Das Internet und Open Innovation für kleine und mittelständische Unternehmen

von Stefan Stumpp

Ein offener Innovationsprozess erfordert laut Europäischer Kommission neuartige Richtlinien und Denkweisen. Erforderlich sind u.a. ein unkomplizierter Zugang zu Kapital, ein wirksamer Schutz von Marken- bzw. Eigentumsrechten und die Förderung von Netzwerken und Kooperationen (detailliertere Informationen an dieser Stelle). Dieser soll Artikel beleuchten, welche Lösungen das Internet bei der Betrachtung dieser Anforderungen bieten kann, insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen (KMU). Das Internet dient nicht nur als Kommunikationsmittel und Instrument im Innovationsprozess, es erlaubt zudem unterschiedliche Interaktionsmöglichkeiten und Integrationsgrade für beteiligte Akteure.

1. Zugang zu Kapital

Eine Abteilung für Forschung und Entwicklung ist für KMU kaum selbstständig zu finanzieren. Auf europäischer Ebene gibt es verschiedene Förderprogramme für Open Innovation, wobei zwischen nationalen- und EU-Finanzierungsprojekten unterschieden werden kann. Beide Arten zielen entweder auf eine vertikale Kooperation zwischen Unternehmen, oder auf die Kooperation zwischen Wissenschaft und Wirtschaft ab. EU-Finanzierungsfonds weisen eine deutliche Tendenz zur Finanzierung von Kooperationen zwischen Wirtschaft und Wissenschaft auf, wobei nationale Fonds insbesondere vertikale Kooperationen fördern sollen (detaillierte Informationen ebenfalls an dieser Stelle).

Plattformen wie Innovation Place oder Seedmatch bieten bereits Möglichkeiten, neue Finanzierungsquellen mithilfe des Internets zu erschließen. Innovation Place ist eine europäische Internetplattform zur Finanzierung von Open-Innovation-Projekten. Diese Plattform unterstützt Unternehmen dabei, entsprechende Finanzierungsmöglichkeiten aus einem Pool unterschiedlichster europäischer sowie nationaler Fonds für ihre Forschungsprojekte  aufzuzeigen. Außerdem sollen ähnliche Forschungsprojekte in Netzwerken zusammengeführt werden. Unternehmen mit weniger als 250 Mitarbeitern, einen geringeren Umsatz als 50 Mio. € pro Jahr und die zu weniger als 25 Prozent zu einem Großunternehmen gehören, erhalten diese Leistungen kostenlos.

Seedmatch hingegen ist eine klassische Crowdfunding-Plattform und dient als Bindeglied zwischen Investoren und Startups. Beim Crowdfunding handelt es sich um die Finanzierung von Projekten durch eine Gruppe von Individuen. Auf diese Weise verteilt sich der finanzielle Aufwand auf viele verschiedene Schultern. Mithilfe von Seedmatch profitieren beide Seiten, sowohl Gründer als auch Investoren. Mithilfe von Mikroinvestitionen können sich Kapitalgeber in frühen Unternehmensphasen beteiligen und gegebenfalls später durch die Beteiligung profitieren. Gründer erlangen Kapital, das Know-How der Investoren, und profitieren vom einem geringen Aufwand aufgrund standardisierter Verträge und Prozesse. An dieser Stelle sollte die Gefahr der »Finanz-Heuschrecken” nicht unerwähnt bleiben, also Kapitalgeber, welche mit überzogenen oder kurzfristigen Renditeerwartungen investieren.

2. Schutz von Wissen, Technologien und Ideen

Unternehmen sind oftmals bestrebt, eigenes Know-How zu schützen. Andererseits erfordert ein offener Innovationsprozess auch einen offenen Umgang mit Technologien und Wissen. Aus diesem Grund ist es wichtig, den Umgang mit Eigentumsrechten für KMU besonders einfach zu gestalten. Der Prozess einer  Patentierung ist teuer, arbeitsintensiv und verläuft in der Entscheidungsfindung dezentral, was bedeutet, dass der Antrag über verschiedene Instanzen läuft.1 Zudem sind die durchschnittlichen Kosten für eine Patentanmeldung in Europa fünfmal höher als beispielsweise in den USA.2 Diese Kosten ergeben sich u.a. aus der Übersetzung, Validierung und jährlichen Aktualisierung der Schutzrechte, welche national divergieren, und stellen insbesondere für KMU ein weiteres Hindernis dar.

 Einen möglichen Ausweg aus dem Bürokratie-Dschungel bietet das ClearingHouse for Intellectual Property (CHIP). Dieser Service unterstützt Markeninhaber und deren Wahrung ihrer Markenrechte, insbesondere beim Domainvergabe-Verfahren im Internet. Das CHIP dient als Schnittstelle und Koordinator zwischen Prozessbeteiligten wie den Markeninhabern, den Registrierungsstellen für Domains, und den Prüfern. Clearingstellen sind insofern sinnvoll, da am offenen Innovationsprozess mehrere Akteure beteiligt sind und dementsprechend mehrere Eigentumsrechte verhandelt werden müssen. Studien weisen allerdings nach, dass die Einbeziehung von Clearingstellen auch potenzielle Konflikte birgt, da oftmals nicht die Wohlfahrt aller beteiligten Akteure gesteigert und in manchen Fällen die Wettbewerbsintensität verringert wird.3

3. Kooperation in der Community

Open Innovation erfordert einen möglichst einfachen Kooperationsprozess zwischen den Beteiligten. Dies können beispielsweise Akteure aus Wirtschaft, Wissenschaft, Staat oder andere Gesellschaftsmitglieder  sein. Das Projekt «Open Innovation Südtirol» möchte genau diesen einfachen Kooperationsprozess fördern, indem es Kleinst- und Kleinunternehmen sowie mittelständische Handwerksbetriebe aus Südtirol im Innovationsprozess unterstützt. Teilnehmende Unternehmen wenden sich mit ihrer Problemstellung an die Community, die anschließend im Rahmen eines Wettbewerbs gelöst wird. Ziel dieser Wettbewerbe ist es, mithilfe von kreativen Usern innovative Ideen für Unternehmen zu generieren. Und es scheint zu funktionieren. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt sind 1.034 Privatpersonen und 84 Unternehmen registriert.4 Offizieller Start der Plattform war am 24.04.2012. Seit dem wurden drei Problemstellungen erfolgreich umgesetzt. Ein viertes Projekt ist momentan aktiv.

Forschung und Entwicklung in virtuellen Teams ist für KMU eine Vorgehensweise, um das Know-How von global agierenden Experten zu bündeln und die eigene Wettbewerbsfähigkeit aufrecht zu erhalten. Die Zusammenarbeit in kleinen, virtuell agierenden Arbeitsgruppen reduziert Kosten, Zeitwand bis zur Markteinführung, ermöglicht eine schnellere Entscheidungsfindung und erhöht die Produktivität.5 Nachteil dieser Form der Kooperation ist ein erheblicher technologischer Aufwand. Die Zusammenarbeit mit einem Partner, der auch die technologischen Ressourcen mit sich bringt, kann Abhilfe verschaffen. BMW stellt mit seiner Virtual Innovation Agency (VIA) so eine Technologie zur Verfügung. BMW sucht auf seiner Plattform gezielt den Kontakt zu KMU für die Erforschung neuer Technologien und eine gemeinsame Kooperation.

Open Innovation und die EU

Neelie Kroes, Vizepräsidentin der Europäischen Kommission und EU-Kommissarin für die Digital Agenda for Europe, betont, dass die Sicherung von Europas Wettbewerbsfähigkeit und Innovationskraft in Zukunft einzig durch das Ausschöpfen der Potenziale, welche sich durch Open-Innovation-Ansätze ergeben, zu bewerkstelligen ist.6 Ein strategischer Ansatz ist die Förderung von Pionierregionen, beispielsweise in Espoo (Finnland). Das sogenannte T3-Areal dient als Testgebiet für Open Innovation auf kleinster Ebene. Hier wurde die Aalto Universität gegründet, welche mit ansässigen Forschungseinrichtungen, Großunternehmen (z.B. Nokia) und auch KMU einen offenen und gemeinsamen Innovationsprozess lebt. Ziel dieser Pionierregion ist die Ableitung politischer Handlungsempfehlungen für die Förderung von Open Innovation auf einer gesamteuropäischen Ebene.

Die Open Innovation Strategy and Policy Group (OISPG) wurde von der Europäischen Kommission gegründet und vereint wirtschaftliche Vertreter, Vertreter aus Wissenschaft sowie Privatnutzer. Die Gruppe unterstützt die Europäische Kommission bei der Entwicklung politischer Konzepte für Open Innovation mit Fokus auf den europäischen Dienstleistungssektor. Open Innovation spielt für die Europäische Kommission eine tragende Rolle zur Umsetzung politischer Maßnahmen im Rahmen der »Digital Agenda for Europe”. Das Internet und die gemeinsame Kooperation von Industrie, Wissenschaft, KMU, sowie privaten und öffentlichen Akteuren sollen zu den ambitionierten Zielen beitragen, Europas Wettbewerbsfähigkeit und Innovationskraft zu steigern.

Fußnoten

1  Vgl. Chesbrough, H., Vanhaverbeke, W. (2011)

2 Vgl. Ebenda.

3 Vgl. Aoki, R., Schiff, A. (2008)

4 Stand: 11.02.13

5 Vgl. Ebrahim, N. A. et al. (2009)

6 European Commission (2012)

Referenzen

Aoki, R.; Schiff, A. (2008). Promoting access to intellectual property: patent pools, copyright collectives, and clearinghouses: R&D Management, Volume 38, Issue 2, pages 189–204.

Chesbrough, H.; Vanhaverbeke, W. (2011). Open Innovation an public policy in Europe: ESADE Business School & the Science, Business Innovation Board AISBL.

Ebersberger, B.; Herstad, S.; Iversen, E.; Som, O.; Kirner, E. (2011). Open Innovation in Europe. PRO INNO Europe: INNO-Grips II report, Brussels: European Commission, DG Enterprise and Industry.

Ebrahim, N. A., Ahmed, S., Taha, Z. (2009). Virtual R & D teams in small and medium enterprises: A literature review: Scientific Research and Essays Vol. 4 (13), pp. 1575-1590. 

European Commission (2012). Open Innovation 2012. Directorate-General for the Information Society and Media.

Dieser Beitrag ist Teil der wöchentlichen Blogartikel der Doktoranden des Alexander von Humboldt Institutes für Internet und Gesellschaft. Er spiegelt weder notwendigerweise noch ausschließlich die Meinung des Institutes wieder. Für mehr Informationen zu den Inhalten dieser Artikel und den assoziierten Forschungsprojekten kontaktieren sie bitte info|a|hiig.de.

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