern auch, weil Erkenntnisse darüber, wie KI-Anwendungen demokratische Praktiken beeinflussen, für die Zukunft unserer Gesellschaft von entscheidender Bedeutung sind. In unserer Forschung legen wir großen Wert darauf, die Auswirkungen solcher Projekte zu verstehen – insbesondere, wie sie in Bezug auf Nachhaltigkeit und Aspekte des Gemeinwohls abschneiden. Unser Forschungsteam hat dafür ein ganzheitliches Impact Assessment entwickelt, um diese Fragen zu beantworten und mehr Transparenz in diese Debatte zu bringen.
Eine Annäherung an das Feld
Um Anwendungsfälle im Bereich „KI für Demokratie“ für unser Impact Assessment auszuwählen, haben wir zunächst ein Mapping des Feldes vorgenommen und so viele Projekte wie möglich zusammengetragen, aus denen wir dann eine Auswahl getroffen haben. Das hier veröffentlichte „AI for Democracy Dataset“ ist das Ergebnis dieses Mappings. Wir stellen unsere Sammlung von Anwendungsfällen öffentlich zur Verfügung, da wir glauben, dass sie für die Zivilgesellschaft und andere Forschende von Interesse ist und eine Grundlage für die Auseinandersetzung mit dem Thema bietet. Für die Projekte im Datensatz können wir keine Aussage darüber treffen, ob diese tatsächlich Demokratie fördern. Wir stellen lediglich fest, dass sie diesen Anspruch erheben – das ist ein wichtiger Unterschied. Das heißt, wir können weder positive noch negative Auswirkungen dieser Projekte bestätigen oder verneinen. Vielmehr beschreiben sich die erfassten Projekte selbst als solche mit positiven Auswirkungen für die Demokratie. Auch wenn der Datensatz recht umfangreich ist, ist er keineswegs vollständig oder repräsentativ für das gesamte Forschungsgebiet.
Wie wurden die Daten erhoben?
Wir haben das „AI for Democracy Dataset“ aus verschiedenen Quellen zusammengestellt. Der hier veröffentlichte Datensatz baut auf zuvor vom Forschungsprojekt Public Interest AI erhobenen Daten auf, die auf Hugging Face veröffentlicht wurden. Darüber hinaus enthält er Daten aus zwei europäischen Initiativen, die rund um den AI Action Summit 2025 in Paris entstanden sind: Zum einen eine Reihe von Projekten, die von der Initiative AI for Democracy – Democratic Commons vorgestellt wurden, und zum anderen Projekte, von denen einige einem Aufruf des Paris Peace Forum für KI im Dienste des Gemeinwohls gefolgt sind. Von den insgesamt 770 eingereichten Projekten wurden dabei 50 ausgewählt. Wir haben diese 50 KI-Projekte als Ausgangspunkt genommen, 24 davon als relevant für die Demokratie identifiziert und in unseren Datensatz aufgenommen.
Über diese Quellen hinaus haben wir methodisch weitere relevante KI-Projekte mithilfe eines „purposeful sampling approach” (Bouncken et al., 2026) zusammengetragen. Dieser stütze sich zum einen auf eine Websuche, bei der wir die Ergebnisse spezifischer Suchanfragen (z. B. „AI for democracy“) untersucht haben, sowie auf einer netzwerkbasierten Suchmethode, bei der wir berufliche Netzwerke und Kontakte genutzt haben, um weitere relevante KI-Projekte zu identifizieren.
Was ist im Datensatz enthalten?
Jedes Projekt, das im Rahmen dieser Recherchen gefunden wurde, haben wir dokumentiert und anhand einer Minimaldefinition für den Datensatz geprüft: Anhand der online verfügbaren Dokumentation haben wir untersucht, ob das Projekt den Anspruch erhebt, KI für die Demokratie einzusetzen. Das daraus resultierende „AI for Democracy Dataset“ umfasst 98 KI-Projekte, die ausdrücklich den Anspruch erheben, der Demokratie zu dienen. Wir haben die Website jedes einzelnen Projekts untersucht, bevor wir es in den Datensatz aufgenommen haben. Zusätzlich zu den grundlegenden Informationen zu jedem Projekt haben wir basierend auf unseren Recherchen weitere Merkmale für die Dokumentation festgelegt (die vollständige Beschreibung findet sich im readme-Text des Datensatzes).
Wir haben mit dem Namen jedes Projekts begonnen. Als Nächstes folgt das SDG, auf das sich das Projekt bezieht. Obwohl alle Projekte einen Bezug zur Demokratie haben, können sie dennoch spezifische Schwerpunkte aufweisen und sich daher auf unterschiedliche SDGs beziehen. Während einige der erfassten KI-Projekte die SDGs eindeutig als Bezugspunkt nennen, haben wir andere einem oder zwei SDGs zugeordnet, die unserer Ansicht nach am besten zu den Projektzielen passen. Außerdem haben wir Hashtags vergeben, die den Anwendungsbereich der jeweiligen Projekte eingrenzen und so weitere Details liefern. Zudem haben wir vermerkt, ob ein Projekt gewinnorientiert oder gemeinnützig betrieben wird oder ob es sich um ein Forschungsprojekt handelt.
Darüber hinaus geben wir zur verwendeten KI/Technologie unsere bestmögliche Einschätzung wieder, die auf den von jedem Projekt bereitgestellten Informationen basiert. Anschließend nennen wir die Eigentümer sowie den Aktivitätsstatus des Projekts. Zusätzlich zum Standort jedes Projekts haben wir, sofern verfügbar, die Zielregion der Anwendung vermerkt. Sofern wir Finanzierungsquellen identifizieren konnten, haben wir auch diese in den Datensatz aufgenommen. Neben dieser Systematisierung enthält der Datensatz einen Weblink zur jeweiligen Projektwebseite, der eine eingehendere Untersuchung ermöglicht. Die Beschreibung jedes Projekts sowie alle weiteren gesammelten Informationen stammen von der jeweiligen Webseite. Wichtig zu beachten: Die angegebenen Informationen können sich seitdem geändert haben und beziehen sich ausschließlich auf den Zeitpunkt der Aufnahme des jeweiligen Projekts in den Datensatz.
Stoff für weitere Forschung
Zum jetzigen Zeitpunkt können wir keine eingehende Analyse aller Projekte des Datensatzes anbieten, doch könnte er anderen Forschenden dabei helfen, das Feld „AI for Democracy“ zu verstehen und Fragestellungen für die weitere Forschung zu identifizieren. Allein anhand der Projektbeschreibungen und Websites lässt sich nur schwer feststellen, welche Projekte tatsächlich (noch) aktiv sind und was sie bisher erreicht haben. Eine Folgestudie, die diese Projekte in einem Jahr erneut untersucht, könnte Aufschluss über die auffällige Tendenz geben, dass KI-Projekte nach Auslaufen der Finanzierung oft eingestellt werden.
Bei der Betrachtung unseres Datensatzes haben wir festgestellt, dass eine beträchtliche Anzahl von Projekten für ihre Zwecke auf die Verarbeitung natürlicher Sprache (Natural Language Processing) zurückgreift. Dies spiegelt vermutlich den diskursiven Charakter eines Großteils dieser Arbeit wider: Viele Projekte setzen sich über Sprache mit Demokratie auseinander, indem sie Gruppendiskussionen zusammenfassen, Falschinformationen aufspüren oder Mediationsprozesse unterstützen. Zukünftige Forschung könnte dies weiter untersuchen und danach fragen, welches Verständnis demokratischer Prozesse in den jeweiligen KI-Anwendungen zum Ausdruck kommt und welche Rolle der KI dabei jeweils zugeschrieben wird.
Nur ein Anfang
KI für die Demokratie ist ein relativ junges Anwendungsgebiet, das sich noch in der Entwicklung befindet. Viele der Projekte, auf die wir gestoßen sind, befinden sich noch in der Testphase, verfeinern ihre Methoden und passen ihre Strategien an, um Wirkung zu erzielen. Mit diesem Datensatz möchten wir andere Wissenschaftler*innen dazu einladen, gemeinsam eine Evidenzbasis aufzubauen, Erkenntnisse auszutauschen und Transparenz hinsichtlich des Einsatzes von KI für demokratische Prozesse zu fördern.
Wir freuen uns darauf, im Laufe des Jahres 2026 über einzelne Projekte zu berichten, und sind gespannt auf die weitere Entwicklung in diesem Bereich. In einer Zeit zunehmender Unsicherheit und globalen Wettbewerbs sind ein offener und respektvoller Austausch, kritische Reflexion sowie internationale Zusammenarbeit die Voraussetzungen dafür, dass Technologie – und insbesondere KI – zum Wohle aller entwickelt werden kann.
Referenzen
Acosta, A. (2026, 17. März). „Gaitana IA“: The AI candidate that ran in Colombia’s elections. Latin America Reports. https://latinamericareports.com/gaitana-ai-the-ai-candidate-that-ran-in-colombias-elections/13929/
AI for Democracy – Democratic Commons. (2024). AI for Democracy: Democratic Commons. https://about.make.org/democratic-commons/landing-page
Bouncken, R. B., Czakon, W., & Schmitt, F. (2026). Purposeful sampling and saturation in qualitative research methodologies: Recommendations and review. Review of Management Science, 20, 579–615. https://doi.org/10.1007/s11846-025-00881-2
Élysée. (2025). Artificial intelligence action summit. https://www.elysee.fr/en/emmanuel-macron/artificial-intelligence-action-summit
Landesanstalt für Medien NRW. (2025, 7. Februar). Für mehr Sicherheit im Netz. https://www.medienanstalt-nrw.de/presse/pressemitteilungen/pressemitteilungen-2025-02/fuer-mehr-sicherheit-im-netz.html
Lozada, M., & Chandran, R. (2026, 4. März). An AI avatar is running to represent Indigenous voters in Colombia. Rest of World. https://restofworld.org/2026/ai-avatar-colombia-political-candidate/
NegotiateCOP. (o.D.). NegotiateCOP. https://negotiatecop.org/
Paris Peace Forum. (2024). Call for AI projects. https://parispeaceforum.org/call-for-ai-projects/
Serenata de Amor. (o.D.). Serenata de Amor: Artificial intelligence for social control of public spending. https://serenata.ai/en/
Stanford Online Deliberation. (o.D.). Online deliberation platform. https://stanforddeliberate.org/
Dieser Beitrag spiegelt die Meinung der Autor*innen und weder notwendigerweise noch ausschließlich die Meinung des Institutes wider. Für mehr Informationen zu den Inhalten dieser Beiträge und den assoziierten Forschungsprojekten kontaktieren Sie bitte info@hiig.de

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