Das Forschungsgebiet Internet Policy & Governance befasst sich mit Prozessen der öffentlichen und privaten Regulierung im Online-Bereich aus sozialwissenschaftlicher Perspektive. Dabei betrachten wir Regulierungsbemühungen als Konstrukte wechselseitiger Wirkung von soziokulturellen, technischen und rechtlichen Normen. Diese Normen treten dort in Erscheinung, wo verschiedene Akteure bzw. Interessensgruppen an Normierungsprozessen beteiligt sind. In diesem weit gefassten Kontext geht es uns insbesondere darum, Regulierungsprozesse auszumachen, deren Weiterentwicklung auch signifikanten Einfluss auf die Entwicklung des Internets insgesamt entfalten wird. Beispiele hierfür sind einerseits urheberrechtliche Aspekte und deren Umsetzung oder etwa auch die Meinungsfreiheit in sozialen Medien (siehe unten).

Der konzeptionelle Ansatz stützt sich auf zwei innovative Forschungsfelder und versucht, diese zu vereinen: Die Governance-Forschung sowie den «Science, Technology and Society»-Ansatz (STS) der Wissenschaftsforschung. Die analytische Stärke des «Governance»-Ansatzes liegt darin begründet, dass Regulierungsprozesse als dezentrale Abläufe innerhalb einer gegebenen Ordnung betrachtet werden. Anstatt sich ex ante auf gesetzgebende Kräfte und Rechtsnormen zu beschränken, zielt dieser Ansatz darauf ab, alle relevanten Akteure und Regulierungsgrößen zu berücksichtigen – einschließlich beispielsweise technischer Standards. Der STS-Ansatz betont hingegen eher den sozialen Charakter der Entwicklung von Wissenschaft und Technologie. Statt wissenschaftliche und technologische Errungenschaften als «black boxes» zu betrachten, konzeptualisiert STS diese als «society made durable» (Latour). Studien zu Governance-Strukturen neigen dazu, Technologie eher als Gegenstand von Politik anzusehen anstatt diese als Mittel der Regulierung zu begreifen. Andererseits beinhaltet der STS-Ansatz einen präzisen Blick auf Zusammenhänge und Verschiebungen zwischen technischen und sozialen Aspekten – jedoch ohne einen klaren Begriff ihrer politischen bzw. regulatorischen Bedeutung. Unser Ansatz basiert auf der Annahme, dass der sozio-technische Charakter von Regulierungsprozessen im Internet einer Kombination beider Forschungsansätze bedarf, um Internet-Regulierung analytisch erfassen zu können.

Allen aktuellen Forschungsprojekten im Feld Internet-Regulierung & Governance ist ein Fokus auf technologiebezogene Regulierungsprozesse gemein, der die Technologie sowohl als Gegenstand als auch als Mittel der Regulierung ansieht. Technologie ist demnach weder als abhängige noch als unabhängige Variable zu verstehen, sondern als Teil dynamischer Governance-Prozesse. Aus empirischer Sicht befasst sich unser Leitprojekt mit der Zirkulation und Verbreitung von Kulturgütern sowie der Rolle des Urheberrechts hierbei. Diesen Fokus möchten wir in naher Zukunft ausweiten, um die Entwicklung der Internet-Architektur erfassen zu können und zu untersuchen, inwiefern neue Online-Angebote die  grundlegende Netzwerk-Struktur beeinflussen – und umgekehrt.

Hauptforschungsprojekte:

Aktuelle Publikationen:

Fischer, Florian. Forthcoming. Local Search Applications and Urban Public Space: Interfacing Networked Individualism and Tangible Urbanism. In: International Journal of Technology and Human Interaction.

Fischer, Florian. Forthcoming. Everyday Geomedia use and the appropriation of Space. In: Eric Sanchez, Inga Gryl, Thomas Jekel, Caroline Juneau-Sion, John Lyon: Learning & Teaching with Geomedia. Heidelberg: Springer.

Ziewitz, Malte / Pentzold, Christian. 2013. «In Search of Internet Governance: Performing Order in Digitally Networked Environments». In: New Media & Society. Online First. DOI: 10.1177/1461444813480118. [Link]

Wagner, Ben / Gollatz, Kirsten / Calderaro, Andrea. 2013. «Common Narrative – Divergent Agendas: The Internet & Human Rights in Foreign Policy». Conference Proceedings. International Conference on Internet Science. Brussels, April 9-11, 2013. 19-27. (Award for Best Student Paper of the Network Of Excellence for Internet Science) [Volltext]

Fischer Florian / Schildhauer , Thomas (2013): Vernetzter Urbanismus. Von der Netz- zur Stadtentwicklungspolitik. In: polis. Magazin für Urban Development.

Hofmann, Jeanette. 2013. «Narratives of Copyright Enforcement: The Upward Ratchet and the Sleeping Giant». In: Revue Française D’Études Américaines (Forthcoming). [Preprint]

Katzenbach, Christian. 2013. «Media Governance and Technology. From ‘Code is Law’ to Governance Constellations». In: Monroe Price, Stefaan Verhulst und Libby Morgan (Hg.). Routledge Handbook of Media Law. Abingdon, New York: Routledge: 399-418.

Hofmann, Jeanette/Katzenbach, Christian/Merlin Münch. 2012. Kulturgütermärkte im Schatten des Urheberrechts. Zur Pluralität praktizierter Regelungsformen. Aus Politik und Zeitgeschichte 62 (41-42): 39-45. [Volltext]

Hofmann, Jeanette. 2012. Information und Wissen als Gegenstand oder Ressource von Regulierung. Politische Vierteljahresschrift, Sonderheft 46: 5-23.

Hofmann, Jeanette. 2012. Private Ordering in the Shadow of Copyright Law. Google Books as a Blueprint. Politische Vierteljahresschrift, Sonderheft 46: 248-272. [Preprint]

Busch, Andreas/Jeanette Hofmann (Hg.). 2012. Politik und die Regulierung von Information. (Sonderheft 46 der Politischen Vierteljahresschrift.) Nomos: Baden-Baden.

Hofmann, Jeanette. 2012. Kollektive Kreativität. Probleme des Urheberrechts aus interdisziplinärer Perspektive. WZB-Mitteilungen (136): 11-14. [pdf]

Katzenbach, Christian. 2012. »Technologies as Institutions: Rethinking the Role of Technology in Media Governance Constellations”. In: Manuel Puppis/Natascha Just (Hg.). Trends in Communication Policy Research: New Theories, Methods and Subjects. Intellect: 117-138. [pdf]

Dobusch, Leonhard/Kirsten Gollatz. 2012. «Piraten zwischen transnationaler Bewegung und lokalem Phänomen». In: Christoph Bieber/Claus Leggewie (Hg.). Unter Piraten. Erkundungen in einer neuen politischen Arena. Bielefeld: transcript: 25-40.