1. Berliner Kolloquium – “Open Science” oder “Von Wissenschaft und Schrebergärten”

Am 25. und 26. Oktober veranstaltete das Alexander von Humboldt Institut das 1. Berliner Kolloquium für Internet und Gesellschaft. Die dort behandelten Themenschwerpunkte speisen sich aus der neu entworfenen Forschungsagenda und ihren Themenbereichen Internet- und MedienregulierungInternet Policy and GovernanceInternet-basierte Innovation und Globaler Konstitutionalismus und das Internet. In dieser Beitragsreihe schreiben die Doktoranden des Institutes über die einzelnen vorgestellten Forschungsprojekte und die dazugehörigen Diskussionen.

von Benedikt Fecher

Am Donnerstag lud das HIIG junge Wissenschaftler zum Kolloquium über Internet und Gesellschaft in der HomeBase am Alexanderplatz. Im Rahmen des Kolloquiums fand auch ein Workshop zu Open Science statt. Dabei wurde deutlich, dass der Begriff gar nicht so eindeutig ist…

Von Wissenschaft und Schrebergärten

Nehmen wir mal an, die Wissenschaft wäre ein Schrebergarten. Und  in diesem arbeiten Gärtner (Wissenschaftler) in ihren Parzellen; pflanzen Gurken, Tomaten und neuerdings vielleicht Esskürbisse. Und alle werkeln mehr oder weniger friedlich vor sich her (forschen), unterhalten sich mal über den Zaun hinweg oder treffen sich zu Grillfesten bei Heinz, der hat immer die besten Würste (Konferenz mit guten Würsten). Und nehmen wir an, die Idee käme auf, die Zäune abzuschaffen. Dann könnten ja alle überall hin, Tipps und Tricks austauschen, dem anderen beim Anbauen helfen, Gemüse und Würste teilen und so weiter. Schreien dann alle Gärtner sofort ‘Yeah, so machen wir das!’?

Zugegeben, der Vergleich hinkt. Bei Wissenschaft geht es ja nicht um Gurken und Tomaten, sondern um Wissen. Was an dem Beispiel aber vielleicht gar nicht so abwegig ist, ist die Vorstellung, welche Battlefields so ein ‘offener Schrebergarten’ eröffnen würde; welche Fragen aufkommen würden, wenn man so eine recht eigene Parzellen-Kultur wie die Wissenschaft, aufbrechen würde. Wie arbeiten wir dann in Zukunft zusammen (Collaboration)? Was ist dann noch mir (Intellectual Property)? Und was bekomme ich für meine Tomaten (Impact)? In dieser Hinsicht sind sich Wissenschaft und Schrebergarten vielleicht gar nicht so unähnlich. Der Workshop zu Open Science hat jedenfalls gezeigt, wie weit man den Bogen spannen muss.

Open Science ist mehr als Open Access

Dass Open Science mehr ist als der freie Zugang zu Tomaten (Open Access) bemerkte Cornelius Puschmann (der auch hier dazu geblogt hat) schon in der Anmoderation zum Open Science Workshop. Und auch wenn die drei Panelists an diesem Nachmittag in der HomeBase Lounge am Alexanderplatz nicht alle explizit von der Wissenschaft sprachen, so sprachen sie in ihren Präsentationen doch wesentliche Aspekte an, mit denen sich die Wissenschaft auseinandersetzen muss. Und zwar wie wir in Zukunft Wissen generieren, verbreiten und bewerten. Aber der Reihe nach…

Wie wir Wissen generieren

Constanze Engelbrecht von der HafenCity Universität Hamburg stellte ihr Forschungsprojekt (in Kooperation mit Prof. Gernot Grabher) zu offenen Wissensökologien vor. Das Internet ermöglicht es in hybriden virtuellen Communities kollaborativ Wissen zu produzieren. Hybrid werden diese genannt, da sowohl Experten als auch Laien an der Wissensproduktion beteiligt sind. Diese Communities widersprechen traditionellen, institutionellen Organisationsmodellen und lassen das einstmals klare Rollenverständnis von Konsument und Produzent zunehmend verschwimmen. Die Quasi-Anonymität ermöglicht dabei eine Zusammenarbeit der Community-Mitglieder auf Augenhöhe. Diese Communities sind nur auf den ersten Blick losgelöst vom physischen Raum, da sie die kulturell-territoriale Konventionen der Mitglieder widerspiegeln.

Constanze Engelbrecht – by videobuero.de

Zwar beschäftigt sich Constanze nicht explizit mit akademischer Forschung, sondern eher mit virtuellen Communities of Practice (z.B. Koch- oder Freizeitsportcommunities). Dennoch wirft ihre Präsentation die Frage auf, wie sich wissenschaftliche Zusammenarbeit in Zeiten des Internets verändert. Inwiefern werden Wissenschaftler informelle soziale Netzwerke zum Austausch von Ideen nutzen (z.B. Social Networks for Scientists)? Oder wie kann externes Wissen von Nicht-Wissenschaftlern in die Forschung einbezogen werden (z.B. Citizen Science)? Oder etwas allgemeiner: Wie könnte eine fruchtbare Wissensökologie für die Wissenschaft im digitalen Zeitalter aussehen?

Wie wir Wissen verbreiten

Der zweite Panelist, Pasko Bilic von der Universität Zagreb, berichtete über seine Forschung zu neuen Kommunikationsstrukturen. Anhand von Wikipedia und WikiLeaks erklärte Pasko, wie das Social Web neue Veröffentlichungsformen und Agenda Setting Mechanismen hervorbringt. Dabei unterscheiden sich WikiLeaks und Wikipedia grundsätzlich in der Art und Weise, wie Themen gesetzt werden: WikiLeaks versucht aktiv Themen zu etablieren und den Informationsfluss zu kontrollieren. Wikipedia dagegen reagiert auf die Massenmedien. Was beide allerdings gemeinsam haben ist eine neuartige Art und Weise wie Text produziert wird. Wikis erlauben nämlich nicht nur die unmittelbare Verbreitung von Wissen, sondern auch permanentes Editieren. Ein Text ist sozusagen ständig im Entstehen; der Informationsfluss nicht linear.

Pasko Bilic – by videobuero.de

Paskos Präsentation wirft Licht auf neue Möglichkeiten der Publikation von Wissen. Die Frage ist, ob in Zeiten des Internets und des Social Webs physische Publikation (z.B. Printjournals) ausgedient haben und stattdessen digitale und (vielleicht noch progressiver) dynamische Formen der Veröffentlichung an Bedeutung gewinnen. Ein wissenschaftlicher Artikel wäre dann nie wirklich abgeschlossen, sondern immer in der Entstehung. Dies ginge einher mit der großen Frage, wie man eine derartige Publikation bewerten könnte. Eine mögliche Antwort darauf lieferte der dritte Panelist, Christoph Lutz von der Universität St. Gallen.

Wie wir Wissen bewerten

Christoph beschäftigt sich in seiner Promotion mit Altmetrics, also alternative Möglichkeiten, wie Impact gemessen werden kann. In Zusammenarbeit mit der wissenschaftlichen Social Network Site ResearchGate findet hierzu an der Universität St. Gallen derzeit ein exploratives Pilotprojekt statt, das wissenschaftlichen Impact in der BWL über Netzwerkmetriken und die Aktivität von Wissenschaftlern in der Online Community bestimmt. Impact ist demnach nicht mehr abhängig von langwierigen Peer-Review-Prozessen und bisweilen fragwürdigen Journal Impact Factors, sondern auch von Formen der Erwähnung eines Wissenschaftlers oder dessen Publikation in den sozialen Medien (wie etwa Views, Likes, Shares, Bookmarks oder Downloads). Dies würde ein zeitnahes und weniger elitäres Bewerten von wissenschaftlichen Beiträgen ermöglichen. Gleichzeitig muss durch eine breite Streuung des Impact-Faktors mögliche Netzwerkeffekte des Social-Media-Impacts begrenzt werden.

Christoph Lutz – by videobuero.de

 

Wissen wird nicht weniger, wenn man es teilt

Nun klingt das alles vielleicht nach Schrebergarten-Zukunftsmusik, denn nur weil die Zäune verschwinden, heißt das noch lange nicht, dass sich das Parzellendenken der Gärtner in Luft auflöst. Nur weil es neue Möglichkeiten der Wissensproduktion, -verteilung und -bewertung gibt, heißt das noch lange nicht, dass sich diese auch in der Wissenschaftscommunity etablieren. Der Workshop zu Open Science hat die Komplexität von Open Science angedeutet und interessante Perspektiven für die Wissenschaft der Zukunft aufgezeigt. Und vielleicht sind diese drei Visionen über einer neuen Form des Wissen Schaffens gar nicht so weit hergeholt: Anders als bei den Tomaten im Schrebergarten wird Wissen ja nicht weniger, wenn man es teilt. Aber vielleicht vergleiche ich jetzt auch einfach Äpfel mit Birnen.

Ein Gedanke zu “1. Berliner Kolloquium – “Open Science” oder “Von Wissenschaft und Schrebergärten”

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