In den vergangen zwei Jahren sind immer wieder GründerInnen über die Startup Clinics an uns herangetreten mit der Herausforderung eine/n passende/n MitgründerIn zu finden. Als verantwortlicher Doktorand der HR & Culture Clinic habe ich GründerInnen jeweils persönlich getroffen und um sie  bei der Suche nach potenziellen Co-FounderInnen zu unterstützen. Es trat dabei weitaus häufiger auf, dass technische MitgründerInnen gesucht wurden als MitgründerInnen, die in erster Linie über betriebswirtschaftliche Kompetenzen verfügen. Oftmals waren die GründerInnen bereits seit Monaten auf der Suche, teilweise sogar länger als ein ganzes Jahr. Deshalb gab es schon seit geraumer Zeit die Idee eine Veranstaltung zum Thema Co-Founding zu organisieren.

Vor wenigen Tagen widmeten wir daher unsere Aufmerksamkeit im vierten Startup Clinics Talk der Frage “Wie finde ich den/die passende/n Mitgründer/in?” Das Event fand im Rahmen von Gründen Live 2015 in der Factory Berlin statt. Unser ExpertInnen-Panel bestand dieses Mal aus Anna Rojahn (Gründerin, Fast Forward Imaging), Sarah Hoffmann (Director People & Organization, HitFox / FinLeap), Chris Baier (Gründer, founderio), Michael Pütz (Gründer, DaWanda), Philippe Bopp (Gründer, machtfit), Sebastian Klein (Gründer, Blinkist) sowie dem Moderator des Abends Mark Möbius (Gründer, StartupMatch). Auf Gründerszene ist bereits ein Artikel zu unserer Veranstaltung erschienen, der die diskutierten Erkenntnisse aus der ExpertInnenrunde super zusammenfasst. Dieser Blogbeitrag soll der Ergänzung dienen, in dem ich fehlende Aspekte aufgreifen möchte, die in der bisherigen Besprechung zu kurz gekommen sind.

Abbildung 1: von links nach rechts: Sebastian Klein, Chris Baier, Anna Rojahn, Mark Möbius, Michael Pütz, Philippe Bopp und Sarah Hoffmann

Zunächst sollte sich jede/r GründerIn mit einer eigenen Idee fragen, welche weiteren Kompetenzen zur Umsetzung seines/ihres Gründungsvorhabens tatsächlich erforderlich sind und welche humanen, sozialen und finanziellen Ressourcen ihm/ihr gegebenenfalls fehlen. Konkrete Fragen könnten zum Beispiel sein: Habe ich alles was es braucht um die eigene Idee alleine umzusetzen oder fehlen mir zum Beispiel wichtige Programmierkenntnisse oder bestimmtes Marketing- und Vertriebswissen? Ist die Anzahl an relevanten Kontakten meines eigenen Netzwerks (zu potentiellen Partnern, Kunden, Mitarbeitern, Mentoren, Investoren etc.) groß genug? Reichen die verfügbaren finanziellen Mittel aus um die Gründung erfolgreich umzusetzen? Dies sind u. a. wichtige Fragen, die eine Grundlage für einen anschließenden Co-FounderIn-Auswahlprozess bilden sollten. Sollte es nichts dergleichen fehlen, kann es durchaus eine Option sein alleine zu gründen. Mangelt es dagegen an bestimmten Kompetenzen, die bereits zum Zeitpunkt der Gründung erforderlich sind oder will man als GründerIn lieber mit anderen Personen zusammen arbeiten und  entscheiden ist eine Solo-Gründung die falsche Option.

Tatsächlich werden mehr als 75% aller Startups im Team gegründet (DSM 2014). Demzufolge findet in welcher Form auch immer bei drei von vier GründerInnen ein Suchprozess statt. Es ist dabei immer am naheliegendsten die Suche bei den eigenen Kontakten zu starten. Mögliche Quellen können zum Beispiel FreundInnen, aktuelle und ehemalige KollegInnen oder KommilitonInnen oder u. U. auch die eigene Familie sein. Noam Wasserman’s Modell (siehe Abbildung 1) aus dem Buch “The Founder’s Dilemmas” zeigt, dass es neben den engeren Kontakten auch noch das indirekte Netzwerk gibt, das aus gemeinsamen Bekannten und verschiedenen weiteren Kontakten zweiten Grades besteht. Sofern man jedoch im direkten und indirekten Kontaktnetzwerk niemanden findet, gibt es auch die Option mit “Fremden” zu gründen.

 

Abbildung 2: Gründen, mit wem? Quelle: Noam Wasserman, The Founder’s Dilemmas (2012) Eigene Darstellung

Abbildung 2: Gründen, mit wem?
Quelle: Noam Wasserman, The Founder’s Dilemmas (2012)
Eigene Darstellung

Für letztgenannte Alternative gibt es auf der Suche nach potenziellen Co-FounderInnen im Internet bereits zahlreiche Portale auf die man zurückgreifen kann. Beispiele sind u. a. founderio.com (ehemals mitgründer.com), founder2be.com, startupsucht.com oder cofounderslab.com. Hier kann man als suchende/r GründerIn entweder selbst annoncieren oder aber interessante KandidatInnen mit den passenden Kompetenzen proaktiv kontaktieren. Darüber hinaus gibt es auch bei den bekannten Online-Netzwerken wie XING, LinkedIn oder Facebook bestehende Gruppen, die sich explizit dem Thema Co-Founding widmen. Auch Veranstaltungen können ein vielversprechender Weg sein, um eine/n passende/n MitgründerIn zu finden. In Berlin gibt es zum Beispiel eine knapp 2.000 MitgliederInnen große Meetup-Gruppe namens Co-Found Berlin, die sich etwa einmal im Monat an wechselnden Orten der Stadt trifft.

Unsere eingeladenen ExpertInnen betonten immer wieder, wie wichtig es sei, mit anderen so viel und so oft wie möglich über die eigene Idee zu sprechen. Nur so hätte man gute Chancen am Ende jemand Passenden zu finden. Des Weiteren lernt man durch das Feedback aus den Gesprächen und kommt auf diese Weise sehr wahrscheinlich selbst schneller zur erfolgreichen Umsetzung der eigenen Idee. Keine gute Idee sei es hingegen dem Gegenüber im ersten Schritt ein Non-Disclosure Agreement (NDA) auszuhändigen, welches zunächst unterschrieben werden muss bevor man tatsächlich über die eigene Geschäftsidee reden kann1. In unserer Diskussionsrunde herrschte daher Konsens darüber, dass die Ausführung am Ende mehr zählt als die tatsächliche Idee an sich.

Die ExpertInnen vertraten mehrheitlich die Auffassung, dass es die perfekte Person vermutlich nicht geben wird und das man “einfach anfangen, einfach machen” sollte, sofern Bauch- und Kopfgefühl grundsätzlich stimmen. Wichtig sei es als Team die gleichen Werte, Visionen (evtl. auch Arbeitsweisen) und eine gemeinsame Begeisterung zu teilen. Sofern diese Begeisterung oder Leidenschaft fehlt und man das Gefühl hat jemanden für die Sache zu sehr überzeugen zu müssen, sei dies vermutlich nicht der oder die richtige GründungspartnerIn. Laut vorherrschender ExpertInnenmeinung in der Diskussionsrunde sind Lernwilligkeit, Leidensfähigkeit, Drive, Selbstreflektion und Optimismus weitere wichtige Schlüsselkompetenzen die es im Prozess ebenfalls zu prüfen gilt. Selbst bei direkten Absagen kann es hilfreich sein den/die Gegenüber nach weiteren Kontakten zu fragen. Möglicherweise hat der/die GesprächspartnerIn wiederum jemand aus seinem/ihrem unmittelbaren Umfeld im Hinterkopf, der oder die sowohl von der Idee überzeugt sein könnte als auch auf persönlicher und fachlicher Ebene ins Team passen würde.

Falls sich jedoch alle Beteiligten ein gemeinsames Miteinander vorstellen können, sollte man schnellstmöglich damit beginnen über die gegenseitigen Erwartungen zu sprechen und diese idealerweise auch schriftlich festzuhalten. Dies umfasst sowohl die geplante Aufteilung bzw. Verteilung der Anteile, das Level an Commitment, das jede/r bereit ist in das Projekt zu stecken als auch die grundsätzliche Rollen- und Verantwortungsaufteilung. Wenn man bereits im zweiten, dritten oder vierten Gespräch frühzeitig darüber spricht, können spätere Missverständnisse womöglich vermieden werden. Sofern auch hier Einigkeit besteht ist eine Zusammenarbeit auf Probe zu empfehlen in der man versucht herauszufinden, ob sich das anfänglich gute Gefühl bewahrheitet. Ein gemeinsamer Urlaub auf engsten Raum kann zum Beispiel zeigen, ob man tatsächlich ein richtig gutes Gründungsteam bildet.

Sofern man zu einem späteren Zeitpunkt feststellt, dass die Zusammenarbeit nicht funktioniert, sollte man am Besten schnell das Gespräch suchen, ausführlich miteinander sprechen und versuchen die Dinge zu klären und aus dem Weg zu räumen. Falls dies nicht möglich ist, so dürfe man auch keine Angst vor einer Trennung haben, erklärte eine der anwesenden ExpertInnen.

Wer das Event verpasst hat, kann sich im nachfolgenden Video selbst einen Eindruck des Talks verschaffen.

Der Audio-Mitschnitt zur Veranstaltung ist ab sofort hier verfügbar.


1 Einzige Ausnahme stellen in diesem Fall Gründungen dar, bei denen später Patente angemeldet werden sollen. Über technische und schützenswerte Aspekte sollte daher besser nicht gesprochen werden.

Quellen:

  • Noam Wasserman 2012, The Founder’s Dilemmas
  • Sven Ripsas & Steffen Tröger 2014, Deutscher Startup Monitor

Dieser Beitrag ist Teil der regelmäßig erscheinenden Blogartikel der Doktoranden des Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft. Er spiegelt weder notwendigerweise noch ausschließlich die Meinung des Institutes wieder. Für mehr Informationen zu den Inhalten dieser Beiträge und den assoziierten Forschungsprojekten kontaktieren Sie bitte info|a|hiig.de.

Share

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.