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Das Momentum nutzen – Denken wir bei Open Access weit genug?

Letzte Woche trat das Editorial Board der linguistischen Fachzeitschrift Lingua geschlossen zurück. Die Gruppe um den Chefredakteur Johan Rooryck, Sprachwissenschaftler an der Universität Leiden, kündigte an, ein neues Journal unter dem Namen Glossa zu gründen. Rooryck begründet den Rücktritt des Editorial Board damit, dass das Verlagshaus Elsevier, bei dem Lingua erscheint, nicht auf deren Open-Access-Bedingungen eingehen will. Lingua existiert seit 1949 und ist auf Google-Scholar immerhin unter den wichtigsten drei sprachwissenschaftlichen Fachzeitschriftenzu finden.

Der Fall Lingua/Glossa ist interessant, da er Vorbild für andere Fachzeitschriften werden könnte. Er ist außerdem ein guter Anlass, um unser Verständnis von Open Access und wie wir in Zukunft publizieren möchten, zu hinterfragen.  

Die Spannungen um Open Access

Vereinfacht gesagt, bedeutet Open Access, dass der Zugang zu wissenschaftlichen Artikeln und anderen Materialien (z. B. Forschungsdaten) im Internet kostenfrei möglich ist.

Die Forderung nach dem freien Zugang zu Artikeln begründet sich darin, dass der wesentliche Teil des Publizierens, etwa die Verschriftlichung und Einreichung eines Artikels, die Auswahl von Artikeln und die Peer-Review, von Wissenschaftlern selbst getragen wird. Die Befürworter von Open Access kritisieren daher (zurecht), dass ein Großteil der, meist steuermittelfinanzierten, Forschung nicht kostenfrei online zugänglich ist. Hinzu kommt, dass die hohen Lizenzgebühren für Fachzeitschriften und Paketdeals den Universitäts- und Forschungsbibliotheken zu schaffen machen (auch hier); Wissenschaftsverlage wie Elsevier, Wiley oder Springer aber seit Jahren auf Kosten der akademischen Wissenschaft stattliche Gewinne einfahren. Der Steuerzahler bezahlt so quasi doppelt: Einmal für die Artikel und einmal dafür, dass die Bibliotheken sich wieder den Zugang zu den Artikeln erkaufen müssen. Die Diskussion um freien Zugang ist verständlicherweise auch eine emotionale.

Die Verlage halten dagegen, dass die Organisation des Peer-Review-Prozesses, die redaktionelle Bearbeitung eines Textes und dessen Veröffentlichung Geld kosten. Zudem erfüllen ihre Fachzeitschriften eine wichtige kuratierende Funktion in einer zunehmend unübersichtlichen Publikationslandschaft. Der neueste Bericht der STM Association zählte mehr als 28.000 peer-reviewed Fachzeitschriften, die jährlich mehr als 2.5 Millionen Artikel veröffentlichen. Der Bericht stellt fest, dass die Anzahl der Artikel seit zwei Jahrhunderten stetig wächst. Für Forscher ist es schwer, in dem Wust an Informationen Qualität zu identifizieren. Etablierte Fachzeitschriften bieten hier eine Orientierung. Auch das ist sicherlich richtig.

Die Forderung nach dem freien Zugang zu Artikeln aus akademischer Forschung ist längst keine ideologische mehr. Forschungsförderer, Forschungsverbünde, Institute und Universitäten haben längst Open-Access-Strategien ausgearbeitet. Das Land Berlin etwa hat letzten Monat eine eigene Open-Access-Strategie  vorgestellt. Österreich will bis 2025 komplett auf Open Access umstellen. Es tut sich was beim akademischen Publizieren. Mit den neuen Online-Distributionswegen für wissenschaftliche Ergebnisse steht die traditionelle Vermittlerfunktion von wissenschaftlichen Verlagen zumindest zur Disposition.

Verständnis von Open Access

Es ist viel dran am Argument, dass Ergebnisse aus öffentlich finanzierter Forschung grundsätzlich jedermann offen stehen sollten. Das beflügelt die Forschung, bereichert die Lehre und entlastet die Bibliotheken. Das Verständnis von Open Access innerhalb der wissenschaftlichen Community ist bisweilen allerdings krude.

Viele Forschende glauben, dass Open-Access-Publikationen per se einen geringeren Stellenwert haben—eine Ansicht, die so natürlich nicht stimmt, von etablierten Verlagen aber gern angeführt wird. Leicht schizophren, bieten etablierte Fachzeitschriften doch selbst häufig das goldene Open-Access-Modell an, bei dem Artikel gegen eine Gebühr, die sogenannte Article Processing Charge, zugänglich gemacht werden. Einige Fachgemeinschaften führen zudem renommierte Working-Paper-Serien, die auf dem grünen Weg, also online und ohne klassische Review, publiziert werden. Die Ansicht, dass Open-Access-Publizieren trotzdem »schlechteres Publizieren« ist, ist der großen Zahl fragwürdiger Open-Access-Zeitschrift geschuldet, die seit einigen Jahren wie Pilze aus dem Boden schießen. Diese »predatory journals« verlangen hohe Publikationsgebühren, ohne die üblichen redaktionellen Leistungen seriöser Fachzeitschriften zu bieten. Artikel dieser Zeitschriften werden in der Community quasi nicht wahrgenommen. Wissenschaftlern, die sich mit dem Thema nicht weiter auseinandergesetzt haben, fällt es allerdings schwer die Spreu vom Weizen zu trennen. Um auf Nummer sicher zu gehen, setzen sie auf altbekannte Verlage.

Beim Blick auf viele Initiativen der Forschungsförderer, Universitäten, Institute und Fachgesellschaften entsteht bisweilen der Eindruck, die Sache wäre mit der Einrichtung von Publikationsfonds getan. Die Fonds dienen dazu, die Gebühren des Veröffentlichens auf dem goldenen Weg zu decken und einzelne Artikel »freizukaufen«. Bei Lingua beträgt diese »Opt-In-Gebühr« übrigens rund 1.600 Euro und ist im Vergleich zu den Gebühren anderen Fachzeitschriften sogar als gering einzustufen. Publikationsfonds sind zwar sinnvoll, um besonders relevante Artikel in relevanten Fachzeitschriften für jedermann zugänglich zu machen; sie allein sind jedoch eine unzureichende Antwort auf die dringende Frage, wie die wissenschaftliche Community den Zugang zu ihren Ergebnissen in der Zukunft am besten gestalten sollte.

Publizieren muss innovativ sein

Mit der Digitalisierung ändert sich die Art und Weise, wie Forschung betrieben und rezipiert wird. Open Access bedeutet auch, sich auf neue Arbeits- und Rezeptionsgewohnheiten im digitalen Zeitalter einzustellen.

Ein anschauliches Beispiel für eine neue, digital-affine Publikationsform sind etwa Mega-Journals wie PLOS ONE. PLOS ONE funktioniert eher wie eine Plattform als eine Zeitschrift. PLOS ONE ist multidisziplinär und hat keine Obergrenze für erscheinende Artikel. Diese werden nach einer grundsätzlichen Prüfung auf wissenschaftliche Güte online gestellt. Die wissenschaftliche Community bewertet im Anschluss einen Artikel vor allem über Zitationen, aber auch über Twitter- und Facebook-Shares. PLOS ONE verfügt zudem über eine weitreichende Richtlinie zur Veröffentlichung von Daten und zeigt, wie häufig diese auf figshare (einem Online-Daten-Archiv) betrachtet worden sind. Obwohl PLOS ONE die Beiträge nicht—wie klassische Journale—nach Relevanz vorsortiert und eher mit artikelbasierten Metriken arbeitet, hat das Journal einen beachtlichen Impact-Factor. Dieses Mega-Journal-Modell probieren mittlerweile auch etablierte Verlagshäuser wie O’Reilly mit PeerJ oder Macmillan mit Scientific Reports.

Mega Journals tragen damit einer Forschung Rechnung, die schnellebiger ist, zunehmend interdisziplinär und deren Impact sich nicht unbedingt vor der Publikation abschätzen lässt. Die abgespeckte Review ermöglicht es Artikel früher als klassische Journals zur Verfügung zu stellen. Wenn man bedenkt, dass die Zeit von der Einreichung bis zur Publikation eines Artikels in einem klassischen Journal gut und gerne mehrere Jahre dauert, darf man sich schon die Frage stellen, ob das noch dem Zeitgeist entspricht. Den Mega-Journals ist zudem gemein, dass sie weniger eine kuratierende, als eine prüfende Funktion erfüllen. Sie erproben neue Wege, um Qualität zu identifizieren. Außerdem sind sie ein Ort für Publikationen geworden, die disziplinär nur schwer zu verorten sind, was mit Hinblick auf eine zunehmend kollaborative und multidisziplinäre Forschung keinesfalls zu verachten ist.

PLOS ONE und die anderen Mega-Journals begreifen Open Access nicht nur als den freien Zugang zu einem Artikel. Sie begreifen Open Access auch als eine Art und Weise, Publikationen online zu organisieren.

Neuordnung des wissenschaftlichen Publizieren?

Der Markt des  wissenschaftlichen Publizierens erlebt derzeit einen ähnlichen Wandel, wie ihn auch andere Industrien durch die Digitalisierung erleb(t)en. Auch das wissenschaftliche Publizieren befindet sich im Wandel.

In der Musikbranche konkurrieren traditionelle Musiklabels mit Streaming-Diensten, auf dem Nachrichtenmarkt konkurrieren Zeitungen mit neuen Online-Portalen und auf dem Buchmarkt konkurrieren die Verlage mit Amazon. In vielen Branchen mit Kreativgütern lässt sich mit der Digitalisierung eine ähnliche Entwicklung beobachten: Etablierte Akteure erfinden sich neu, neue Akteure kommen hinzu und innovationsarme Akteure gehen unter. Auf dem Nachrichtenmarkt experimentieren etwa traditionelle Zeitungen online mit neuen Contentformen, Pay-Walls und Mikrotransaktionen. Neue, digital-affine Journalismus-Modelle wie Krautreporter aber auch Clickbait-Journalismus kommen dazu. Innovationsarme Printmedien sterben aus.

Auf dem Markt für das wissenschaftliche Publizieren sind solche Entwicklungen ebenfalls festzustellen: Traditionelle Verlage reagieren auf die Rufe nach Open Access und bieten mittlerweile auch den goldenen Weg an. Neue Akteure wie PLOS ONE, PeerJ, Scientific Reports, aber auch Repositorien wie figshare oder github kommen hinzu. Nur die »Predatory Journals« scheinen so schnell nicht zu verschwinden (wie übrigens auch der Clickbait-Journalismus). Eine ähnliche Balance zwischen alten und neuen Akteuren, also zwischen etablierten Fachzeitschriften, die ihre Artikel auch online vermarkten, und neuen Publikationsplattformen wie PLOS ONE, ist auch beim Markt für das wissenschaftliche Publizieren zu erwarten.

Blickt man auf die innovativen Akteure beim wissenschaftlichen Publizieren, fällt auf, dass viele einen kommerziellen Hintergrund haben. In einem kürzlich bei irights erschienen Interview wies Lambert Heller vom Open-Science-Lab der Technischen Informationsbibliothek Hannover auf die Marktmacht von Start-Ups und traditionellen Verlagen hin, die clever in die digitale Informationsinfrastruktur investieren. Der Politikwissenschaftler Philip Mirowski erkennt in dieser Entwicklung gar ein »neoliberales Projekt«. In jedem Fall ist Open Access auch ein lukratives Geschäftsmodell, wie die oft hohen Publikationsgebühren beim goldenen Weg zeigen. Mit Bezug auf diese Entwicklung, stellt Heller die berechtigte Frage, wie frei das Betriebssystem der Wissenschaft sein sollte und ob man allein kommerziellen Unternehmen die Verwaltung wissenschaftlicher Inhalte überlassen sollte.

Glossa kann zum Vorbild werden

Der Fall des Rücktritts des Redaktionsteams von Lingua und die Re-Organisation zu Glossa ist gerade vor diesem Hintergrund interessant. Das neue Journal Glossa wird durch öffentliche Förderer wie die niederländische Forschungsgemeinschaft getragen (im Übrigen fördert auch die DFG die Gründung von Open-Access-Journalen). Die Organisation der Inhalte und deren Vermarktung findet somit allein durch die wissenschaftliche Community statt. Rooryck zufolge soll eine Publikation in Glossa nicht mehr als 400 Euro kosten (im Vergleich zu den 1.600 Euro bei Lingua). Wenn sich Roorycks Ankündigung bewahrheitet, reduziert sich durch die Re-Organisation die Publikationsgebühr gegenüber Lingua um ein vielfaches. Ein weiterer Punkt klingt vielversprechend für Glossa: In den neuen Editorial Board gehen renommierte Wissenschaftler, die über Jahre an Redaktionserfahrung und Ansehen in der wissenschaftlichen Community verfügen. Die wahrscheinlich größte Hürde für ein neugegründetes Journal ist es nämlich, Renommé aufzubauen und Qualität sichtbar zu machen. Das Renommé stimmt bei Glossa von Anfang an!

Wir befinden uns an einem kritischen und wahrscheinlich entscheidenden Moment, in dem sich der Markt für das wissenschaftliche Veröffentlichen neusortiert. Der Fall Lingua/Glossa zeigt auch, dass Open Access weitergedacht werden kann als allein der Zugang zu wissenschaftlichen Artikeln. Open Access bedeutet auch, die Infrastruktur der wissenschaftlichen Kommunikation im digitalen Zeitalter zu hinterfragen. Warum sollte bei einer neuen Balance zwischen etablierten und neuen Akteure auf dem Markt für das wissenschaftliche Publizieren nicht auch die akademische Wissenschaft selbst eine stärkere Rolle spielen? Die Zeitschrift Glossa könnte in dieser Hinsicht ein Vorbild für andere sein, es ihr nachzutun. Für die wissenschaftliche Community bietet sich die Gelegenheit sich von ihrer Pfadabhängigkeit ein Stück weit zu befreien und über die Bedingungen des Publizierens neu zu verhandeln. Glossa kann man nur viel Erfolg wünschen.

»Lingua« heißt im Übrigen Zunge auf Latein. »Glossa« heißt Zunge auf altgriechisch. Bei Glossa kann man die Namenswahl auch sinnbildlich begreifen.

Danke an Gert Wagner, Sascha Friesike, Sönke Bartling, Jonas Kaiser, Jana Schudrowitz und Lies van Roessel für die wertvollen Kommentare zu dem Artikel.

Foto: User:Dave Wild / FlickrCC BY-NC 2.0

Dieser Beitrag ist Teil der regelmäßig erscheinenden Blogartikel der Doktoranden des Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft. Er spiegelt weder notwendigerweise noch ausschließlich die Meinung des Institutes wieder. Für mehr Informationen zu den Inhalten dieser Beiträge und den assoziierten Forschungsprojekten kontaktieren Sie bitte info|a|hiig.de.

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